Im Video: Auf den Spuren eines Einsiedlers - ein rätselhafter Ort im Bayerischen Wald

Von Melissa Kutscher · 30. Mai 2026 um 19:00

Die Sonne scheint, um mich herum höre ich nur das Rascheln von Blättern und das Zwitschern von Vögeln. Ich bin umgeben von hohen Bäumen und sattem Grün. Und direkt am Wegesrand steht, wie ein Fels in der grünen Brandung aus Laub, der Einsiedlerfels. Von unten kann ich nichts erkennen, was auf eine Bearbeitung durch einen Menschen hindeutet. Wenn ich ehrlich bin, bin ich etwas enttäuscht – sollte hier nicht eine Höhle sein? Wenigstens eine Einbuchtung? Fast resigniere ich, gebe mir dann aber doch einen Ruck und ziehe meine Kletterschuhe an. Stetig bahne ich mir meinen Weg Richtung Gipfel über die Felswand, die zwar ziemlich steil ist, aber guten Halt bietet. Ich ziehe mich über die letzte Kante und bin zunächst von der Sonne geblendet – was ich dann sehe, überrascht mich doch.

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Ein Arbeitskollege erzählte mir vor einigen Wochen von dem Felsen. Da er wusste, dass ich Hobby-Sportkletterin bin, und er selbst vor einigen Jahren zu dem Felsen recherchiert hatte, aber selbst nie oben war, hoffte er wohl, mich für das Vorhaben begeistern zu können. Zugegeben – das war nicht schwer. Sobald ich die Worte „Wald“ und „Klettern“ hörte, hatte er mich überzeugt. Zudem konnte ich mir ehrlich gesagt keine Vorstellung davon machen, wie so ein „Einsiedler-Wohnen“ aussehen sollte.

Meine eigenen Recherchen ergaben leider nicht allzu viele neue Informationen: Ja, der Felsen sei als Einsiedlerfelsen bekannt. Den Titel „Baudenkmal“ habe er jedoch nicht verdient, da nicht ausreichend Überreste menschlicher Bauarbeit gefunden werden konnten. Auch konnte mir niemand bestätigen, ob tatsächlich jemand dort gelebt hatte. Manche meinen, der Fels habe in Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg gestanden und sei von Soldaten genutzt worden. Andere verorten ausschließlich die Benutzung eines Einsiedlers.

Der Blick vom Wanderweg auf den Felsen - Foto: Melissa Kutscher

Eine temporäre Bekanntheit erhielt der Felsen zumindest noch einmal im Jahr 2006, als der amerikanische Künstler Jeff Talman ihn für eine Klanginstallation, „Sentinel to the Wind“, nutzte. Auf der Seite „vimeo“ wird der Ort des Geschehens wie folgt beschrieben: „A colossal, singular rock outcropping in the Bavarian Forest was the site of this installation, which covered over 150,000 square feet of forest terrain. Local legend identifies the top of the rock as a hiding place for a German soldier just after World War II had ended in Europe.“ Oder auf Deutsch: „Ein gewaltiger, einzigartiger Felsvorsprung im Bayerischen Wald bildete den Schauplatz dieser Installation, die sich über eine Fläche von mehr als 14 000 Quadratmetern im Wald erstreckte. Einer lokalen Legende zufolge diente die Spitze des Felsens kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa einem deutschen Soldaten als Versteck.“

Legende hin oder her: Der Felsen hatte mein Interesse geweckt. Also packte ich eines Nachmittags meine Kamera und meine Kletterschuhe und machte mich auf den Weg nach Pucher.

Nur eine kurze Wanderung entfernt

Von der Straße aus folgte ich einem Waldweg. Schon nach etwa fünf Minuten ragte, wie aus dem Nichts, ein großer Felsblock vor mir auf. Ist er das etwa schon?, dachte ich mir. Zunächst hatte ich Zweifel. Ich hatte erwartet, von unten eine Höhle irgendwo in der Mitte des Felsens zu sehen, oder zumindest einen Pfad – irgendeinen Hinweis darauf, dass dies nicht nur ein Fels ist, sondern der Einsiedler-Fels. Wenn dort wirklich jemand gelebt haben soll, und sei es nur einer Legende nach – auf etwas muss diese ja begründet sein.

Ich musste jedoch zugeben, allein die Art Gesteins war faszinierend. Wellenartig gemustert schien es aus verschiedenen Schichten zu bestehen. Ich hatte zuvor gelesen, dass es sich dabei um Gneis handelt, ein hartes, sogenanntes metamorphes Gestein.

Danach bemerkte ich, dass sich in dem Fels einige Bohrhaken befanden. Diese werden beim Erschließen von Sportkletterrouten gesetzt, um den Kletternden das Sichern zu ermöglichen. In den gängigen Apps und Portalen konnte ich jedoch leider keine Routenbeschreibungen finden, nur dass der Fels als Kletterfels gelistet war. Vom Bayerischen Landesamt für Denkmalschutz, bei dem der Felsen als Natur- und Bodendenkmal gelistet ist, erhielt ich leider keine Antwort darauf, wie es sich mit dem Schutz von Denkmälern verhält und ob Klettern erlaubt ist. Da ich vom Boden aus keinerlei Hinweise auf eine Stätte eines Einsiedlers entdecken konnte, hatte ich wenig Hoffnung, dass es oben anders aussehen würde. Dennoch: Einer kleinen Klettertour würde ich nie entsagen.

Eine steile Felswand mit lohnendem Ausblick

Die Wand war zwar recht hoch, aber mit sehr vielen kleinen Vorsprüngen zum Steigen und guten Griffen zum Halten, weshalb ich mich dazu entschied, so nach oben zu klettern, wie es einst der Einsiedler getan haben muss: einfach hoch. An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich an guten Tagen etwa im 8. Grad klettere und mir deswegen den Weg nach oben auch ohne Sicherung zutraute. Unerfahrenen Kletterern empfehle ich das ausdrücklich nicht.

Bei dem Gestein handelt es sich um Gneis. - Foto: Melissa Kutscher

Spannend fand ich es dennoch: Es ist nicht einfach, sich vorzustellen, dass dies jemandes täglicher Weg gewesen sein könnte, ohne Hilfe und ohne Equipment, bei jedem Wetter. Als ich endlich über die Kante der Wand blickte, war ich ehrlich überrascht: Vor mir lag ein Plateau, beinahe perfekt rechteckig und komplett eben. Der Boden war sogar mit Gras bewachsen.

Während die „Front“ des Plateaus dem Weg und dem Wald zugewandt war und eine fantastische Aussicht bot, war die hintere Seite von einer etwa drei Meter hohen, senkrechten „Wand“ begrenzt. Die beiden Seiten waren, gleich einer Mauer oder eines Geländers, umgeben von etwa hüfthohem Fels. Bis auf eine rechteckige Aussparung auf der Seite, über die ich eingestiegen war. Sollte das einen „Eingang“ darstellen? Oder war die Aussparung geschaffen worden, um etwas wie einen Balken daran zu befestigen, um einen Wetterschutz zu bauen? Mit Sicherheit sagen konnte ich das nicht, jedoch war auch diese Aussparung ebenso wie das ganze Plateau zu gleichmäßig, um natürlich entstanden zu sein.

Wie herausgehauen: ein Plateau auf dem Gipfel - Foto: Melissa Kutscher

Kletterte man noch die Rückwand empor, bot sich einem ein atemberaubender Rundumblick über die Wipfel der Bäume.

Ich verweilte noch etwas auf dem Felsen und trat dann den Rückweg (oder die Rück-Kraxlerei) an. Für mich stand fest: Die Mythen um den Fels kann ich verstehen.

Wann und wie dieses Plateau mit seinem Eingang entstanden ist, bleibt mir jedoch ein Rätsel. Sollte dort wirklich ein Einsiedler gelebt haben, hätte er sich, bis auf die fehlende „Decke“, meiner Ansicht nach keinen besseren Ort aussuchen können. Geschützt durch die Höhe, mit einer Aussicht über die Natur, abgeschieden von dem Rest der Menschheit, die nichtsahnend den Weg etwa 15 Meter unter ihm begehen.