Hanau-Anschlag: Familie von Fatih Saraçoğlu wartet weiter auf Gedenken in Regensburg

Der Schmerz der Familie von Fatih Saraçoglu sitzt tief. Vor etwas mehr als sechs Jahren wurde der Regensburger im hessischen Hanau von einem Rechtsextremen ermordet. In die Trauer mischt sich allerdings auch eine gewisse Enttäuschung – über die Stadt Regensburg.
Im März wurde der Schwanenplatz im Rahmen einer Kunstaktion des Regensburgers Jonas Höschl nach Saraçoglu benannt. Ein großes Schild wies darauf hin. Diese Umbenennung war allerdings nur temporär. In wenigen Tagen verschwindet der Schriftzug wieder. Ein dauerhafter Gedenkort für das Terror-Opfer, das die Domstadt nur kurz vor seinem gewaltvollen Tod verlassen hat, fehlt nach wie vor. Darauf machte der Neue Kunstverein, der die Kunstaktion begleitete, am Freitagnachmittag aufmerksam. Dabei waren auch Angehörige von Saraçoglu zugegen. Sie kritisierten abermals die Stadt.
Gedenken an Hanau-Opfer in Regensburg: Umbenennung als Stein des Anstoßes
Hayrettin und Derya Saraçoglu, Bruder und Schwägerin des Toten, baten den neuen Oberbürgermeister Thomas Burger (SPD) darum, sich des Themas anzunehmen. Vorstellbar seien eine Grabsteinlegung, eine Gedenktafel oder eine Straßenumbenennung, sagte Derya Saraçoglu. „Wir würden gerne etwas bewegen.“ Man sei bereits in Kontakt mit der Stadt, es seien auch Dinge versprochen worden, sagte Hayrettin Saraçoglu. „Aber bis jetzt hat sich nichts bewegt.“ Sein Bruder sei „ein richtiger Regensburger gewesen“. Daher habe er auch ein Recht auf ein Gedenken in seiner Heimatstadt. „Es ist sechs Jahre her und es hat sich nichts bewegt. Das wundert uns.“
Der Gedanke hinter der temporären Installation am Schwanenplatz sei gewesen, Präsenz zu zeigen. „Damit die Bürger mitbekommen, dass die Familie da ist und etwas machen möchte“, sagte Derya Saraçoglu. „Erinnerung ist wichtig.“ Die Umbenennung habe viele Leute erreicht. Die meisten Reaktionen seien positiv gewesen, betonte Hayrettin Saraçoglu. „Das gibt einem schon Schwung.“ Womöglich, sagte die Schwägerin des Terror-Opfers, habe der Platz manchen Menschen einen Anlass gegeben, sich mit dem Thema Rassismus – auch im Alltag – auseinanderzusetzen. „Jeder muss sich damit beschäftigen und sich selbst konfrontieren. Was passiert ist, gehört jetzt zur Nachkriegsgeschichte.“
Schon alleine hier, am Fatih-Saraçoglu-Platz, zu stehen, sei schwierig. Er wache oft auf und könne noch immer nicht glauben, dass sein Bruder gestorben sei, sagte Hayrettin Saraçoglu. Dessen Tod sei schlicht sinnlos gewesen. Sein Vater sei 50 Jahre in Deutschland gewesen und habe hart gearbeitet. „Und dann wird unsere Familie zerstört. Wofür? Es ist ungerecht.“
Schon bei der Eröffnung der Kunstaktion hatte die Familie von Saraçoglu die Stadt durchaus scharf kritisiert. Man habe sich nicht beachtet gefühlt, erst im vergangenen Jahr habe es ein Treffen gegeben. Die grundlegende Forderung der Angehörigen: Es brauche einen öffentlichen Gedenkort für das Terror-Opfer. Eine geplante Tafel an einer Schule reiche nicht aus. Das Thema sei schlicht zu groß, um von Kindern dargestellt zu werden, sagte die Schwägerin im März.
Gedenken in Regensburg: Stadt verwirft ursprüngliche Idee
Das Verhalten der damaligen Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer bezeichnete die Familie als „verletzend“. Die SPD-Politikerin sagte im März, sie bereue es, den Angehörigen kein Beileidsschreiben geschickt zu haben.
Inzwischen scheint die Stadt auch vom Plan, einen Gedenkort an einer Schule zu schaffen, Abstand zu nehmen. Eine Sprecherin teilte der Mittelbayerischen Zeitung vor einigen Tagen mit, dass man um die tiefe Trauer der Familie wisse. „Zum Gedenken an Fatih Saraçoglu plant die Stadt, am ehemaligen Wohnhaus von Fatih Saraçoglu eine Gedenktafel anzubringen.“ Darüber hinaus betonte die Sprecherin, dass die damalige OB zum Jahrestag des Attentats in diesem Jahr ein Beileidsschreiben an die Familie geschickt habe. Darüber hinaus seien an verschiedenen Schulen Gedenkminuten eingelegt worden.
Heuer soll zudem das Theaterstück „And now Hanau“ in Regensburg aufgeführt werden. Die Stabsstelle Gedenk- und Erinnerungsarbeit sowie Extremismusprävention stehe im Austausch mit der Familie von Fatih Saraçoglu. In Bezug auf die Gedenktafel sagte Derya Saraçoglu, dass dies keine Idee der Stadt gewesen sei. Vielmehr habe sich Helga Hanusa von der Initiative „Keine Bedienung für Nazis“ mit dem Vorschlag an die Familie gewandt. „Wir sind dran“, sagt sie. Sie kündigt darüber hinaus an, an einer Ausstellung zu den Hanau-Opfern zu arbeiten.
Stefan Christoph, Stadtrat der Grünen und damit Teil der Rathaus-Koalition, zeigte sich am Rande der Veranstaltung am Freitagnachmittag offen für eine Umbenennung einer Straße. „Es gibt schon Gespräche. Aber es muss jetzt etwas vorwärts gehen. Es ist zu lange liegen geblieben.“