3500 Bürger wollen Windräder im Seubersdorfer Naturpark Altmühltal verhindern

Am 23. April hat sich für sie die Welt verändert. Die Welt, in der sie unmittelbar leben. An dem Abend haben die Initiatoren der Bürgerinitiative „Nein zum Windpark Wasserstein“ erfahren, was die Firma Primus konkret rund um das Heutal in Seubersdorf und Breitenbrunn im Landkreis Neumarkt plant. Seitdem haben sie mehr als 3500 Unterschriften gegen das Vorhaben gesammelt. Und es werden mehr.
„Wir haben nicht gewusst, was da auf uns zukommt“, sagt Selina Bogner aus Freihausen. Die Zahl der Windräder sei zunächst immer nur für jede Gemeinde angegeben worden, weshalb ihm die Dimension des Windparks Wasserstein nicht von vornherein klar gewesen sei, ergänzt Jakob Hoier. Außerdem habe er geglaubt, dass das Militär Einspruch erheben würde, da das Gebiet für Übungsflüge genutzt werde.

Schon kurz nach der Bürgerversammlung in Ittelhofen schlossen sich gut zwei Dutzend junge Frauen und Männer aus Ittelhofen, Wissing, Waldkirchen, Freihausen und Staufersbuch zusammen, um alle Hebel in Bewegung zu setzen, den Windpark zu verhindern. Dabei ist ihnen durchaus bewusst, dass die Frist, um gegen den Flächennutzungsplan der Gemeinde Seubersdorf zu klagen, längst ausgelaufen ist. Und die Uhr tickt auch, um noch eine Klage gegen den Regionalplan einzureichen.
Junge Leute aus Gemeinde Seuberdorf fühlen sich mit Tal und Natur verbunden
Auch wenn sie sich juristischen Beistand geholt haben, gehe es ihnen nicht darum, vor Gericht zu ziehen, betont Hoier. „Wir appellieren an die Vernunft der Entscheider“, sagt Michael Kühnlein jun.. Die 3500 Unterschriften bewiesen, dass sie mit ihrer Meinung nicht allein stünden.
Sie können nicht nachvollziehen, weshalb ausgerechnet in einem Tal mit intakter Natur sowie seltenen Tier- und Pflanzenarten mindestens zehn Windräder überwiegend in den Wald gebaut werden sollen. Durch den Aus- und Neubau von Zufahrtswegen sowie die Rodung von bis zu einem Hektar Wald pro Fundament werde der zusammenhängende Wald zerstört und das Trinkwasser im Karst gefährdet.

Und das in einem Landkreis, in dem sich bereits 66 Windräder drehen und der schon jetzt rein rechnerisch 144 Prozent Strom aus regenerativer Energie erzeugt. „Es gibt kein Argument für diesen Windpark – außer das Wind-an-Land-Gesetz“, sagt Hoier.
Wer in den Dörfern rund um das Heutal lebe, verzichte auf Läden, Kindergärten oder Schulen im Ort. „Infrastruktur haben wir nicht, aber wir haben unsere Natur, das Tal, den Wald“, betont Kühnlein, der in Waldkirchen lebt. „Wenn die Windräder gebaut werden, zieht der Rest auch noch weg.“ Eine These, die eine junge Frau bestätigt: „Bisher habe ich nie darüber nachgedacht, aber jetzt kommt einem schon der Gedanke.“
Vielen ging es wie uns. Sie wussten nicht, welche Dimension der Windpark annehmen wird.Jakob Hoier, Sprecher der Bürgerinitiative
Die Angebote der Regensburger Firma Primus, günstigeren Strom zu beziehen, sich an einer Schwarmfinanzierung mit Rendite zu beteiligen oder gar eine Bürgergenossenschaft zu gründen, ziehen die jungen Leute nicht ins Kalkül. Beim Sammeln von Unterschriften sei sie mit vielen Leuten ins Gespräch gekommen, berichtet Selina Bogner: „Geld ist kein Thema. Null Komma Null.“ „Natur ist tausend Mal wichtiger als Geld“, pflichtet ihr Joachim Benz bei. „Und die Leute denken um.“
Weil es ihnen nicht nur darum gehe, Unterschriften gegen den Windpark Wasserstein zu sammeln, sondern die Bürger auch zu informieren, stießen sie immer wieder auf Unwissen: „Vielen ging es genau wie uns. Sie wussten nicht, welche Dimension der Windpark annehmen wird“, berichtet Jakob Hoier. Wenig hilfreich seien deshalb die Ansichten gewesen, die die Firma Primus in der Bürgerversammlung präsentiert habe. „Das waren immer nur Ausschnitte.“

Als sehr unrealistisch bezeichnet Architekt Michael Kühnlein jun. außerdem die Visualisierung, die er im Flächennutzungsplan der Gemeinde Seubersdorf entdeckt hat. Mit Blick von Riedhof in Richtung Petersberg heißt es dort, die „simulierten Anlagen der südlichen Potenzialfläche entlang der Gemeindegrenze zu Breitenbrunn sind bereits in einer Höhe von gut zwei Metern über Grund nur noch minimal mit den Rotorspitzen erkennbar“. Für einen Fußgänger sei damit kaum eine Blickbeziehung feststellbar. Erhebliche Auswirkungen „vom Riedhof aus über dem Petersberg in Richtung der Eignungsflächen“ seien darum „nicht zu erwarten“.

Eine Aussage, über die Kühnlein nur den Kopf schütteln kann. Denn diese treffe lediglich dann zu, wenn sich der Standpunkt nahe am Wald befinde. Tatsächlich jedoch ragten die Windräder etwa 260 Meter in die Höhe – während der Kirchturm der Wallfahrtskirche St. Peter und Paul gerade mal 46 Meter messe.
Den Mitgliedern der BI geht es nicht darum, Kritik an Bürgermeistern oder Gemeinderäten zu üben, unterstreichen sie mehrfach. Ihnen sei bewusst, dass die Kommunen aufgrund des Wind-an-Land-Gesetzes versucht hätten, Windkraft an definierten Stellen zu konzentrieren. Und sie sind froh, dass in Seubersdorf eine Bürgerversammlung anberaumt worden ist.
Was sie aber nicht nachvollziehen können, ist, warum ausgerechnet im Landkreis noch mehr Windkraftanlagen errichtet werden müssen, während in anderen Regionen kein Wind zu wehen scheine. Sie fühlen sich von der Politik nicht ausreichend darüber informiert, wie viele Anlagen auf einer bestimmten Fläche überhaupt möglich sind, und ziehen in Zweifel, dass die Umweltverträglichkeit im Vorfeld ernsthaft geprüft worden ist.
Seubersdorfer berichten von Schwarzstörchen und Fledermäusen
Es gebe Fledermäuse und Schwarzstörche, Wasserlöcher mit Molchen, den Biber und viele weitere seltene Tier- und Pflanzenarten. Ganz abgesehen von den Wasserrinnen im Karstgebiet.

„Durch die Anlagen wird mehr zerstört, als wir durch grüne Energie gewinnen“, ist Karin Plank überzeugt. Stattdessen gehe es darum, ohne Rücksicht auf Mensch und Natur ein Gesetz umzusetzen, das die Bürger aufgrund der Subventionen auch noch teuer zu stehen komme. „Solange das Thema Speicherung nicht gelöst ist, sehe ich keinen Sinn in noch mehr Windrädern, die tagelang stillstehen“, sagt Jakob Hoier.
Sprecher des Landratsamts Neumarkt: Gutachten zu Grundwasser und Naturschutz nötig
Wie der aktuelle Stand der Genehmigungsverfahren ist, erklärt Kreissprecher Michael Gottschalk. Demnach hat die Firma Primus Anträge für sieben Windräder gestellt: drei auf Breitenbrunner, vier auf Seubersdorfer Gebiet. Für diese sei das Genehmigungsverfahren schon weit fortgeschritten, jedoch habe das Landratsamt noch detaillierte Gutachten zu Naturschutz und Hydrogeologie (Grundwasser) verlangt.
Zudem habe die N-Ergie Anträge auf Vorbescheid für sechs Anlagen gestellt, Primus für zwei weitere im Staatsforst.
Wie viele Anlagen letztlich gebaut werden können, stehe noch nicht fest, sagt Gottschalk. Alle sechs von N-Ergie sehr wahrscheinlich nicht, denn diese würden durch Verwirbelungen und Turbulenzen die von Primus beeinträchtigen – und diese seien früher beantragt worden. Der Regionalplan sieht die Region um das Heutal übrigens nicht als Vorranggebiet für Windkraft vor, weil zwischenzeitlich die Bundeswehr Einwände dagegen vorgebracht hatte.