Zulieferer AVL in Regensburg: „Es bleibt beim bisherigen Jobabbau“

Der Auto-Zulieferer AVL am Standort Regensburg behauptet sich auf dem schwierigen Markt. Doch im Vorjahr wurden 140 Stellen eingespart. Künstliche Intelligenz übernimmt bisher nur Routineaufgaben, die die Softwareentwickler gerne abgeben. Geschäftsführer Dr. Georg Schwab im Interview.
Im AVL-Gebäude spürt man die Pfingstferien. Auf den Fluren ist es still. Im Treppenhaus eilen nur einzelne Beschäftigte zur nächsten Besprechung. Viele der Softwareentwickler weilen im Urlaub. Fotos erzählen von bedeutenden Meilensteinen: Start in Regensburg 2008, Zusammenarbeit mit der OTH, Durchbruch in China. Die Mitarbeiterin vom Empfang holt Dr. Georg Schwab aus einem Meeting. In seinem Büro hängt junge Kunst aus Regensburg. Beim Interview ist der 65-Jährige um keine Antwort verlegen, auch nicht, als es um Jobabbau geht.
Herr Schwab, im Regensburger Koalitionsvertrag heißt es, die Stadt werde die Unternehmen aktiv bei der Transformation unterstützen, etwa durch Beratung zu Digitalisierung, Energieeffizienz und durch Förderung von Innovationsprojekten. Geplant sind ein Welcome Center für ausländische Fachkräfte und ein Wirtschaftsbeirat, um gemeinsam Strategien zu entwickeln. Reicht das aus? Was wünschen Sie sich von der Rathaus-Koalition?
Dr. Georg Schwab: Mir fehlt die klare Zielsetzung in die Zukunft hinein. Die Stadt sollte Leuchtturmprojekte in den Bereichen Digitalisierung, Mobilität und Energie mit der Wirtschaft vor Ort umsetzen. Die Förderung reicht nicht aus. Zum Beispiel sollte sich eine Digitalisierungsgruppe in der Verwaltung darum kümmern, wie Aufträge die lokale Wirtschaft erreichen könnten. Die Stadt braucht eine Digitalisierungsstrategie, bei der klar herauskommt, welche Vorteile sie Bürgern und regionaler Industrie bietet. Wenn man internationale Mitarbeiter überzeugen will, in die Region zu kommen, braucht es ein Portal, das Fragen zur Anmeldung und zur Wohnungssuche beantwortet – auf Englisch natürlich.
Was könnte in Regensburg besser laufen? Berühren Themen wie das teure Wohnen oder die überlastete Verkehrsinfrastruktur auch Unternehmen wie AVL?
Schwab: Ja, schon, weil gerade der Wohnungsmarkt eine große Herausforderung für alle Mitarbeiter ist, ob sie aus Deutschland oder dem Ausland zuziehen. Vor der Krise, als wir noch mehr Ausländer angeworben haben, haben wir zwei Häuser für sie angemietet. Sonst wäre das ein großes Problem gewesen. Wir beschäftigen schließlich 41 Nationalitäten. Die Verkehrssituation wird sicherlich kritisch, wenn der Pfaffensteiner Tunnel wegen der Sanierung gesperrt wird und die Sallerner Regenbrücke noch nicht gebaut ist. Nach dem Scheitern der Tram braucht es ein neues städtisches Verkehrskonzept. Ein höherwertiges Bussystem reicht wohl nicht aus, man muss autonome Systeme einführen.
Ende 2026 wollen AVL und das Stadtwerk einen autonomen Bus in einem Regensburger Viertel ohne Fahrer auf die Reise schicken. Wie geht das unfallfrei?
Schwab: Technisch ist das machbar, aber Überwachung und Begleitung müssen sichergestellt werden. Abhängig ist das Vorhaben von der Finanzierung, auch mit Fördergeldern von Bund und EU.
AVL gilt als eines der weltweit führenden Mobilitätstechnologie-Unternehmen für Softwareentwicklung, Simulation und Testen in der Automobilbranche. In der Autoindustrie kriselt es. Weichen Sie in andere Bereiche aus? Rüstung? Cybersecurity?
Die Strategien der europäischen Autohersteller sind jetzt wieder klarer. Die japanischen Kunden sind relativ stabil, Indien läuft sehr gut, Korea zuverlässig. Die Tendenz in den USA weist nach oben.Georg Schwab, AVL-Geschäftsführer Regensburg
Schwab: In gewissem Maße schon, ob das Verteidigung oder Luftfahrt ist. Über unsere Konzepte in der Digitalisierung und Elektrifizierung sind wir auch für die klassische Industrie unterwegs, für fertigungsorientierte Mittelständler. Man kann durch Datentransfer in die Cloud und Auswertung über die Cloud Unternehmensprozesse optimieren. Im Mittelstand selbst fehlen die Zeit und auch die Digitalabteilungen dafür. In der Cybersecurity (Datensicherheit) arbeiten wir mit vielen kleinen Firmen, damit sie den Cyber Resilience Act der EU erfüllen können. Wenn sie ihre Daten nicht schützen, ist das eine riesige wirtschaftliche Bedrohung. Das ist wohl das wichtigste Thema der EU.

Der AVL-Mutterkonzern in Graz hat seit 2024 dreimal Stellen abgebaut. Das Programm läuft noch. Was bedeutet der Sparkurs für den Standort Regensburg?
Schwab: Das heißt, auch wir müssen uns an die Gegebenheiten des Marktes anpassen. Die zusätzlichen Bereiche können die Reduzierung im Automobilbereich nicht wettmachen. Wir müssen laufend Ressourcen anpassen. 2025 haben wir in Regensburg rund 140 Arbeitsplätze abgebaut, um für die nächsten Jahre gut aufgestellt zu sein. Dabei bleibt es. Die Strategien der europäischen Autohersteller sind jetzt wieder klarer. Die japanischen Kunden sind relativ stabil, Indien läuft sehr gut, Korea zuverlässig. Die Tendenz in den USA weist nach oben.
Auf welches Softwareprodukt sind Sie besonders stolz?
Schwab: Eines der ganz wichtigen Produkte ist die Leistungselektronik, Herz des E-Autos. Wir waren unter den Ersten, die die 800-Volt-Technologie eingeführt haben, eine Voraussetzung für schnelles Laden und Kostenreduzierung. Zurzeit konzentrieren wir uns auf günstigere, schnellere Softwareentwicklung.
Welche Bedeutung hat Künstliche Intelligenz bei AVL? Fallen durch die KI Jobs weg?
Schwab: Wir sehen die KI momentan als Hilfe, um bei der Softwareentwicklung und bei Prozessthemen wettbewerbsfähig zu bleiben – weil es schneller geht und weil manche Routineaufgaben, die die Entwickler eher ungern gemacht haben, durch KI übernommen werden. Mit Künstlicher Intelligenz können wir einfach prüfen und sicherstellen, dass notwendige Schritte bei der Softwareentwicklung, beim Testen und bei der Absicherung erledigt wurden.
Das Interview führte Marion Koller
In die Stadt gezogen
Karriere: Dr. Georg Schwab stammt aus dem Raum Schwandorf. Er hat an der Uni Regensburg Betriebswirtschaft studiert und über Statistik promoviert. Der 65-Jährige ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Kürzlich ist er mit seiner Frau vom Umland in die Stadt gezogen und genießt die kurzen Wege.
Standort: AVL Software and Functions beschäftigt in der Domstadt rund 350 Mitarbeiter. Weltweit sind es im Konzern 12 000. Das Mutterunternehmen betreibt 90 Standorte. AVL ist das größte, unabhängige Unternehmen für Entwicklung, Simulation und Testen von Antriebssystemen. In Regensburg geht es um Software- und Elektronikentwicklung.