„Heul doch!“– In Regensburg packen Autozulieferer und die Stadt lieber an

Von Marion Koller · 14. Mai 2026 um 09:00

Die Krise trifft Autozulieferer Aumovio genauso wie die Stadt Regensburg: Dass sich das Blatt bald wenden könnte, zeigt der Zukunftsdialog mit dem Wirtschaftsreferenten und der Aumovio-Werkleiterin im Kulturzentrum Degginger

Video ansehen

Wirtschaftsreferent Georg Stephan Barfuß ist ein Menschenfänger. Mit seinen Zukunftsdialogen gelingt es ihm stets, das Kulturzentrum Degginger zu füllen. Auch am Dienstagabend, als es um den Standort Regensburg geht und darum, wie die Automotive-Branche die Krise überwinden kann. Barfuß und Alexandra Bornemann, Standort- und Werkleiterin von Aumovio, diskutieren nicht, sondern plaudern eher. Das verleiht dem Abend Leichtigkeit.

Ein Zuhörer (20) sagt am Rande der Veranstaltung, ihn bedrücke die Wirtschaftslage. Der angehende Mediengestalter hatte die Aussicht, als Werbefilmer von einem Mittelständler übernommen zu werden, doch das ist geplatzt. Er ist gespannt auf den Zukunftsdialog.

„Alexandra, wir müssen Rumänien abhängen“

Als Professor Georg Stephan Barfuß die Bühne betritt, brandet Applaus auf. „Die Probleme, die wir in unserem Land haben, kannst du 1:1 auf Regensburg übertragen“, stellt er fest und zitiert die Worte „Heul doch!“ aus einer Wochenzeitung, die über das deutsche Jammern schreibt, aber auch über die Gabe, in schweren Krisen am stärksten zu sein.

Barfuß nennt Beispiele: etwa Anfang der 2000er Jahre, als Deutschland auch wegen der schwierigen Wiedervereinigung als „kranker Mann Europas“ galt. Starke Exporte, Hartz IV und die Agenda 2010 änderten das. „Doch seit 2019 haben wir null Wachstum“, sagt er. „Wir werden aber wieder goldene Jahre haben.“

Kennen den Standort Regensburg von innen: Wirtschaftsreferent Georg Stephan Barfuß und die Regensburger Aumovio-Chefin Alexandra Bornemann - Foto: altrofoto.de

Barfuß ist stolz darauf, dass die Autoindustrie in Regensburg, BMW und die Zulieferer, „so gut ist“. Aumovio mit knapp 4000 Beschäftigten stellt Airbag-Sensoren, Sicherheitssysteme, Hochleistungsrechner oder digitale Fahrzeugschlüssel her. Barfuß fragt Bornemann, wie wir mit dem scheinbar übermächtigen China und Osteuropa umgehen können. Sie meint, es sei wichtig, sich auf die Menschen einzulassen. Aumovio hat wie die gesamte Autoindustrie einen schweren Stand. Mehr als 92 Millionen Fahrzeuge werden im Jahr weltweit produziert: Knapp 20 Prozent nimmt Europa ab, 25 Prozent kaufen die USA und über 30 Prozent China. „Wir haben nach wie vor eine hohe Innovationskraft.“ Der Deutsche stehe für Sicherheit als oberste Priorität, der Chinese für „digital first“ (Digitales zuerst).

Nach dem Motto „Heul doch!“ kann Alexandra Bornemann mit Jammern nichts anfangen. „Wir müssen anpacken. Es gibt kein Anrecht auf Nichtüberforderung“, lautet ihr Credo. Aumovio in Regensburg – bis zum Herbst vorigen Jahres Continental – hat seine Herstellerkosten seit September 2024 auf rumänisches Niveau reduziert. Innerhalb von drei Jahren hat der Standort seine Energiekosten auf die Hälfte gesenkt. „Wir waren erfolgreich beim Erreichen des Osteuropaziels, weil jeder Einzelne mitgezogen hat“, ist die Diplomkauffrau überzeugt. Für sie ist Innovation die einzige Konstante.

Wir müssen ganz stark digitalisieren und ganz viel automatisieren. Da schüre ich Ängste. Wir müssen die Menschen mitnehmen, damit sie daran glauben können, dass es eine Zukunft für sie gibt.Alexandra Bornemann, Standortleiterin Aumovio

Dass das BMW-Werk Verbrenner, Plug-in-Hybride und E-Autos auf einer einzigen Produktionslinie fertigt, sei ein Beispiel, das Mut macht. Hersteller wie VW scheiterten mit der Konzentration auf E-Autos, weil die Politik die Kaufprämien strich. Bornemann arbeitet bei Aumovio immer wieder am Band mit. Dort habe Mitarbeiterin Maria, Ende 50, zunächst eine Linie mit Material bestückt. Heute seien es drei. Laut Fitness-Uhr lege sie 17 000 Schritte pro Schicht zurück. Maria sage zur Chefin: „Alexandra, wir müssen Rumänien abhängen!“ Bornemann betont, sie habe eine Atmosphäre schaffen müssen, „dass wir uns austauschen und gegenseitig nach vorne bringen“. Wenn es Freude mache, kämen auch kreative Ideen. Barfuß ermöglicht einen Einblick in die Behördenseite, die keine Wettbewerbsfähigkeit kennt.

Ökostrom der Stadt für drei Großunternehmen

Ämter wie die Wirtschaftsförderung bezeichnet er als „crazy“, also richtig auf Draht. Ansonsten versuche er, „seit sechs Jahren, mit meinen Leuten effizienter zu sein“. Die Verwaltung sei konzipiert, um gesetzestreu zu sein, nicht effizient.

Als wegweisend betrachten Barfuß und Bornemann den Innovation Campus, wo Schaeffler, Aumovio, Siemens (zusammen 8000 Mitarbeiter) bei der Energieversorgung mit der Stadt kooperieren. Beim Vorhaben Energieareal Regensburg Ost (ERO) entsteht bis Juli eine Photovoltaikanlage mit elf Megawattpeak. Der Strom wird direkt zu den Firmen fließen. ERO knüpft an eine lange Entwicklung an: Der Standort erfindet sich mit zukunftweisender Technologie immer wieder neu.

Regensburg ist kein Innovationstheater, sondern in vielen Feldern seit langem auf dem Weg, Dinge neu zu denken und umzusetzenJakob Reitinger, Geschäftsführer der Regensburg Tourismus GmbH

Der junge Mediengestalter reagiert etwas enttäuscht auf die Veranstaltung. Gegenüber der MZ merkt er an, er habe Konkretes auch zur Lage junger Arbeitnehmer erwartet.

Besucher Jakob Reitinger, Chef der Regensburg Tourismus GmbH, nimmt durchaus etwas mit: „Dass wir unsere Stärken als Standort noch deutlicher herausarbeiten und offen für Neues bleiben müssen. Neue Formate, Allianzen, Produkte.“ Nur so gelinge es, Regensburg wettbewerbsfähig zu halten und die hohe Lebens- und Aufenthaltsqualität zu sichern. Wichtig gerade in herausfordernden Zeiten seien Innovationen und Markenbildung. „Innovation aber ist seit jeher in der DNA unserer Stadt.“