Irankrise: Die Regensburger Industrie wappnet sich gegen Lieferengpässe

Die Großunternehmen in Regensburg haben aus der Corona-Zeit gelernt und Strategien gegen Lieferengpässe entwickelt. Das Transportgewerbe aber, Spedition und Busunternehmen, stöhnt unter dem Kostendruck durch die hohen Spritpreise.
Die Reinhausen GmbH verfolgt den Krieg im Nahen Osten und die Auswirkungen genau. Auf die Stufenschalter, das wichtigste Produkt, spezialisierte Servicemitarbeiter nutzen etwa keine Gabelflüge über Dubai oder Katar mehr, sondern fliegen direkt an die Einsatzorte.
Der Service im Krisengebiet wurde stark eingeschränkt. Zu Störungen der Lieferketten, die zahlreiche Firmen belasten, sagt Reinhausen-Sprecher Oliver Reetz: „Sicherlich beobachten wir das, aber wir haben gelernt – auch aus der Corona-Zeit.“ Ähnlich äußern sich weitere Industrie-Unternehmen. Das Transportgewerbe aber steht stark unter Druck.
Maschinenfabrik dank hoher Investitionen gut aufgestellt
Die Reinhausen GmbH (bisher Maschinenfabrik Reinhausen) hat ihre Prozesse optimiert und einen dreistelligen Millionenbetrag in den Produktionsstandort Haslbach investiert. „Jetzt sind wir in der Lage, unsere Lieferzeiten auf unter zehn Wochen zu reduzieren“, sagt Reetz. „Wir sind resilient aufgestellt.“ Die Auslieferung freilich liege außerhalb des eigenen Einflussbereiches. Hier verweist er auf die Blockade des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus. Reinhausen, weltweit führend in der Energietechnik, will in Haslbach bis 2030 die Produktionskapazität verdoppeln. Freilich schließt das Unternehmen die Tochtergesellschaft Reinhausen Power Composites, die Isolatoren herstellt, bis Ende des Jahres, weil es sich laut Reetz auf das Hauptgeschäft konzentrieren will und dafür weitere Produktionsflächen braucht. Die Belegschaft solle weitgehend in die Reinhausen GmbH integriert werden, versichert Reetz.
Dauerhaft steigende Kraftstoffkosten könnten das Risiko wirtschaftlicher Schwierigkeiten deutlich erhöhen.Patrick Piwinski, Speditionsleiter von Streit+Co
Fast 14 Prozent der deutschen Industrieunternehmen haben laut Ifo-Institut im April über Beschaffungsengpässe geklagt. „Die Lieferketten geraten spürbar unter Druck“, sagt Klaus Wohlrabe von Ifo. Maschinenbau und Hersteller elektrischer Ausrüstungen spürten die Knappheit bei Vorprodukten ebenso wie die Autoindustrie. Die Industrie-und Handelskammer Regensburg (IHK) arbeitet ein Papier zu dem Thema aus, das Mitte Mai vorgestellt wird. „83 Prozent der deutschen Unternehmen spüren die negativen Folgen der Krise“, sagt Dominique Mommers, Abteilungsleiterin International bei der IHK.
Doch die Regensburger Industrie bleibt so gelassen wie möglich. Maschinenbauer Krones beobachtet punktuell preisliche Anspannungen. „Diese sind derzeit jedoch beherrschbar“, stellt Kommunikationschefin Dr. Anne-Katrin Bräu fest. „Aktuell sehen wir uns nicht mit konkreten Lieferengpässen konfrontiert.“ Krones profitiere von einer breit aufgestellten Lieferkette mit Dual-Source-Strategie sowie überwiegend langfristigen Lieferbeziehungen und Verträgen. Dual-Source-Strategie heißt, dass der Hersteller von Getränkeabfüllanlagen für einen identischen Rohstoff, ein identisches Bauteil mehrere Lieferanten hat.
Das BMW-Werk in Regensburg verfolgt die Entwicklung aufmerksam. „Derzeit ergeben sich keine Beeinträchtigungen in der Versorgung unserer Werke“, sagt Sprecherin Saskia Graser. Oberste Priorität habe die Sicherheit der Mitarbeitenden in der Golf-Region.
Auch Chiphersteller Infineon hat sich gewappnet und verfolgt laut dem Münchner Sprecher Felix Sparkuhle eine Multi-Sourcing-Strategie mit einer gut diversifizierten Lieferkette, zu der verlässliche Lieferanten in verschiedenen Weltregionen gehören. „Wir stehen in engem Kontakt mit unseren Zulieferern und Dienstleistern, um mögliche Auswirkungen zu bewerten und zu minimieren.“ Logistikpartner meldeten vereinzelt Verzögerungen. „Insgesamt hat die Situation nur geringfügige Auswirkungen auf Infineon.“ Schneider Electric hat seine Pläne zur Aufrechterhaltung der Geschäftskontinuität im Nahen Osten aktiviert. Die konkreten Maßnahmen verrät Kommunikationschefin Susanne Backe-Theis aus Sicherheitsgründen nicht. Aber eines betont sie: „Oberste Priorität ist die Sicherheit unserer Mitarbeitenden.“
Die Dieselpreise setzen Spedition stark unter Druck
Bei Siemens behalten Mitarbeiter-Teams die Störungen in der Lieferkette im Auge. „Wir stehen in engem Kontakt mit Kunden und Lieferanten, um im Bedarfsfall Alternativ-Lösungen für ein- und ausgehende Lieferungen zu entwickeln“, erklärt Sprecherin Evelyn Necker.
Wir stehen in engem Kontakt mit Zulieferern und Dienstleistern, um mögliche Auswirkungen zu bewerten und zu minimieren.Felix Sparkuhle, Sprecher Infineon
Für erhebliche Unsicherheit sorgt die Krise am Golf bei der Transport- und Logistikbranche. „Besonders die Entwicklung der Dieselpreise wirkt sich unmittelbar auf die Transportkosten aus“, erlebt Patrick Piwinski, Speditionsleiter von Streit+Co in Obertraubling. Bei den Subunternehmern arbeitet die Firma überwiegend mit festen Konditionen, die durch ein sogenanntes Dieselfloatermodell ergänzt werden. „Dieses orientiert sich an den durchschnittlichen monatlichen Dieselpreisen und soll extreme Schwankungen teilweise abfedern“, sagt Piwinski. Dennoch bleibt der Kostendruck enorm. Gerade kleinere und mittelständische Subunternehmer verfügen häufig nur über geringe finanzielle Rücklagen. „Deshalb könnten dauerhaft steigende Kraftstoffkosten das Risiko wirtschaftlicher Schwierigkeiten bis hin zur Zahlungsunfähigkeit deutlich erhöhen“, befürchtet der Speditionschef.
Gleichzeitig spürt Streit+Co die Auswirkungen auf Kundenseite deutlich. „Aktuell entsteht eine hohe Unsicherheit bei der Kalkulation künftiger Transportkosten bei den Kunden, da die weitere Preisentwicklung kaum verlässlich einschätzbar ist“, beobachtet Piwinski. Starke, kurzfristige Schwankungen beim Dieselpreis erschwerten die Planbarkeit entlang der ganzen Lieferkette.
Ute Laschinger, Chefin des gleichnamigen Busunternehmens, klagt, dass die Erleichterungen beim Spritpreis nicht ankämen. „Momentan ist es schwierig.“ Pro 100 Bus-Kilometer koste der Diesel 13 bis 15 Euro mehr. „Es ist die Frage, wie lange man durchhält.“