Arm und Reich: Wie tief reicht die Kluft in Regensburg?

Von Marion Koller · 2. Mai 2026 um 05:00

In Regensburg leben viele Menschen von Niedriglohn – Und es gibt Einkommensmillionäre, die Arbeitsplätze bieten. So sehen Menschen mit knapper Kasse die gesellschaftliche Lage. Bundestagsabgeordnete aus der Region reagieren mit kontroversen Vorstößen.

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Verkäuferin Diana B. gibt einer Kundin das Kleingeld heraus. In dem Laden in den Arcaden ist die 26-Jährige für alles zuständig, vom Einräumen der Ware bis zum Verkauf. Diana B. verdient Mindestlohn: 13,90 Euro brutto pro Stunde. Für die halbe Stelle sind das 1145 Euro brutto im Monat, rechnet sie vor. In wenigen Wochen wird sie die Filialleitung übernehmen und mehr arbeiten. Allerdings will die Firma auch dann nur den Mindestlohn zahlen. „Ich mache Druck bei der Regionalleitung“, nimmt sich die Verkäuferin vor. Schließlich zahlt sie allein für die Warmmiete in der Altstadt 644 Euro. Die Schere in Regensburg gehe immer weiter auf.

Nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) beziehen in Bayern 16 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten einen Niedriglohn bis 14,32 Euro (Niedriglohnschwelle 2025). In Regensburg arbeiten rund 134 100 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Rechnet man die Zahl der Niedriglohnbezieher hoch, dürfte sie bei knapp 21 500 liegen.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sieht ein wachsendes Gefälle zwischen „Normal- und Spitzenverdienern“ in Regensburg. Oberpfalz-Geschäftsführer Rainer Reißfelder warnt vor einer sozialen Schieflage. „Die einen krempeln die Ärmel in Industrie, Handwerk und Dienstleistung hoch, um über die Runden zu kommen.“ Die anderen verdienten ihr Geld überwiegend an der Börse und mit Unternehmensgewinnen. Damit meint er die 103 Einkommensmillionäre, die in Regensburg leben.

Alexandru liefert schnell aus, dann kommt er früher heim

Vor der eigenen Haustür träfen Welten aufeinander. 1302 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte kommen auf einen Menschen, der ein Einkommen von mindestens einer Million Euro pro Jahr hat. Die Gewerkschaft beruft sich auf Zahlen des Bayerischen Landesamts für Statistik und der Arbeitsagentur. „Es geht darum, dass wenige im ‚Gold-Statuslevel‘ leben“, kritisiert er. „Und dass immer mehr trotz eines Vollzeitjobs darum kämpfen, genug Geld für Miete, Sprit und Lebensmittel zusammenzubekommen“, sagt Reißfelder.

Auch wenn ich Filialleitung werde, will die Firma nur den Mindestlohn zahlen.Diana B., Verkäuferin

Das könne am Ende die Demokratie gefährden. Er fordert eine Vermögenssteuer und eine höhere Spitzensteuer.

Doch die Zahl der geringfügig Beschäftigten hat in Regensburg in den letzten Jahren laut Zahlen der Arbeitsagentur nicht zugelegt. Die Zahl der Einkommensmillionäre ist nur leicht gestiegen. Diese sind zum großen Teil Gewerbetreibende, die Arbeitsplätze bieten. Nur jeder Fünfte ist laut Bayernstatistik angestellt. „Gerade Mittelständler lassen diese Gewinne im Unternehmen für Investitionen und zur Stärkung des Eigenkapitals“, betont der Kreisvorsitzende der Mittelstandsunion, Wirtschaftsprüfer Thomas Zeilhofer. Einkommen in der Höhe würden mit wenigen Ausnahmen nicht aus Kapitalanlagen oder Vermietung erzielt.

Niedriglohn verdienen Friseurinnen, Verkäuferinnen, Paketfahrer oder Gebäudereiniger. Alex (47) etwa ist verantwortlich für die Sauberkeit des Hauptbahnhofs. Er unterhält sich im Übergang zu den Arcaden mit einem älteren Kollegen, der einen Putzwagen schiebt. Bei einer Reinigungsfirma der Deutschen Bahn verdient Alex brutto rund 2600 Euro, nach Steuern 1800 Euro. Weil ihm die Regensburger Mieten zu hoch sind, wohnt er in Regenstauf.

DHL-Express-Fahrer Alexandru Hamuraru hat in der Bahnhofstraße ein Paket abgegeben und steigt wieder in den gelben Transporter. Rund 2000 Euro bleiben ihm im Monat. „Das ist okay“, sagt er. Er könne früher nach Straubing heimfahren, wenn er alles ausgeliefert hat.

Gewerkschafter Rainer Reißfelder appelliert an die Regensburger Bundestagsabgeordneten von CSU und SPD, beim Reformpaket der Regierungskoalition sozialen Kurs zu halten. „Es geht darum, Menschen, die Tag für Tag arbeiten, nicht noch weiter abzuhängen. Sie sind die breite Mehrheit und tragen die Hauptlast: Lohn- und Mehrwertsteuer drücken enorm.“ Gerechte Steuern seien das A und O. „Ein Durchschnittspaar zahlt immerhin 43 Prozent Steuern und Abgaben“, sagt Reißfelder. „Das muss Schwarz-Rot jetzt ändern.“

Hat Deutschland ein Ausgabenproblem?

Welche Ansätze verfolgen die Regensburger Bundestagsabgeordneten von CSU und SPD? Peter Aumer (CSU) betont: „Wer arbeitet, muss am Monatsende mehr im Geldbeutel haben.“ In seinen Augen hat Deutschland kein Einnahme-, sondern ein Ausgabenproblem. „Statt immer neue Belastungen zu fordern, soll die arbeitende Mitte spürbar entlastet werden.“

Eine konkrete Maßnahme nennt er nicht. Die NGG-Forderung nach höherer Spitzensteuer und Vermögensabgaben weist Peter Aumer zurück. Diese gefährde Investitionen, Wachstum und Arbeitsplätze.

Seine SPD-Kollegin Dr. Carolin Wagner beobachtet, dass die Auswirkungen der Kriege und Krisen kleine und mittlere Einkommen am härtesten treffen. Deshalb müsse die Berliner Koalition die Stromsteuer senken, wie im Koalitionsvertrag vereinbart. „Eine Einkommensteuerreform muss genau diese Gruppen entlasten.“ Das gehe nur, wenn höchste Einkommen und Vermögen stärker zur Finanzierung des Gemeinwesens herangezogen werden.