Neandertaler-Frühchen aus der Sesselfels-Grotte Essing ist ein archäologischer Schatz

Von Martina Hutzler · 26. Mai 2026 um 19:00

„Klausi“, der Steinzeit-Mann aus den Klausenhöhlen, erregt derzeit viel Interesse. Weniger bekannt, aber nochmal rund 20.000 Jahre älter ist ein Fund aus der „Sesselfels-Grotte“ über den Dächern Essings im Landkreis Kelheim: ein Fötus, von Neandertalern dort beigesetzt. Der Wissenschaftler Prof. Dr. Thorsten Uthmeier erklärt den unschätzbaren wissenschaftlichen Wert der Grotte.

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Hinter einem Efeu-„Vorhang“ verstecken sich im Felsmassiv über Neuessing gleich zwei archäologisch bedeutsame Halbhöhlen, wissenschaftlich als „Abri“ bezeichnet. Der eine Abri ist in Privatbesitz. Den anderen hat die Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen erworben und gesichert. Denn schon erste Grabungen ab 1964 zeigten: Das rund 50 Quadratmeter große, zu etwa zwei Dritteln fels-überdachten Plateau ist von europaweiter archäologischer Bedeutung. Nicht zuletzt zwei Milchzähne von Kindern barg man dort. Der wichtigste Fund indes ist ein Dutzend winziger Knochen, keines länger als fünf Zentimeter.

Diese Knochen-Fragmente konnten von dem Embryo in der Sesselfels-Grotte geborgen werden. - Foto: Archiv des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der FAU

Zwar fiel schon 1970 auf, dass sie offenkundig in einer kleinen Grabgrube lagen. Aber das geriet in Vergessenheit, bis 1995 Thomas Rathgeber – der eigentlich Tierreste aus der Sesselfels-Grotte untersuchte – den Fund „wiederentdeckte“ und nachwies: Die zwölf Knochenfragmente stammen von einem Menschenkind. Wie man heute weiß, von einem Fötus, der etwas zu früh, wohl in der 38. Woche, geboren wurde und vor oder bei der Geburt starb. Das war vor rund 55.000 Jahren, in der Altsteinzeit.

Der Leichnam wurde von seiner Neandertaler-„Familie“ allem Anschein nach bestattet. Bemerkenswert, erklärt Professor Uthmeier, Inhaber des FAU-Lehrstuhls für Ältere Urgeschichte und Archäologie Prähistorischer Jäger und Sammler: „Es zeigt die hohe Wertschätzung, die schon die Kleinsten genossen haben“. Die Gruppe habe wohl „alles dafür getan, jedes Kind durchzubringen“. Kein Wunder: Eine Neandertaler-Frau gebar nur alle paar Jahre ein Kind, das sie jahrelang stillte. Funde andernorts legen nahe, dass sich die Gruppe ebenso um alte und verletzte Mitglieder kümmerte, sogar Wunden versorgte.

Gesucht waren: Essen, Wasser und ein Baumarkt

Die Neandertaler damals streiften weit herum als Jäger und Sammler, in vermutlich maximal zehnköpfigen Familiengruppen. An einem Ort blieben sie „eher kurz: einige Tage bis wenige Wochen“. Dass Jura-Halb- und Höhlen wie die Sesselfelsgrotte Wetterschutz boten, dürften die Gruppen geschätzt haben, so Uthmeier. Aber in erster Linie machten sie dort Halt, wo es Wasser, jagdbares Wild wie Rentiere, Pferde gab, essbare Pflanzen. Was der Fall war im Altmühltal, damals ein Mosaik aus Steppen und kleinen Wäldchen. Und: In der Nähe gab‘s einen Baumarkt-Vorläufer.

Die Sesselfels-Grotte und die benachbarte Halbhöhle liegen in dem Felsmassiv, an das sich Neuessing schmiegt. - Foto: Hutzler

Um Beute und Ernte zu verwerten, brauchten die altsteinzeitlichen Nomaden Material für Werkzeuge wie Faustkeile und Schaber. In unserer Region nutzten sie dafür den Platten-Hornstein bei Arnhofen. Das zeigen Gesteinsanalysen, anhand derer sich ganze Wanderrouten rekonstruieren lassen.

Die Grabungs-Schichten der Sesselfels-Grotte zeigen, dass die Neandertaler die Grotte ab 110.000 bis 42.000 Jahre vor heute immer wieder aufsuchten – aber längst nicht kontinuierlich. „Teils lagen Hunderte oder gar Tausende Jahre dazwischen“, so der Archäologe. Das liege auch an den klimatischen Veränderungen – die mittelbar wohl auch zum Aussterben von Homo neanderthalensis beigetragen haben.

Eiseskälte bremste Neandertaler stark aus

Noch vor etwa 130.000 Jahren nämlich war die altsteinzeitliche Verwandtschaft von uns „modernen“ Homo sapiens-Menschen europaweit verbreitet und sogar bis zum Kaukasus und nach Sibirien. Aber als es vor etwa 70.000 Jahren eiszeitlich kalt und trocken wurde, brach etwa 5000 Jahre später die Population regelrecht ein, schildert Professor Uthmeier.

Das Gros zog sich auf ein Areal im heutigen Südwestfrankreich zurück. Von diesem „Flaschenhals“ aus breiteten sie sich zwar mit Klima-Wiedererwärmung nochmal aus. Aber die Population war da genetisch schon sehr verarmt. Einer der Gründe, vermutet Uthmeier, warum die Neandertaler vor etwa 42.000 Jahren ausstarben (nachdem sie sich vorher noch mit Homo sapiens vermischt hatten, was die bis zu drei Prozent Neandertaler-Gene in jedem von uns beweisen).

Die Neuessinger Gruppe hat sich am südwestfranzösischen Flaschenhals irgendwie „vorbeigemogelt“, wie der Essinger Fötus verrät: Erlanger Forschende gewannen aus einem Knochen eine winzige Probe; Archäo-Genetiker der Uni Tübingen analysierten sie. Demnach gehörte die Sesselfels-Sippe zu einer Mini-Population von Neandertalern, die man während der hocharktischen Phase bisher ausschließlich im Rhone-Tal verortet hat. Nun wird untersucht, ob sie viel weiter, auch bis ins Altmühltal, verbreitet war, so Thorsten Uthmeier.

Blick in die Vergangenheit relativiert die Gegenwart

Aus genetischen Analysen und archäologischen Funde Szenarien zur Um- und Lebenswelt unserer Urahnen zu rekonstruieren, findet er spannend. Zum einen, „klar, aus klassischem Forscherdrang“. Zum anderen aber auch mit Blick auf die Gegenwart.

„Wir leben in einer Welt, in der Migration eher skeptisch gesehen wird“. Solche Skepsis relativiert sich nach Ansicht Uthmeiers mit Blick darauf, dass schon unsere Urahnen hoch-mobil waren, seit sie sich vor rund zwei Millionen Jahren in Afrika aufmachten, die Welt zu besiedeln. Gruppenweise waren sie einst extrem großräumig unterwegs – etwa vom heutigen Süddeutschland aus bis nach Sizilien –, verglichen mit uns modernen Familienverbänden. Diese Gruppen setzten sich seit je her miteinander auseinander, integrierten sich seit je her gegenseitig. „Solche Erkenntnisse haben, finde ich, schon Einfluss darauf, wie wir heute auf uns blicken.“

Professor Dr. Thorsten Uthmeier ist Inhaber des FAU-Lehrstuhls für Ältere Urgeschichte und Archäologie Prähistorischer Jäger und Sammler - Foto: Thilo Parg

Zum anderen waren schon Neandertaler mit dem konfrontiert, was wir heute, freilich im Zeitraffer, erleben: mit einem extremen Klimawandel. Thorsten Uthmeier findet faszinierend zu beobachten, welch große Herausforderungen die Klima-Extreme damals für die Menschen bedeuteten; wie verletzlich ihre Populationen waren. Aber eben auch, wie sie diese Herausforderungen Jahrtausende lang gemeistert haben: „Mit Empathie, Sorge für die Schwächsten und mit großem Zusammenhalt“.

Forschung in der Sesselfels-Grotte wird im Herbst sichtbar

Historie: Von 1964-1977 und 1981 hat das Erlanger Institut für Ur- und Frühgeschichte in der Sesselfelsgrotte umfangreiche Ausgrabungen durchgeführt und dokumentiert. Unter anderem wurden dabei die Reste des Fötus‘ und zweier weiterer Neandertaler-Kinder gefunden. Auch als Konsequenz aus einer Raubgrabung durch Schüler wurde das Areal stabil eingezäunt; es ist nicht öffentlich zugänglich. Zuletzt fand vor drei Jahren nochmals eine Proben-Entnahme vor Ort statt.

Ausstellung: Die Forschungsarbeit in der Sesselfels-Grotte und an den dortigen Funden wird im Herbst Thema einer kleinen Ausstellung im Archäologischen Museum Kelheim: Mit Postern werden Vorgehensweise und Ergebnisse präsentiert.