Thurn-und-Taxis-Freund in Buch über Piusbruderschaft: „Deutsche Kirchenpolitik wie ein Witz“

Der deutsche Adelige Philipp von Studnitz ist seit vielen Jahren noch aus der Zeit von Fürst Johannes ein enger Freund der Familie Thurn und Taxis. Jetzt hat er ein Buch über die Piusbruderschaft geschrieben. Im Interview sagt der Konvertit, der einst evangelisch war und heute katholisch ist, wieso er die erzkonservative Bruderschaft eigentlich ganz sympathisch findet.
Herr von Studnitz, wie kamen Sie auf die Idee, über die Piusbruderschaft zu schreiben?
Philipp von Studnitz: Das Interesse kam hauptsächlich dadurch, dass das Thema in den letzten Jahren in meinem Leben und meinem Umfeld präsenter wurde. Meine Regensburger Freundin Gloria von Thurn und Taxis zum Beispiel ist sehr an der Tradition der Kirche interessiert und wir reden viel darüber. Auch dadurch wurde das in meinem Kopf virulenter.
Wie haben die Patres reagiert, als Sie den Kontakt suchten?
von Studnitz: Die waren von Anfang an so positiv und angenehm. Ich habe den Patres klar gesagt: Es gibt Punkte bei euch, wo ich sage, nein, das akzeptiere ich nicht. Oder wo ich denke, ihr solltet mal etwas überdenken. Und das haben sie respektiert.
Sie sind Konvertit, sind in eine evangelische Familie geboren. Es fällt auf, dass Konvertiten oft konservativer wirken als gebürtige Katholiken ...
von Studnitz: Es sind zwei Dinge: die Gefühlsebene und die Kopfebene, die durch die Tradition auf besondere Weise angesprochen werden. Ich wehre mich gegen die typischen Erklärungen – dass man das barocke Brimborium mag oder dass es eine Flucht ist, ein Bekämpfen dessen, was man an sich selbst nicht mag. Diesen Selbsthass, der neue Regeln aufbaut, sehe ich bei mir nicht. Das Simpelste ist wohl: Wer konvertiert, hat sich mehr mit dem Glauben beschäftigt als jemand, der hineingeboren wurde.
„Wer konvertiert, hat sich mehr mit dem Glauben beschäftigt"
In Ihrem Buch zitieren Sie Kritiker der Piusbruderschaft, darunter Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Er sagt sinngemäß: Wer das Zweite Vatikanum ablehnt, kann nicht papsttreu und damit nicht katholisch sein. Wie gehen Sie mit dieser Kritik um?
von Studnitz: Ich kann das nur mit einem unauflösbaren Widerspruch erklären. Ich verstehe die Kritik, aber ich finde sie unwesentlicher als das Gute an der Bruderschaft. Deren Intention überwiegt bei mir gegenüber meiner Skepsis über ihre oppositionelle, oft selbstherrliche Haltung.
Mit den Traditionalisten habe ich mich nie so gestritten oder mich so unangenehm überrascht gefühlt, dass ich eine Abneigung entwickeln konnte. In meinen Augen gibt es in deren Gemeinschaft weniger Idioten als in der normal verteilten Bevölkerung.Philipp von Studnitz, Autor und Kirchenkenner
Hatten Sie bei Ihren Recherchen nie den Impuls, sich die Nase zuzuhalten, wie ein Kollege es formulierte?
von Studnitz: Nie. Ich bin zwar versöhnlich und harmoniebedürftig, aber es gibt selbstverständlich Dinge, die mir auf den Wecker gehen. Doch mit den Traditionalisten habe ich mich nie so gestritten oder mich so unangenehm überrascht gefühlt, dass ich eine Abneigung entwickeln konnte. In meinen Augen gibt es in deren Gemeinschaft weniger Idioten als in der normal verteilten Bevölkerung. Das hat mich frappiert. Ich bin kein Menschenfreund, aber diese Menschen – egal ob im Internat in Bonn, in Österreich oder die absurdesten Begegnungen in Amerika – haben mich durch ihre Qualität beeindruckt, inhaltlich und menschlich. Da ist ein hoch anständiger Kern, dazu eine unglaublich gute Bildung und Umgänglichkeit. Wo etwas anscheinend so Gutes läuft, zieht es auch gute Leute an.
Man wirft der Piusbruderschaft vor, Probleme mit Minderheitenrechten zu haben, wie etwa von Homosexuellen. Spürt man das?
von Studnitz: Ich bin kein Missionar, ich bin kein Freund der Mission. Mir liegt die Idee nicht , dass man mit dem, was man selbst findet, auch etwas für die ganze Welt propagieren möchte. Wenn ich das spüre, kommt bei mir der Oppositionsgeist. Ich sehe die Gefahr, aber ich sehe bei der Piusbruderschaft nicht, dass sie Anti-Minderheiten-Handlungen planen würden. Ich sehe es als Meinung, nicht als Programm.
Am 1. Juli droht die Exkommunikation
Gehorsam ist typisch katholisch – aber Erzbischof Lefebvre war gerade nicht gehorsam. Jetzt will die Bruderschaft wieder Bischöfe weihen. Kardinal Müller spricht von "illegalen, aber gültigen" Weihen. Was wird passieren?
von Studnitz: Am 1. Juli wird dasselbe passieren wie 1988. Es wird kurz danach die Tatstrafe kommen, die Exkommunikation. Und das Verhandlungstheater wird weitergehen. Die Bruderschaft sagt: Wir machen, wozu uns der Notstand zwingt. Das Faszinierende ist: Ein von einem illegitim geweihten Bischof geweihter Priester ist trotzdem ein gültiger Priester. Ich habe die Leute immer gefragt: Findet doch einen anderen Bischof! Warum müsst ihr das so machen? Einer der wenigen hochrangige Kleriker, der ihnen wohlgesonnen ist, ist Bischof Athanasius Schneider. In der 'Schaltzentrale Vatikan' haben sie niemanden.
Autor verteidigt die umstrittene Piusbruderschaft
Glauben Sie, dass Papst Leo XIV. einen Weg finden möchte, die Pius-Bruderschaft wieder zu integrieren?
von Studnitz: Das ist Spekulation. Vom Gefühl her: Er hat Kardinal Victor Fernández, den Glaubenspräfekt und Nachfolger von Gerhard Ludwig Müller, als Gesprächspartner eingesetzt, weil es formal der Glaubenspräfekt ist. Aber der Mann ist für traditionelle Menschen die progressive Horrorvision eines Klerikers. Ich glaube, Leo wird die Exkommunikation feststellen müssen. Aber dann wird er, vermute ich, im Sinne der Einheit der Kirche auch Signale senden – und das betrifft nicht nur die Piusbrüder.
Die deutsche Kirche gilt als progressiv, aber weltweit wächst die Kirche vor allem in Afrika und Südamerika – und dort eher konservativ. Wie sehen Sie das?
von Studnitz: Ich sehe das genauso. Bei gebildeten Menschen weltweit wird die deutsche Kirchenpolitik wie ein Witz gesehen. Ich habe neulich einem Priester gesagt: Wir sind nicht deutsch-katholisch, wir sind römisch-katholisch. Man hat süffisant gelächelt. Das Deutsche spricht nicht für die katholische Welt.
Gibt es Verbindungen zu erzkonservativen, innerkirchlichen Organisationen wie dem Opus Dei?
von Studnitz: Was mir sympathisch war: Die Piusbrüder sehen solche Vereine innerhalb der Kirche kritisch. Der Opus Dei war für mich auch immer ein Element, wo ich sagte: Ich brauche doch nicht innerhalb der Kirche noch einen Unterverein. Die Piusbrüder sind überhaupt nicht sektiererisch. Auf mich wirken manche pietistische Württemberger viel sektiererischer. Die Bruderschaft hält sich von charismatischen Bewegungen wie Medjugorje fern. Sie mögen die kirchlich erklärten Wunder wie Lourdes und Fatima, aber diese charismatischen Zweifelhaftigkeiten – dagegen sind sie wirklich.Das Interview führte Christian Eckl.
Der Autor, die Piusbrüder und das Priesterseminar im Landkreis Regensburg
Autor: Philipp von Studnitz wurde 1966 geboren. Zu Lebzeiten freundete er sich mit Fürst Johannes von Thurn und Taxis (1926 bis 1990) und ist seither mit dessen Witwe Gloria und ihren drei Kindern Albert, Elisabeth und Maria Thersia befreundet. Der Konvertit schrieb als Journalist für Verlage wie Axel Springer. Heute lebt Philipp von Studnitz in Feldaffing.
Piusbrüder: Im Nachgang zum II. Vatikanischen Konzil, in dem unter anderem die Messe in Landessprache zur Regel gemacht wurde, spaltete sich die Bruderschaft unter Erzbischof Marcel Lefebvre ab. Der Bruch mit Rom wurde 1988 offiziell, als Lefebvre ohne päpstliche Erlaubnis vier Priester zu Bischöfen weihte. Einer hieß Richard Williamson und leugnete 2008 den Holocaust.
Rauswurf: Williamson tat dies in einem Interview im Priesterseminar der Bruderschaft in Zaitzkofen (Lkr. Regensburg). Er wurde in Abwesehnheit strafrechtlich am Amts- und Landgericht Regensburg verurteilt. Es folgte der Rauswurf aus der Bruderschaft, doch weil ausgerechnet Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation der Bischöfe aufhob, folgte ein weltweiter Kirchenskandal.