Die Weißstörche haben sich erholt – Rekordverdächtige 21 Nester in und um Cham

Wer in Cham einen freien Kamin hat, muss unter Umständen mit neuen Mietern rechnen: Dass sich die Weißstörche seit dem Tiefstand von 1984 wieder erholt haben, spiegelt sich auch in Cham wider. In der Stadt selbst befinden sich neun Nester, im Landkreis sind es ganze 21 bei aktuell 19 Brutpaaren. Jutta Vogl und Dr. Angelika Nelson erklären, was zur Erholung des Bestands geführt hat und wie diese im Landkreis unterstützt wird.
Schon seit über 40 Jahren betreut Jutta Vogl die Horste der Störche in Cham. Als sie damals im Jahr 1984 als Betreuerin angefragt wurde, befand sich die Storchenpopulation auf einem sehr niedrigen Stand. Im selben Jahr und 1994 noch einmal wurde der Weißstorch vom NABU zum Vogel des Jahres gekürt, um auf dessen Gefährdung aufmerksam zu machen.
Mittlerweile aber hat sich der Weißstorch wieder erholt, und das macht sich auch lokal in Cham bemerkbar. Beim Amtsgericht, auf dem Althammer-Kamin, in der Propsteistraße, auf dem Frey-Kamin, im Apothekengässchen, bei Bettfedern Böhmerwald und auf dem Straubinger Turm haben sich insgesamt neun Storchenpaare eine Brutstätte eingerichtet. Im Umkreis lassen sich in Hof beim Fliesenleger Gruber, in Michelsdorf, Untertraubenbach, Chammünster und in Kothmaißling weitere 12 Nester finden.
Eine vor nicht allzu langer Zeit gefährdete Art
Grund für den Tiefstand in den 1980er-Jahren war vor allem der Verlust von Feuchtgebieten als Lebensraum, wie Dr. Angelika Nelson vom Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV) erläutert. Wie der Naturschutzbund (NABU) beschreibt, lebt der Storch in offenen Landschaften, Feuchtgrünland, Flussniederungen und -auen sowie extensiv genutzten Wiesen und Weiden. Durch die Entwertung der Talauen von Flüssen und Bächen durch Gewässerausbau, die Entwässerung von Feuchtgrünland und intensive Landwirtschaft sei es zu jenem Lebensraumverlust gekommen.

Einerseits durch diesen Verlust, andererseits durch den Einsatz von Pestiziden auch in den Überwinterungsgebieten wurde zudem die Nahrungsbeschaffung erschwert, gibt der NABU an. Denn für den Weißstorch stehen unter anderem Frösche, Eidechsen, Froschlurche, Schnecken, große Insekten und deren Larven und Regenwürmer auf der Speisekarte. Ebenfalls problematisch war auch, dass der Vogel in den Überwinterungsgebieten bejagt wurde. „So hat man übrigens überhaupt erst herausgefunden, dass Störche Zugvögel sind – weil einer mit einem Pfeil im Körper wiederkam“, sagt Nelson.
„Während des Tiefstandes wurden Vögel nachgezüchtet. Aber das Verhalten hatte sich geändert“, erklärt Nelson. Die Vögel mussten nicht ziehen, da sie im Winter gefüttert worden waren. Dieses Verhalten habe sich fortgesetzt: Mittlerweile ziehen Störche oft nicht mehr bis nach Afrika, sondern eher nach Spanien – oder bis zur nächsten offenen Mülldeponie, wo sie Nahrung finden.
„Auch der Klimawandel ist dafür ein Grund“, gibt Vogl an. Dass die Störche nicht bis nach Afrika fliegen müssen, um einen Überwinterungsplatz zu haben, sorge dafür, dass sie früher wieder zurückkommen oder gar direkt in Cham überwintern. Das trage natürlich dazu bei, dass weniger Störche die Zugzeit überleben.
Denn allgemein ist diese Zeit für die Vögel eine gefährliche: Das Gelände, in das sie sich begeben, ist für die Störche unbekannt, ebenso, wann und wo sie Nahrung finden. Mittlerweile dürfen Störche nicht mehr gejagt werden, was zu besseren Überlebenschancen während der Zugzeit beiträgt.
Der Bezug zum Vogel hat sich gewandelt.Dr. Angelika Nelson
Nicht nur im Allgemeinen, auch speziell in Bayern und im Landkreis wurde einiges für die Störche getan. 1984 startete nach zwei Jahren Forschungsarbeit das Artenschutzprogramm vom LBV und dem Landesamt für Umwelt im Auftrag des Bayerischen Umweltministeriums zum Schutz und zur Förderung der Weißstorchpopulation. Teil dieses Programms war beispielsweise die Sicherung von Mittelspannungs-Freileitungen, der Ausbau von Feuchtflächen und Nisthilfen, so Vogl.
Gemeinsame Schritte für den Wiederaufbau
Sie ist, nach den Angaben des LBV, eine von rund 300 ehrenamtlichen LBV-Horstbetreuern und für die Horste in Cham zuständig. Ihre Aufgaben sind dabei die Pflege der Nester, die Beobachtung und das Protokollieren von Wieder- und Neubesiedelungen sowie die Bestandszählungen. Deswegen ist sie über sämtliche Nester in Cham bestens informiert. „So viele wie heuer sind es noch nie gewesen“, berichtet sie.
Besonders begeistert zeigt sie sich über die Nester beim Fliesenleger Gruber in Hof: Dort gibt es bereits sieben Nester, und ein achtes wird aktuell gebaut. Die Familie kümmert sich selbst um die Nester und unterstützt so die werdenden Storcheneltern.
Das Artenschutzprogramm des LBV wurde nach dessen Angaben nach dem erfolgreichen Ausbau der Population von gerade mal knapp 60 Brutpaaren Ende der Achtzigerjahre bayernweit auf etwa 500 Brutpaare im Jahr 2017 beendet.
„Allerdings betreibt der LBV immer noch Monitoring der Brutpaare und kümmert sich, wenn was passiert“, sagt Vogl.
Das beinhaltet unter anderem das Abtragen oder Erneuern von Nestern, wie es auf dem Straubinger Turm schon mehrfach nötig war. Da die Störche sich nicht selten auf Kaminen ihr Heim einrichten, muss dafür gesorgt werden, dass diese dennoch in Betrieb bleiben können. Dazu ist viel Zusammenarbeit nötig, wie Vogl erläutert: Es braucht einen Unterbau, der eine gewisse Höhe haben muss, einen umflochtenen Metallkorb, in den das Nest umgelagert werden kann und einen Kran, mit dem die ganze Aktion ausgeführt werden muss. Vogl lobt sämtliche Eigentümer, die den Nestbau trotz des nötigen Aufwands auf ihrem Dach zulassen.

Sollte ein Jungstorch abstürzen und nicht von selbst wieder auf die Beine kommen, ist Vogl ebenfalls zuständig. Die noch nicht ausgewachsenen Störche bräuchten laut Vogl nämlich Anlauf zum Starten, was in der Stadt oft nicht möglich ist. Dann würden die Jungvögel beispielsweise auf eine Wiese in Sichtweite vom Horst gebracht werden, von wo sie starten können.
Jutta Vogl betont, dass sie viele ihrer Informationen zu den lokalen Störchen von den Anwohnern bekommt. Dafür sei sie sehr dankbar und ruft dazu auf, neue Storchsichtungen oder andere Informationen weiterhin ihr oder dem LBV zu melden.