Protest der Leisen wird lauter: Psychotherapeuten in Cham wehren sich gegen Kürzungen

Von Christoph Klöckner · 19. Mai 2026 um 15:00

Die automatische Diätenerhöhung um über vier Prozent für die Bundestagsabgeordneten steht gerade zur Debatte. Entschieden ist dagegen bereits, dass die Kinder- und Jugendpsychotherapeuten über vier Prozent weniger bekommen und außerdem die Zahl ihrer Patienten begrenzt werden soll. Das hat die sonst leisen Helfer laut werden lassen.

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Hilfesuchende stehen Schlange vor den Praxen von Lisa Gesner, Elisabeth Eisinger und Stefanie Dechant in der Gemeinde Wald. „Der Bedarf ist groß“, sagt Lisa Gesner – zwischen acht und 15 Monaten warten die Patienten von 0 bis 21 Jahren auf einen Therapieplatz.

Eine bislang beispiellose Kürzung in dem Bereich

Die drei selbstständigen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen sehen den Beschlüssen des „Erweiterten Bewertungsausschusses“, des obersten Bundesschiedsgremiums in der vertragsärztlichen Versorgung, stets mit Bangen entgegen. „In dem Gremium sitzt nicht einmal ein Kinder- und Jugendpsychotherapeut“, entrüstet sich Elisabeth Eisinger.

Wobei die 4,5-prozentige Leistungskürzung im März beschlossen und gleich umgesetzt wurde. „Das war beispiellos“, so die Psychologinnen. Für die Therapeuten bedeute dies, dass sie umgerechnet einen Monat im Jahr umsonst arbeiten würden. Dazu werde kolportiert, dass in dem Bereich, wo sie arbeiten, von ihnen das große Geld gemacht werde – also ein Abzug hier vertretbar sei.

Lisa Gesner, Elisabeth Eisinger und Stefanie Dechant (v. li.) haben in Wald und in Roßbach ihre Praxen und wehren sich gegen Mittel- und Patientenkürzungen, die aufgrund des hohen Bedarfs völlig fehl am Platz seien und die Gesellschaft wohl teuer zu stehen kommen würden. - Foto: Christoph Klöckner

Die Wahrheit liege woanders, so die drei. „Wir werden zu den Ärzte gezählt und stehen da aber ganz unten in der Einkommenstabelle “, so Stefanie Dechant. „Was da erzählt wird, ist einfach gelogen“, bringt es Eisinger auf den Punkt. Auch, dass der Strukturzuschlag 2026 um 14 Prozent erhöht worden sei – „der ist 2025 erst um 14 Prozent gesenkt worden.“

Ein Deckel für die Gesamtausgaben

Dazu komme, dass nun die Gesamtausgaben gedeckelt werden sollen und die Vergütungen somit eingefroren werden. Dadurch werde die Lücke zwischen Leistung und Bezahlung immer größer. „Dann kann es sein, dass wir noch mehr als einen Monat umsonst arbeiten. Die Folgen sind nicht absehbar“, sagt Stefanie Dechant. Das mache alles unkalkulierbar, es fehle jede Planungssicherheit – „es ist jetzt Hängepartie, die lange dauern kann“, ergänzt sie.

Die drei Therapeutinnen, die sich aus strategischen Gesichtspunkten die Gemeinde Wald als Sitz ausgesucht haben, um junge Leidende aus den Landkreisen Cham, Regensburg und Schwandorf versorgen zu können, füllen halbe Kassensitze, was aber mit einem Halbtagsjob gar nichts zu tun habe. Neben den Therapiestunden gehe es immer auch um den Austausch mit der Schule, Beratungsstellen oder Kollegen wie auch um die Dokumentation. So leise die Arbeit auch vor sich geht, so herausfordernd und kraftkostend ist sie doch, beschreiben die Fachfrauen.

25 Patienten kommen jede Woche

Etwa 25 Kinder oder Jugendliche kommen hier pro Woche in die einzelnen Praxen, um Ängste, Zwangsgedanken, Depressionen, Missbrauch, Mobbing, Coronafolgen, persönliche Krisen und vieles andere in Therapiegesprächen zu bekämpfen. Oft kämen die Betroffenen erst, wenn der Leidensdruck schon erheblich sei. Zudem würden die Krankheitsbilder immer komplexer, hat Stefanie Dechant beobachtet, die seit elf Jahren praktiziert: „Eine Diagnose reicht häufig nicht.“

Die Praxen seien alle am Limit, so die drei Therapeutinnen unisono. „Die Eltern haben teils Anfahrtszeiten von einer Stunde – das nehmen sie in Kauf, weil es keine Termine und Therapieplätze gibt“, erläutert Stefanie Dechant. Gleichzeitig gebe es nur neun solcher Fachleute für Kinder und Jugendliche in Praxen im Landkreis Cham, obwohl die Nachfrage so groß sei, sagt Lisa Gesner. Das Gebiet sei gesperrt für weitere Fachleute. Völlig unverständlich ist das für die drei Fachfrauen, da sie mit ihrer ambulanten Arbeit, die heute eigentlich Ziel im Gesundheitswesen sei, deutlich günstiger seien als eine stationäre Aufnahme.

Patientendeckelung gefährdet Existenzen

Nun sei auch noch geplant, die Zahl der Patienten auf 18 pro Woche zu deckeln, erläutert Lisa Gesner. Das bringe die Praxen, deren Ausgaben auch steigend seien, zunehmend in Existenznot und Endloswartezeiten für die Hilfesuchenden. „Wir können nicht sparen, indem wir Angestellte entlassen – wir haben keine. Und auslagern können wir auch nichts“, sagt Elisabeth Eisinger.

Zudem stünden hinter ihnen auch die eigenen Familien, die versorgt werden müssten. Auch verschiebe eine nicht therapierte Krankheit im Kinder- oder Jugendalter die Probleme in den Erwachsenenbereich und mache vieles schwerer. Was das im Umkehrschluss für die Kommunen auch bedeute, dass die geplante massive Reduzierung für Kinder- und Jugendtherapieplätze am Ende zu Mehrkosten für Städte, Gemeinden und die Gesellschaft allgemein führen werde – denke man allein an Frühverrentungen wegen psychischer Erkrankungen und deren Kosten. „Aus gescheiterten Kindern werden gescheiterte Erwachsene“, bringt es Elisabeth Eisinger auf den Punkt.

Warum gerade der Bereich als Sparziel ausgewählt worden sei, der nur geringe Kosten produziere, liege auf der Hand. Kinder und Jugendliche seien leichte Opfer, außerdem sei die Psychotherapie frauendominiert, wo man als Entscheider aus der Erfahrung heraus wohl am wenigsten Widerstand erwarte, sind sich die drei sicher.

Demo am Donnerstag in Regensburg

Das soll dieses Mal aber anders laufen. Netzwerke sind geknüpft, um laut zu werden und Debatten auszulösen: „Vielen ist nicht klar, was da passiert.“ Darüber stehe auch eine größere Frage, so die drei Experten: „Wo wollen wir hin als Land?“

Um ihrem Ärger Luft zu machen und auf die gesellschaftspolitischen Probleme hinzuweisen, wenn die Einsparungspläne weiter so verfolgt werden, gehen die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten auf die Straße. An diesem Donnerstag wird in Regensburg um 16 Uhr auf dem Haidplatz demonstriert. Die Therapeuten haben sich mittlerweile organisiert, um lauter zu werden gegen das Streichkonzert und für ein Mitspracherecht. In Regensburg gab es bereits mehrere Demonstrationen zum Thema.