Gutachten zu belasteten Straßennamen: Was kommt da auf Regensburg zu?

Wie geht Regensburg mit NS-belasteten Namen von Straßen, Plätzen und Parks um? Umbenennungen sorgten in anderen Städten schon für Konflikte. Welche Adressen hier betroffen sind, ist noch offen.
Laut dem neuen Koalitionsvertrag sollen Straßennamen mit eindeutig menschenfeindlichem oder nationalsozialistischem Hintergrund überprüft und bei Bedarf umbenannt werden. Wie derlei Umbenennungen ablaufen und warum dieser Schritt eine Stadtgesellschaft durchaus polarisieren kann, schilderten zwei Historiker im Thon-Dittmer-Palais.
In Regensburg arbeitet eine Historikerin an einem Gutachten, das die Namensgeber auf den Straßenschildern wie bei einer Ampel in drei Kategorien einteilt: Grün für unbedenklich, Gelb für NS-Belastung, die eine Kontextualisierung klären soll, und Rot, was für eine deutliche NS-Belastung sprechen soll und eine Umbenennung zur Folge haben könnte. Dieses Gutachten befindet sich laut Juliane von Roenne-Styra, Pressesprecherin der Stadt, in der Finalisierungsphase. Im Anschluss soll eine Fachkommission eine Empfehlung an den Stadtrat geben, welche Straßennamen eingeordnet oder umbenannt werden sollen.
Während eines Zwischenberichts hatte die Historikerin im Jahr 2024 neue Namen für sieben Straßen empfohlen: Dornier-, Messerschmitt- und Heinkelstraße, Herbert-Quandt-Allee, Watzlikstraße, Agnes-Miegel-Weg und Franz-Hartl-Straße.
Einstellungen zu geehrten Personen verändern sich
Warum dieser Schritt konfliktbehaftet sein kann, erklärte während der Podiumsdiskussion des Zentrums Erinnerungskultur Prof. Dr. Martina Steber. Sie begleitete diesen Prozess in Kempten und Kaufbeuren. Die Ehrung einer Person mit einem Straßennamen verlange nach Eindeutigkeit. „Solche Ehrvorstellungen unterliegen aber ebenso dem Wandel wie Vorstellungen über das, was Größe und Leistung einer Persönlichkeit ausmacht“, sagte sie.
Wie können Stadtgesellschaften mit möglichen Konflikten umgehen? Die Wissenschaftlerin sprach demokratisch organisierte Verfahren unter Einbindung wissenschaftlich gestützter Expertise an, was aber Zeit brauche. Wissenschaftler könnten zwar beraten, den Verantwortlichen die Entscheidung aber nicht abnehmen. „Die getroffenen Entscheidungen sind transparent zu machen“, forderte Steber.
Wie der Prozess in Tübingen ablief, schilderte Prof. Dr. Johannes Großmann, der die Untersuchung dort leitete. Dort seien in der Folge der Eingabe einer Fraktion zu elf Namen in den Stadtrat alle Straßen überprüft worden. Dies sei von einer wissenschaftlichen Kommission begleitet worden, die 18 Straßennamen untersuchte und bewertete. Weil diese Arbeit Zeit beansprucht habe, seien die zur Diskussion stehenden Namen kenntlich gemacht werden: Mit Knotenskulpturen im Pfosten der Straßenschilder. QR Codes lieferten Informationen zur Debatte. Schließlich habe die Kommission empfohlen, sechs Straßen umzubenennen. Im Fall einer weiteren Straße sollte diese ihren Namen behalten. Der sollte aber erklärt werden. Nach einer größeren Debatte in der Stadt über den Umgang mit der Clara-Zetkin-Straße, habe die Entscheidung im Gemeinderat dann folgendermaßen ausgesehen: Umbenannt wurde laut Großmann eine Straße. Zwei seien umgewidmet und zu Ehrungen für andere Personen erklärt worden. Drei Straßen behielten ihren Namen laut dem Wissenschaftler. Zudem sei die Clara-Zetkin-Straße ihren Knoten losgeworden, dafür habe die Bismarckstraße einen bekommen.
So verlief die Debatte in Kaufbeuren und Kempten
In Kaufbeuren sei laut Steber, die den Prozess begleitete, nach einem Vortrag Kurat Frank die Ehrung mit einem Straßennamen entzogen worden. Sie sprach von einem relativ konsensualen Vorgehen, das sich auf andere Straßennamenpaten erstreckt habe.
In Kempten sei die Benennung einer Straße nach Richard Knussert, der laut Steber für einige Jahre das Amt des Gaukulturrats der NSDAP bekleidet hatte, von zwei Schülern skandalisiert worden. Diese Debatte sei ungleich konfliktärer als in Kaufbeuren und politisch aufgeladen gewesen. Das habe zur Spaltung des Stadtrats in zwei Lager geführt. Es sei zum Entzug des Straßennamens mit knapper Mehrheit im Stadtrat gekommen. Eine politisch besetzte Kommission habe in der Folge 82 Straßennamen überprüfen lassen. Die Abstimmung über die Umbenennungsempfehlungen obliege nun dem neuen Stadtrat.
„Moralisierung schadet der Aufarbeitung“, warnte Seber. Werde die Untersuchung aber dazu benutzt, tieferes Verständnis für die Mechanismen von NS-Regimen zu vermitteln, sei viel gewonnen. Darin liege eine große Chance für die Deutsche Gesellschaft der Gegenwart.