NS-belastete Straßen: Stadt Regensburg hält Gutachten geheim

Eigentlich ist es seit Juli beschlossene Sache: Für Regensburger Straßen, die nach Personen mit NS-Belastung benannt sind, soll ein Umbenennungsverfahren eingeleitet werden – auf Basis eines wissenschaftlichen Gutachtens. Das ist inzwischen fertig, die Stadt hält es aber geheim. Zuerst soll sich eine Expertenkommission damit beschäftigen – zusätzlich zu einer bereits aktiven, mit Stadträten besetzten interfraktionellen Arbeitsgruppe.
Dabei hatte der Stadtrat eine Begutachtung bereits 2020 beschlossen, nach viel politischem Hickhack wurde aber erst 2023 eine Expertin beauftragt. Einen Zwischenstand präsentierte Historikerin Susanne Wein 2024. 40 Namenspatrone stufte sie damals als belastet ein. Neue Namen empfahl sie für sieben Straßen, bei denen eine „deutliche NS-Belastung“ vorliege und die sie einem Ampelprinzip folgend rot markiert hatte.
Sind inzwischen mehr als sieben Straßennamen rot markiert?
Vier damals „rote“ Straßen sind nach Industriellen benannt: Dornier-, Messerschmitt- und Heinkelstraße im Westen und die Herbert-Quandt-Allee im Osten. Zwei Straßen heißen nach vom Regime geförderten Schriftstellern: die Watzlikstraße in Ziegetsdorf – in der sich prompt Anwohnerprotest gegen eine Umbenennung regte – und der Agnes-Miegel-Weg in Burgweinting. Die siebte „rote“ Straße war die nach einem NS-Obertruppführer benannte Franz-Hartl-Straße im Südosten Regensburgs. Die „gelben“, also nicht ganz so stark belasteten Namensgeber, wurden auch damals nicht veröffentlicht. 2024 waren laut Wein noch 13 Namen in der Recherche. Welche Straßen nun letztlich auf Weins Liste stehen, wissen im Moment nicht einmal die Stadträte der interfraktionellen Arbeitsgruppe. Dabei haben sie – so beschloss es der Stadtrat im Juli 2025 – den Auftrag, über jede als rot gekennzeichnete Straße zu diskutieren und eine abschließende Empfehlung für den Stadtrat über eine Umbenennung zu bearbeiten. Nun soll aber erst einmal eine „ortsansässige Kommission“ eine Stellungnahme zum Gutachten abgeben, so erfuhr es die interfraktionelle Arbeitsgruppe in ihrer bisher einzigen Sitzung.
Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra sagt, die Historische Fachkommission habe das Bildungsreferat in Absprache mit der Gutachterin einberufen. Mitglieder sind Ilse Danziger, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Lorenz Baibl, Leiter des Amtes für kulturelles Erbe, Mark Spoerer, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität sowie Stadtheimatpfleger Gerhard Waldherr, ebenfalls Historiker. So ein Vorgehen sei gängig, so von Roenne-Styra. „Das Gutachten einer Einzelperson wird in vielen Fällen durch die Empfehlung einer ortsansässigen Kommission ergänzt.“
Straßenumbenennungen sind politisch hoch umstritten
Politisch sind Straßenumbenennungen hoch umstritten. Selbst die SPD der Oberbürgermeisterin ist gepalten. Während sich Gertrud Maltz-Schwarzfischer deutlich für Umbenennungen aussprach, ist OB-Kandidat Thomas Burger nur in Einzelfällen dafür und ansonsten wie die CSU für Kommentierungen, die die NS-Belastung nicht tilgen, sondern kenntlich machen. Dementsprechend zeigt sich Burger zufrieden mit der Extra-Runde vor der Kommunalwahl im März. „Ich fände es wirklich gefährlich, wenn dieses Thema ein Wahlkampfthema werden würde“, sagt er.
CSU-Stadträtin Bernadette Dechant betont, die CSU sei nach wie vor für Kontextualisierungen, auch wegen des „immensen Aufwands“ von Umbenennungen für Bürger und Firmen.
Straßenumbenennung ist keine Raketenwissenschaft.Theresa Eberlein, Grünen-Stadträtin
Bei den Fraktionen, die für eine zügige Vergabe von neuen Namen sind, sorgt das Vorgehen der Stadt dagegen für Unmut. So vermutet Brücke-Stadtrat Thomas Mayr eine „Verzögerungstaktik“. „Ich habe so ein bisserl den Eindruck, man will das dem neuen Stadtrat überlassen“, sagt er. Letztlich habe die Brücke der Expertenkommission aber zugestimmt, „weil wir sonst befürchtet hätten, dass es total versandet.“ Theresa Eberlein (Grüne) hält eine zusätzliche Arbeitsgruppe ebenfalls für nicht nötig. „Wir gehen da mit, drängen aber auf eine schnelle Umsetzung“, das habe ihre Fraktion sehr klar gemacht. „Straßenumbenennung ist keine Raketenwissenschaft.“
Die Öffentlichkeit soll erst nach den „laufenden Arbeiten“ der Kommissionen erfahren, welche Straßen rot oder gelb markiert sind. Wann das sein soll, ist offen. „Wie lange die Historische Fachkommission für die Stellungnahme benötigt, ist aktuell noch nicht abschätzbar“, so Stadtsprecherin von Roenne-Styra.