Galgenfrist für früheren Regensburger Museumschef Walter Boll

Die Grünen forderten in der Sitzung des Stadtrats am Mittwoch, dass sich die Stadt endlich von ihrem früheren Kulturdezernenten Walter Boll distanziert, wegen dessen NS-Belastung. Eine Mehrheit fand sich dafür nicht – und die Grünen vertagten die Entscheidung.
Ein ganzes Buch über „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ in der NS-Zeit hatte Grünen-Fraktionschef Daniel Gaittet am Mittwoch im Stadtrat dabei. Mehrere Seiten las er daraus vor über den ehemaligen Museumschef, Kulturdezernenten und Ehrenbürger der Stadt Walter Boll, dem die Stadt nach Meinung der Grünen diese Würde endlich nehmen soll, überschritt dafür die übliche Redezeit. Am Ende stellten die Grünen das Anliegen zurück, weil eine Mehrheit des Stadtrats eine Doktorarbeit über Boll abwarten will.
Erreicht haben sie dennoch etwas: Das Grab von Hans Watzlik wird die Stadt wegen dessen NS-Belastung ab 2026 nicht mehr unterhalten. Zudem beauftragte der Stadtrat die Verwaltung einstimmig, die Biografien aller Ehrenbürger sowie mit Ehrengräbern Geehrten auf mögliche NS-Belastung wissenschaftlich untersuchen zu lassen, und bekräftigte damit einen entsprechenden Auftrag von Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer (SPD) vom März. Die mit der Untersuchung zu Straßennamen mit NS-Bezug beauftragte Historikerin Susanne Wein hatte den Schriftsteller Watzlik als stark belastet eingestuft. Sie hatte auch die Aufgabe des Ehrengrabs empfohlen, wie Bildungsreferentin Sabine Kellner-Mayrhofer anmerkte. Der Stadtrat folgte dem einstimmig. AfD-Stadtrat Erhard Brucker hatte den Sitzungssaal vor den beiden Abstimmungen verlassen.
Grüne: Ehrenbürgerschaft von Walter Boll ist eine Schande
Über Bolls Ehrenbürgerwürde sagte Gaittet: „Wir vertreten die Auffassung, dass die bisher über Walter Boll bekannt gewordenen Erkenntnisse ausreichend sind, um 80 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus dieser Schande ein Ende zu bereiten.“
OB Maltz-Schwarzfischer sagte: „Die NS-Belastung von Walter Boll ist unstrittig.“ Sie folge der Rechtsauffassung, die Ehrenbürgerwürde könne der betroffenen Person nach deren Tod nicht aberkannt werden. Der Stadtrat könne sich aber von der Persönlichkeit distanzieren, sie aus der Ehrenbürgerliste streichen. Sie empfehle aber, dass er zuvor die Doktorarbeit zu Boll, die gerade entstehe, abwarte. „Wir haben im Kulturausschuss beschlossen, dass wir zunächst mal eine fundierte wissenschaftliche Aufarbeitung wollen, um das dann zu entscheiden.“ Die Oberbürgermeisterin verwies damit auf Stadtrats-Debatten ab Ende 2022, als Einzelstadtrat Jakob Friedl einen Vorstoß zu Boll unternommen hatte.
Kulturreferent Wolfgang Dersch erklärte, Robert Werner, der Autor des von Gaittet zitierten Aufsatzes, mache einen „hervorragenden Job“, aber hobbymäßig beziehungsweise fast semi-professionell, komme an gewisse Quellen nicht heran. „Es ist wichtig, das wissenschaftlich aufbereiten zu lassen, und damit auch in einen größeren Kontext zu stellen mit anderen Städten.“ Ansonsten würde die Stadt der von ihr beauftragten Arbeit an der Universität vorgreifen.
Eine Mehrheit des Stadtrats folgte dieser Argumentation. CSU-Fraktionschef Michael Lehner stellte die rhetorische Frage: „Wieso sollten wir mitten im Auftrag eine Entscheidung treffen, wenn wir das zahlen müssen?“ Thomas Mayr (Brücke) sagte: „Es ist total wichtig, dass wir da sauber, wissenschaftlich arbeiten und argumentieren.“ Er fragte, ob Wein auch Boll überprüfen könne; dazu wäre allerdings ein neuer Auftrag nötig.
Nur wenige Stadträte sind bereit, sich sofort von Boll zu distanzieren
Auch Alexander Irmisch (SPD), Kerstin Radler (Freie Wähler) und Horst Meierhofer (FDP) plädierten fürs Abwarten. Nur Benedikt Suttner (ÖDP) sowie die Einzelstadträte Christian Janele (Christlich-Soziale Bürger), Ingo Frank (Die Partei) und Friedl (Ribisl-Partie) zeigten sich bereit, sofort für den Grünen-Antrag zu stimmen.
Grünen-Fraktionschef Gaittet hielt Dersch zugute, er sei der Erste an der Spitze der Kulturverwaltung, der sich an das Thema NS-Aufarbeitung herangetraut habe, obwohl der Stadtrat 2008 einen entsprechenden Beschluss gefasst habe. „Walter Boll ist eine Leiche im Kulturreferat.“ Die Boll-Doktorarbeit sei auch wichtig, aber für eine Entscheidung nicht mehr nötig. Er wünsche sich, dass zeitnah wieder über das Thema gesprochen werde.
Walter Boll
Funktionen: Die Grünen legen Boll in ihren Anträgen zur Last, er sei am 1. Oktober 1933 in die Sturmabteilung der NSDAP eingetreten und habe als Führer des gleichgeschalteten Historischen Vereins für den Ausschluss der jüdischen Mitglieder gesorgt.
Aktivitäten: Boll habe die Verbreitung nationalsozialistischer Propaganda organisiert, habe „arische“ Kunst gefördert und „jüdisch-bolschewistische“ Kunst verunglimpft sowie Raubkunst aus jüdischem Eigentum vereinnahmt, so die Grünen.