Expertin empfiehlt neue Namen für sieben Regensburger Straßen

Nach dem Ampelprinzip hat die von der Stadt beauftragte Historikerin Susanne Wein Straßen, Plätze und Parks in Regensburg auf eine mögliche NS-Belastung überprüft – und sieben davon rot markiert.
Das sagte sie am Mittwochabend im Rahmen eines Zwischenberichts den Mitgliedern des Bildungsausschusses. Die Stadträte müssen noch entscheiden, welche Straßen die Stadt tatsächlich umbenennt.
Die lange Vorgeschichte von Weins Vortrag lässt erahnen, wie politisch umstritten das Thema ist. Im Juli 2020 hatte der Bildungsausschuss beschlossen, dass die Stadt sämtliche Namen von Straßen, Plätzen und Gebäuden auf einen Zusammenhang zur Zeit des Nationalsozialismus oder einen anderen antidemokratischen Hintergrund untersuchen lässt. 2022 hatte der damalige Bildungsreferent angekündigt, einen Begleitausschuss einzusetzen, der auch politisch besetzt sein sollte. CSU und FDP forderten, das Thema müsse rein wissenschaftlich bearbeitet werden – der Ausschuss kam nie. Am Mittwoch empfahl Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer (SPD), zügig eine interfraktionelle politische Arbeitsgruppe einzuberufen, die von einer Fachkommission beraten werden solle.
Rot heißt „deutlich belastet“
Wein bekam 2023 den Auftrag, nach Personen benannte Straßen, Plätze und Parks auf mögliche Belastungen zu analysieren. Einen möglichen NS-Bezug nahm sie zuerst in den Blick. Wein trug vor, von 1345 Örtlichkeiten seien 551 nach Personen und Familien benannt. Ende des 19. Jahrhunderts und im 20. Jahrhundert hätten 168 Personen gelebt, die NS-belastet hätten sein können. 78 hätten sich als unbelastet herausgestellt, hier steht die Ampel auf Grün. 13 seien in der Recherche. „Bei 40 Namenspatroninnen und -patronen ist NS-Belastung vorhanden“, sagte Wein. Gelb bedeutet, dass der Name „diskussionswürdig“ ist. Bei Rot ist eine „deutliche NS-Belastung vorhanden“ und Wein empfiehlt eine Umbenennung. Das betrifft im Moment sieben Straßen.
Vier „rote“ Straßen sind nach Industriellen benannt, namentlich Dornierstraße, Messerschmittstraße und Heinkelstraße im Westen und die Herbert-Quandt-Allee im Osten. Wein: „Die drei Flugkonstrukteure Claude Dornier, Ernst Heinkel und Willy Messerschmitt sowie der Industrielle Herbert Quandt waren klare Unterstützer und Nutznießer des NS-Regimes. Sie machten kriegswichtige Arbeit und in ihren Werken wurde Zwangsarbeit ausgebeutet.“ Zwei Straßen heißen nach vom Regime geförderten Schriftstellern, die Watzlikstraße in Ziegetsdorf und der Agnes-Miegel-Weg in Burgweinting. Auf der roten Liste steht auch die nach einem Autogroßhändler und Obertruppführer im NS-Kraftfahrerkorps benannte Franz-Hartl-Straße im Südosten. Es gebe starke Hinweise, dass er am Novemberpogrom 1938 beteiligt gewesen sei.
OB Maltz-Schwarzfischer stellte klar: „Es kann sein, dass wir in der politischen Diskussion sagen, da wollen wir trotzdem keine Umbenennung, obwohl es rot ist.“ Die Debatte zeigte, als wie heikel die Stadträte Umbenennungen einschätzen. Alexander Irmisch (SPD) betonte: Wichtig sei, bei dem emotional diskutierten Thema die Bürger mit einzubinden. Tom Mayr (Brücke) widersprach: „Dieses Fass würde ich nicht aufmachen wollen.“ Man solle in erster Linie den Experten vertrauen, die vielleicht „Emotionalität aus der Sache rausnehmen“ könnten.
Die OB erklärte, eine klassische Bürgerbeteiligung solle es nicht geben. „Aber wichtig ist, dass man die Bürger informiert über die Gründe.“ Benedikt Suttner (ÖDP) sagte: „Transparenz ist wichtig, um nicht irgendeiner Legendenbildung oder sonst etwas aufzusitzen.“
CSU spricht Kosten an
CSU-Stadträtin Bernadette Dechant fragte, wie die Stadt mit betroffenen Anwohnern und Firmen umgeht: „Ich sehe da ganz, ganz große Kosten.“ Mayr erwiderte, die Kosteninteressen müssten zurückstehen. „Da geht es um das Ansehen der gesamten Stadt.“ Die OB kündigte an, Unterstützungsmöglichkeiten würden geprüft. Theresa Eberlein (Grüne) mahnte, Entscheidungen dürften nicht so spät kommen, dass sie in die „sehr kritische Zeit“ des Wahlkampfs vor der Kommunalwahl 2026 fallen.
