Gut 2,5 Kilo in Wohnung: Heroin-Pärchen in Regensburg macht reinen Tisch

Von André Baumgarten · 24. Oktober 2024 um 09:00

Zivilfahnder überwachten Deal im Auto und fanden in einer Wohnung rund 2,5 Kilo Rauschgift. Von den Geschäften des 44-Jährigen mit „hochrespektierten Mitgliedern“ der Stadtgesellschaft will die mitangeklagte Freundin (34) aber nichts mitgekriegt haben.

Knapp zweieinhalb Kilogramm Heroin stellen Zivilfahnder Ende Juni in einer Wohnung in der Uhlandstraße in Regensburg sicher. Nur vier Monate später hat nun der Prozess gegen einen 44-Jährigen und seine zehn Jahre jüngere Freundin begonnen. Dem Pärchen drohen empfindliche Strafen – auch nach ihren nahezu vollständigen Geständnissen. Der angeklagte Regensburger, zu dessen Kunden nur „sehr wohlhabende, hochrespektierte Mitglieder der Gesellschaft“ gezählt haben sollen, nahm alle Schuld auf sich.

Eng umschlungen liegen der Mann und die Frau sich in den Armen. Minutenlang, während Tränen über ihre Wangen fließen, streicheln die Hände zärtlich das Gegenüber. Man könnte meinen, zwei Liebende genießen die Zweisamkeit – wäre es nicht der Wartebereich vor einem Saal im Regensburger Justizgebäude und wären da nicht die silber-glänzenden Fußfesseln an ihren Knöcheln.

Gericht: Gespräche verboten, Körperkontakt erlaubt

Tatsächlich aber wachen zwei Polizeibeamte und zwei Zivilpolizisten sehr genau darüber, dass das Pärchen nicht miteinander redet. So hat es das Gericht nämlich vorher festgelegt. Zumindest für die 87 Minuten, in denen die Verteidigung, die Staatsanwältin und die achte Strafkammer genau das tun – sie reden und tauschen sich in einem Rechtsgespräch hinter verschlossenen Türen detailliert zum Fall aus.

Die Vorwürfe sind heftig: Laut der Anklage soll der 44-Jährige am 22. Juni rund 32 Gramm Heroin für 1350 Euro an eine Frau verkauft haben. Der Deal auf dem von der Straße eigentlich kaum einsehbaren Parkplatz in der Uhlandstraße flog jedoch auf. Später fanden Beamte der Zivilen Einsatzgruppe in der nahen Wohnung der 34-jährigen Freundin des Mannes fast zweieinhalb Kilo Rauschgift. Heroin, das auf der Straße knapp unter 200 000 Euro wert wäre.

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Von solchen Dimensionen wollte der Mann auf der Anklagebank aber partout nichts wissen. Der habe für „plus minus 45 Euro das Gramm“ verkauft, erklärte sein Strafverteidiger Alexander Greithaner. Im Einkauf habe der Angeklagte pro Gramm 35 Euro bezahlt, also mehr als 85 000 Euro. Bekommen haben will er die Ware auf Kommission. Weshalb also ein Dealer ein große offene Rechnung mit ihm haben dürfte. Zudem: Die Hälfte des Rauschgifts sei für den eigenen Konsum gedacht gewesen.

Aber der Reihe nach: War anfänglich noch von sieben bis acht Jahren Haft für ihn und drei bis fünf Jahre für sie die Rede, skizzierte Vorsitzender Richter Oliver Wagner direkt nach dem Rechtsgespräch für den 44-Jährigen eine Straferwartung von sechs und für die 34-Jährige mit drei Jahren genau die Hälfte davon. Weil bei ihr „nur“ Beihilfe statt einer Mittäterschaft durchaus infrage kommen könnte. Einen Deal mit dem Gericht gab es nicht – umfassende Geständnisse legten beide danach dennoch ab.

„Ohne Heroin hätte ich das (die Arbeit) nicht geschafft. Aber es war ein wahnwitziger Plan, zu glauben, dass das auch langfristig gut geht.“

Die Angeklagte (34) ging mit sich selbstkritisch ins Gericht

Die Einlassungen spiegelten das wider, was man in der Pause vor dem Sitzungssaal 104 beobachten konnte: Beide versuchten auf ihre eigene Weise, die Rolle des jeweils anderen möglichst gut oder entschuldigend darzustellen. „Die Verantwortung lastet allein auf mir“, erklärte der Angeklagte. Als sich die Möglichkeit aufgetan habe, seinen und ihren Konsum mit Heroinverkauf zu finanzieren, „hab ich mich drauf eingelassen“. Einen gemeinsamen Tatplan, wie ihnen die Anklage vorwirft, habe es aber nie gegeben. Seine Freundin sei nicht eingeweiht gewesen.

Die 34-Jährige wiederum äußerte sich auf eigenen Wunsch, das betonte ihre Verteidigerin Stephanie Bauer, selbst. Und räumte ein, gewusst zu haben, dass derartige Mengen des „wahrscheinlich mit gefährlichsten Betäubungsmittels der Welt“, wie es Richter Wagner nannte, in der 35-Quadratmeter-Wohnung lagerten. Sie betonte jedoch klar, weder geholfen noch genaueres von seinen Geschäften gewusst zu haben. „Ich wollte es auch gar nicht wissen“, sagte sie offen. Eigene Spuren auf „Utensilien“ könne sie sich nur damit erklären, dass er „Tupperdosen und solche Sachen“ benutzt habe, um das Heroin zu lagern.

Urteil wird erst im Dezember erwartet

„Ich habe nicht nur schlaue Entscheidungen getroffen“, sagte der Angeklagte fast entschuldigend. Während er seinen Jobverlust durch Corona als Grund für gestiegenen Konsum und hohen Suchtdruck anführte, nannte die 34-Jährige Probleme im Job und mit der Gesundheit. „Ich wollte nicht versagen, es einfach hinkriegen und richtig machen.“ Das Heroin, laut Haaranalyse aber auch Methamphetamin sowie Cannabis, hätten ihr dabei geholfen. Dann irgendwann festzustellen, „dass man abhängig ist“, sei der Wahnsinn gewesen.

Mit der Frage, ob neben den erwarteten Haftstrafen auch beide Angeklagten auf Therapie kommen, muss sich das Regensburger Landgericht nun näher beschäftigen. Vier weitere Prozesstage sind dafür vorerst angesetzt. Ein Urteil für das Heroin-Pärchen soll nach dieser Planung spätestens Anfang Dezember fallen.