Belastete Straßennamen in Regensburg: Anwohner fordert Zusatzschilder statt Streichungen

Bei vielen Bewohnern der Dornier-, Messerschmitt-, Heinkel-, Franz-Hartl-, Watzlikstraße, der Herbert-Quandt-Allee und des Agnes-Miegel-Wegs sorgt eine vom Stadtrat erwogene Umbenennung für Aufregung. „Es kann doch nicht sein, dass man fast 80 Jahre nach Kriegsende auf eine solche Idee kommt“, ist von Anliegern dort zu hören.
Sollte der Stadtrat für eine Löschung der sieben Namen stimmen, stünden den gut 500 Regensburgern erhebliche Ausgaben ins Haus, müssten doch alle Adressen neu geschrieben und vielen Firmen, Banken, Behörden, Telefonbuchverlagen, unzähligen Verwandten und Bekannten die verordneten Änderungen mitgeteilt werden.
Über 1350 Straßen, Wege und Plätze gibt es in Regensburg. Im Jahr 2020 war es, als man im Bildungsausschuss des Stadtrats auf die Idee kam, alle Namen auf einen Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus untersuchen zu lassen. Schließlich bekam die Heidelberger Historikerin Dr. Susanne Wein vom Bildungsreferat 2023 den Auftrag, die Untersuchungen auf NS-Belastung anzustellen. Die Wissenschaftlerin hat ein Studium der Politikwissenschaft in Tübingen, Bremen und Berlin absolviert, sie arbeitet inzwischen als freie Historikerin. Zu ihren Schwerpunkten zählen die deutsche Geschichte vom 19. bis zum 21. Jahrhundert sowie Antisemitismusforschung.
Ergebnis der Untersuchung
Dr. Susanne Wein trug im November im Bildungsausschuss die Ergebnisse ihrer Untersuchung vor. Demnach seien bei den 168 Personen, die sie ins Visier genommen hatte, 40 NS-belastet, davon sieben wiederum „deutlich belastet“, so dass die Historikerin für diese eine Streichung der Straßennamen empfahl. Betroffen sind die Dornier-, Messerschmitt- und die Heinkelstraße, die Herbert-Quandt-Allee, die Franz-Hartl-Straße (er war Obertruppführer im NS-Kraftfahrerkorps) sowie die nach Schriftstellern titulierte Watzlikstraße und der Agnes-Miegel-Weg.
Um die Sache voranzubrigen, hatte OB Gertrud Maltz-Schwarzfischer dem Ausschuss vorgeschlagen, doch eine interfraktionelle Arbeitsgruppe einzurichten, die sich von einer Fachkommission beraten lassen sollte. Habe diese ihre Ergebnisse einmal parat, solle der Stadtrat für jede Straße entscheiden – allerdings, wie die OB meinte, ohne Bürgerbeteiligung. Den betroffenen Bürgern sollten nur Informationen über die Begründungen gegeben werden. In der Watzlikstraße am Ziegetsberg gingen nun Bewohner ihrerseits in die Offensive. In ihrem Namen stellte Dr. Jürgen Pätz, zehn Jahre lang Stadtkämmerer in der Ägide von Christa Maier und Hans Schaidinger, einen Antrag, um die Straßen-Umbenennung zu verhindern. Das Papier des ehemaligen Stadtrats bekamen die drei Bürgermeister sowie alle Fraktionsvorsitzenden und weitere Stadträte zugestellt. Statt der Straße einen anderen Namen zu geben soll laut Dr. Pätz das bestehende Straßenschild mit einem Zusatz versehen werden, im „Fall Watzlik“ etwa mit „Sudetendeutscher Heimatdichter mit nationalsozialistischer Belastung“.
Pikant ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Stadt den nach der Vertreibung aus dem Sudetenland in Tremmelhausen wohnenden Schriftsteller Hans Watzlik (1879-1948) auf dem Oberen Katholischen Friedhof in einem Ehrengrab bestattete.
Stadt versorgt Watzlik-Grab
Dieses besteht noch heute und wird vom Stadtgartenamt gepflegt. Alle Jahre wird auf der Grabstätte zu Allerheiligen ein Kranz, gewidmet von der Stadt, niederlegt. Laut der städtischen Pressesprecherin Juliane von Roenne-Styra belaufen sich die jährlichen Arbeits- und Materialkosten für das Watzlik-Ehrengrab auf 350 Euro. Zum Ehrengrab teilt die Pressestelle mit: Solange es keinen anderen Beschluss gebe, übe die Stadt die Grabnutzungsrechte aus, zahle die Gebühren, sorge für die Verkehrssicherheit und die Instandsetzung. „Das ist schon lustig“, sagt ein Bewohner der Watzlikstraße, da wird einerseits Watzliks Grab seit 1948 bis heute von der Stadt bezahlt und andererseits über die Streichung des Straßennamens nachgedacht. Auch in den anderen Straßen befürwortet man eine Umbenennung nicht. Die Namensänderungen hätten massive Auswirkungen unter anderem auch auf das BMW-Werk an der Herbert-Quandt-Allee und das Westbad an der Messerschmidtstraße. „Gar nicht auszumalen, welcher Aufwand da betrieben werden müsste“, sagen beispielsweise Rewag-Bedienstete. Alle Lieferanten müssten angeschrieben, alle Impressen geändert, Prospekte neu gedruckt und die Impressen auf den Internetseiten geändert werden.
Ergebnis der Untersuchung: Sieben „deutlich belastete“ Personen
Die sieben in der Diskussion stehenden Personen sollen in der NS-Zeit teilweise erhebliche Vorteile bekommen haben und dafür auch dem Regime zu Diensten gewesen sein. Herbert Quandt beispielsweise war NSDAP-Mitglied und hatte in seinem Akkumulatorenwerk ein KZ-Außenlager errichten lassen, in dem Zwangsarbeiter eingesetzt waren. Die Straße beim ab 1984 errichteten BMW-Werk wurde nach ihm benannt.
Ebenso wie Quant wurden auch die Flugzeugbauer Willy Messerschmitt, Ernst Heinkel und Claude Dornier später als „Mitläufer“ eingestuft. Auch sie wurden in Regensburg durch die Vergabe von Straßennamen geehrt. Der Regensburger Franz Hartl war Sturmtruppführer im NS-Kraftfahrerkorps. Er baute nach dem Krieg mehrere Autohäuser in der Domstadt auf und bekam 1976 die silberne Bürgermedaille der Stadt Regensburg verliehen.
Die Schriftsteller Agnes Miegel und Hans Watzlik hatten das NS-Regime unterstützt, seien von Nazis gefördert worden und hätten sich auch später nicht distanziert, lauten die Vorwürfe. Watzlik wurde nach dem Krieg entnazifiziert.

