Neustadt hat nach 64 Jahren wieder einen Maibaum – „Schee is‘ er worn“

Von Jochen Dannenberg · 6. Mai 2026 um 13:18

64 Jahre lang gab es keinen Maibaum in der Altstadt von Neustadt an der Donau im Landkreis Kelheim. Jetzt erneuerte die Fellner Resi die totgeglaubte Tradition. Wo der Baum zuvor versteckt war, blieb bis zuletzt ihr bestgehütetes Geheimnis.

Samstag nachmittag in der Dr.-Balster-Straße. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, so blau, wie er nur in Bayern sein kann. Der Freisitz des Gasthauses Fellner ist gut besetzt. Viele Stammgäste sind gekommen, um die Erneuerung einer Tradition zu erleben. Ein neuer Maibaum soll aufgestellt werden. Doch von dem neuen Maibaum und der Theresia Schlittenbauer, wie die Fellner Resi richtig heißt und die für den Baum gesorgt hat, ist nichts zu sehen. Ist alles nur ein Missverständnis, ein Irrtum?

Neustadt a.d. Donau hat wieder einen Maibaum. Den letzten großen Baum gab es 1962, ehe er in einem Sturm zerbrach. Weiß-blau wurde der Neue geschmückt. Am Kranz baumeln echte Brezn. - Foto: Jochen Dannenberg

Mitnichten. Die Gäste an den Tischen fiebern dem Aufstellen des Maibaums schon eine ganze Weile entgegen und manch einer betont, dass es ihm die Resi „hoch und heilig“ versprochen habe, dass es den Baum heuer geben werde. „Wirklich und tatsächlich“, betonen manche. Nur gesehen hat das Stangerl an diesem Tag noch keiner und die, die mehr wissen, halten den Mund. Dass haben sie der Wirtin versprechen müssen. Ebenfalls hoch und heilig.

Und, zack, schon steckt der Baum in seiner Halterung

Dann geht es mit einem Mal blitzschnell. Es ist kurz nach Viere. Zwei Männer kommen mit dem Baum ums Eck, sie allein tragen den Baum und, zack, schon ist es geschehen. Der Baum steckt in der dafür vorgesehenen Halterung vorm Wirtshaus. Am Anfang ist er zwar noch ein bisschen kippelig, aber nach wenigen Minuten steht er bombenfest. Karl Mayer, der die Aufsicht führt, und seine Männer haben ganze Arbeit geleistet. Mit Holzkeilen und kräftigen Hammerschlägen wurde der Baum in der Halterung fest verankert. Zwei andere Männer haben den Baum derweil gerade gehalten und damit dafür gesorgt, dass er nicht womöglich schief eingekeilt wird. Das wäre peinlich gewesen.

Vier Männer waren nötig, um den Baum zu verankern und vor allem gerade aufzustellen. - Foto: Jochen Dannenberg

Das Lob der Wirtshausbesucher ist einhellig. „Schee is‘ er worn“, rufen die Gäste ein ums andere Mal und die Resi steht in der offenen Tür zu ihrem Wirtshaus und freut sich. Sie strahlt übers ganze Gesicht. Der Baum ist nicht groß, nur so um die sechs, sieben Meter, aber er ist schön.

Der Stamm ist geschält und mit einem weiß-blauen Band geschmückt. Neue Tafeln sind befestigt und an der Spitze hängt ein grüner Kranz, an dem wiederum weiß-blaue Bänder befestigt sind und an denen baumeln 16 Brezn, wie Ute, eine Zuageroaste, nachgezählt hat. Ein kleines Lüftchen sorgt dafür, dass der Kranz leicht schaukelt und sich ein wenig dreht.

Doch die Resi hat keine Zeit, sich lange den Baum anzuschauen. Sie ist schnell wieder in der Wirtsstube verschwunden. Die Gäste verlangen nach Getränken, weil‘s warm ist, und nach was zum Essen, weil schon das Zuschauen für Hunger sorgt. Und weil es ein Festtag ist, gibt es deshalb sogar Kiachl.

Dazu spielt die Musik. Volkstümliches und Schlager erklingen. Lieder von der Liebe und schönen Frauen, die immer währenden Klassiker eben.

Derweil steht die Fellner Resi hinter der Theke und nimmt die Bestellungen entgegen. Apfelschorle, Bier, Radler, Wasser. Mal klein, mal groß. Und die Bedienung schafft die Getränke raus zu den Gästen. Es ist sommerlich warm an diesem Tag, da reißen die Wünsche der Besucher nicht ab.

Zwischendrin, als sich endlich mal eine kleine Pause auftut, erzählt sie dem Reporter, wie sehr sie sich über den Maibaum freut. „Er gefällt mir, er ist schön geworden und die Männer haben ihn ordentlich aufgestellt“, sagt die Wirtin. Der Baum selbst, erklärt sie, stamme von einem Cousin in Staubing, der habe den Stamm auch vorbereitet.

Vier Männer und acht Frauen haben zusammen geholfen

Deutlich wird in dem Gespräch auch, wie gut die Frau Schlittenbauer vernetzt ist. Sie weiß nicht nur alles, was in der Stadt passiert. Sie kennt auch die Menschen. Ganze Familiengeschichten könnte sie erzählen, wenn sie die Zeit dafür hätte. Aber so bleibt es an diesem Tag bei einem kurzen Auszug: Die ganze Aktion ist Teamwork, echtes Miteinander. Für die Dekoration haben am Mittwoch zuvor acht Frauen gesorgt. Sie sind wie die Männer, die das Stangerl aufgestellt haben, Stammgäste. Wobei „der Kare“, wie die Fellner Resi betont, „der Maibaum-Chef“ ist.

In der Zwischenzeit geht der Betrieb am Freisitz weiter. Die Gäste, darunter mehrere Stammtische, tauschen den neuesten Tratsch aus, reden über die neuesten Baustellen und Umleitungen und auch der letzte „richtige Maibaum“ in der Altstadt ist ein Thema. Ob der nun 1962 aufgrund eines Sturms abgebrochen und über die Herzog-Ludwig-Straße geschlagen ist oder ob der Baum einfach morsch war oder ob beides dazu beigetragen hat, dass der Baum zerbrach – darüber gehen auch an diesem Tag die Meinungen auseinander. Sicher ist nur, dass es jetzt wieder einen Maibaum in der Altstadt gibt und darüber sind alle froh.

Irgendwann schaffte es die Flnner Resi dann doch und endlich konnte sie mal zu ihren Gästen gehen. - Foto: Jochen Dannenberg