Auf der Suche nach dem Paradies: FKK-Badegäste wollen am Steinberger See bleiben

Für die einen ein Gestrüpp, für andere das Paradies auf Erden: Einige Ginsterbüsche am Südufer des Steinberger Sees im Landkreis Schwandorf galten jahrelang als Geheimtipp für textilfreie Badegäste. Unzählige Sommertage genoss das Ehepaar Riedmann hier, ganz ohne Bikini oder Badehose. Seit vergangenem Jahr aber rodete die Gemeinde große Teile der Fläche. Soll die Badestelle bald ganz Geschichte sein?
Als Marcella und Winfried Riedmann vor zwölf Jahren die Stelle am Südufer des Steinberger Sees entdeckten, war die geschätzt 60 mal 40 Meter große Fläche vollständig mit Ginster bewuchert. Am Ufer säumten sich lauschige Birken. Perfekt für die beiden, denn hier konnten sie ungestört ihrer Leidenschaft nachgehen: dem textilfreien Baden. Die Sträucher seien das perfekte Versteck gewesen, erzählt Marcella Riedmann: „Durch den Ginster konnte man überhaupt nichts sehen, weder vom Weg noch vom Wasser aus“, schwärmte sie. „Es ist ein fantastisches Gefühl, ohne Badekleidung zu schwimmen und so muss man sich auch nicht mit dem nassen Badeanzug herumschlagen.“

Dann der Schock: Die Hälfte der Liegewiese lag im Frühjahr vergangenen Jahres plötzlich kahl da, erzählt die 66-Jährige. Dieses Jahr wurde nachgezogen und fast der gesamte Rest der ehemaligen Ginsterfläche gerodet. Sie und ihre Mitstreiter waren bestürzt. Etwa 40 bis 50 Personen hätten die Stelle genutzt, schätzt Mitstreiter Hermann Salz, der am Steinberger See ebenfalls gerne textilfrei badet.
Konflikte habe es eigentlich keine gegeben, nur hin und wieder sei jemand vorbei gekommen und ausfällig geworden. Hatte etwa jemand Beschwerde eingereicht, um den Dorn im Auge loszuwerden? Eine große Enttäuschung für Riedmann: „Das war unser kleines Paradies hier. Wer ist so prüde und will uns daraus vertreiben?“
Bürgermeister glättete die Wogen
Harald Bemmerl (SPD), der bis Ende April Bürgermeister der Gemeinde Steinberg am See war, widersprach auf eine erste Anfrage der MZ. Weder er noch seine Verwaltung hätten ein Problem mit textilfreien Badegästen, sagte er, und eine Beschwerde habe es auch nicht gegeben. Vielmehr ginge es sich hier um reguläre Grünflächenmaßnahmen: „Dazu gab es einmal ein Gutachten. Die Ginster sind demnach nicht heimisch und sollen bereinigt werden.“

Auf die Anfrage der MZ hin allerdings zeigte er sich sicher: „Der See ist so groß, es gibt bestimmt noch einen Platz für diese Leute. Soll ich vorbeikommen und es Ihnen zeigen?“ Gesagt, getan. An seinem letzten Amtstag traf er mit vier Vertretern der textilfreien Badegruppe am Ufer zusammen.
In Bayern ist das textilfreie Baden gestattet.Harald Bemmerl, Bürgermeister Steinberg am See bis 30. April
Marcella Riedmann fiel zunächst schwer zu glauben, dass keiner der Beteiligten etwas gewusst hätte. Immerhin sei die Badestelle doch bekannt gewesen. „Wir wurden einfach übergangen“, so die 66-Jährige. Bemmerl entgegnete: „Offiziell war nichts gemeldet. Das hier ist für uns ein Uferstück wie jedes andere auch.“ Noch ein weiteres Missverständnis wollte er aufklären: Eine Mail, die die Rentnerin ihm vor über einem Jahr geschickt hatte, beantwortete er persönlich, wofür er den Nachweis mitbrachte. Diese Antwort war bei Riedmanns nach eigenen Angaben nie eingegangen.
Beim Rundgang am See wurde deutlich: Der Bauhof hatte ganze Arbeit geleistet und weitreichend kahle Wiese geschaffen. Undenkbar, so exponiert nackt zu liegen für die bayerischen Vertreter der Freikörperkultur. Ein Palisadenzaun, das wäre schön. Diese Idee teilte der Bürgermeister nicht und suchte lieber weiter nach einem wilden Stück Ufer. Zwischen der gerodeten Fläche und dem offiziellen Badeplatz wurde er fündig: „Hier sind doch noch Ginster, würden die nicht reichen?“
Doch, sagten die Textilfrei-Fans. Zwar sei die Stelle weniger bewachsen als die vorige, aber man habe ja noch Schirme und Tücher als Sichtschutz dabei. Würde man auch wirklich niemanden stören? „In Bayern ist das textilfreie Baden gestattet, da brauchen Sie eigentlich keine Erlaubnis“, erklärte der Bürgermeister. Offiziell für Nacktbader ausweisen werde man wohl keine Fläche, aber eine weitere Rodung unterlassen, das sei möglich.

Er werde die Idee gegenüber seinem Nachfolger anbringen, mit dem er ein konstruktives Verhältnis pflege, versprach Bemmerl. Sofern der Gemeinderat es akzeptiere, könnte man auch ohne große Beschlussvorlage die Fläche ignorieren und sich selbst überlassen. Die passionierten Seegänger zeigten sich darüber zufrieden. Mit ihrem Anliegen gehört zu werden, sei ihr das Wichtigste, sagte Marcella Riedmann.
Der neue Rathauschef Christian Meßmann (CSU) reagierte auf Nachfrage der MZ zurückhaltend. „Wir haben einen Plan, wie wir unseren See sauber und ordentlich halten, den wollen wir auch durchführen.“ Wenn es eine Gruppe gebe, die hier eigene Interessen verfolge, solle sie bei ihm einen offiziellen Antrag stellen. Er würde das Thema dem Gemeinderat vorlegen und dann das Für und Wider gemeinsam abwägen.