Altstadt im Wandel: Umbruch in der Oberen Bachgasse im Herzen Regensburgs

Die Regensburger Altstadt unterliegt ständigem Wandel. Im Kleinen ist das in den vergangenen Tagen und Wochen wohl nirgends stärker zu spüren als in der Oberen Bachgasse. Tragische Abschiede und freudige Neubeginne liegen oft nur ein paar Hausnummern auseinander – und daneben verkauft einer seine Ware, der scheinbar die Zeit anhält.
Der jüngste Neuzugang will die Zeit sogar zurückdrehen. Das Achtziger bezieht in dieser Woche das ehemalige Hemingways: frisches Leben in einer Kult-Kneipe, die seit einem Brand vor eineinhalb Jahren von der Gast- zur Geisterstätte verkam. Die Obere Bachgasse hat für die Standortwahl der jungen Münchner Gastronomen, die mit Das Achtziger nach Regensburg kommen, nur eine Nebenrolle gespielt, erzählt Mitinhaber Alex Brenner. „Primär war es die ganze Historie des Ladens, die Optik, der Charme. Das passt super zum Gesamtkonzept, wir bringen die 80er Jahre zurück.“
Damals – in den tatsächlichen 1980ern – hatte Günter Reisinger schon ein paar Jahre seinen Laden in der Oberen Bachgasse. Ob er sein Antiquariat nun 1970 oder erst 72 aufgemacht hat, ist aus dem Stegreif nicht mehr sicher zu beantworten. Er hat sich auf Spielzeug und Puppen aus vergangenen Jahrzehnten spezialisiert. Eine Spielküche aus den 50er Jahren zeigt er, ein ferngesteuertes Auto von 1969, angeblich das erste seiner Art auf dem Markt, mit Steuerung und Karton – alles original.
Er kennt fast alle, die vorbeikommen
Ein Original ist auch der Geschäftsmann selbst. Jeden Dritten, der in der Oberen Bachgasse vorbeikommt, kenne er, sagt Reisinger. Bloß: So viele kommen halt nicht mehr vorbei. Am Donnerstagvormittag schaut er die Obere Bachgasse runter Richtung Gesandtenstraße – viele Passanten sind nicht unterwegs. Vis à vis seines Ladens steht ein großes Baugerüst. Immer wieder scheppert es laut aus dem Haus. „Das höre ich seit zwei Jahren“, sagt Reisinger, aber im Herbst soll wieder Ruhe einkehren und der Blick noch freier auf die wunderschöne Gasse sein.
Jeder Leerstand mehr schadet dem Geschäft
Was für den alteingesessenen Händler noch wichtiger ist: Im Erdgeschoss gegenüber soll wieder Gewerbe einziehen – in der Nachbarschaft wird von einem Fantasy-Buchladen gemunkelt. Welche Art von Laden ist Reisinger egal, Hauptsache das Haus wird mit Leben gefüllt. „Jeder Leerstand macht das Geschäft ein bisschen mehr kaputt“, sagt er. Und Leerstände, gerade am oberen Ende der Oberen Bachgasse Richtung Emmeramsplatz, gibt es reichlich. „In der Gasse gab es zwei Metzger, drei Bäcker, lauter kleine Geschäfte – die haben existieren können.“ Dass nun auch noch die Schwarzer Kipferl aus der Hand von Rudolf Weber verschwinden, bedauert Reisinger. Er habe schon den Großvater des Bäckermeisters gekannt.
Viele Läden mit Alleinstellungsmerkmal
Ständiger Wandel. Während traditionsreiche Geschäfte aufgeben müssen, kommen frische Ideen an. Reisingers neue Nachbarn sind seit August drei junge Künstler, die dort ihr Atelier bezogen haben. Von den Alteingesessenen seien sie herzlich aufgenommen worden, berichteten sie damals. Jeder sei willkommen, betont auch Reisinger. Länger zu bleiben scheinen Läden, die einen speziellen Kundenstamm bedienen: mit Jeans- und Bikerklamotten, Outdoorequipment, unverpackten Lebensmitteln oder fair gehandelten Eine-Welt-Produkten.
Es läuft viel besser als gedacht.Sigurd Roscher, Spielhöhle-Inhaber
In diese Reihe fällt auch Sigurd Roschers Spielhöhle. Seit Januar verkauft er Sammelkarten und Tabletop-Spiele, bietet Kurse zum Basteln der Spielwelten an und lädt zum Zocken. „Es läuft viel besser als gedacht“, sagt er, während er neue Regale installiert, um noch mehr Ware anbieten zu können. Er sei sichtbar in einer neuen, digitalen Welt des Einzelhandels. „Man findet mich halt online.“ Dadurch werden auch Touristen, die beim Altstadtbummel zum Beispiel „Pokemon-Karten Regensburg“ googeln, auf ihn aufmerksam. „Es kommt extrem viel Laufkundschaft, was ich nicht erwartet hätte.“
Ich war sehr zufrieden mit der Gasse – bin ich noch. Es ist halt nimmer so wie früher.Günter Reisinger, Antiquar
Anders bei Reisinger, der hin und wieder gefragt werde, ob sein Antiquariat ein Museum sei, oder ob man die Sachen auch kaufen könne. „Die Urlauber treiben sie in Scharen vorbei, die schauen nicht links und nicht rechts“, sagt Reisinger. Er lebt von der Stammkundschaft. „Zu mir kommen Leute, die sind 60, 70 Jahre alt, und kaufen sich wieder die Spielsachen, die sie als Kinder hatten.“ Trotz der Herausforderungen, die er für den Altstadt-Handel sieht – Online-Konkurrenz, Parkplatz-Mangel, vielerorts fehlende Fachberatung – bleibt er positiv. „Ich war sehr zufrieden mit der Gasse – bin ich noch. Es ist halt nimmer so wie früher.“ Der Senior, der die genaue Zahl seiner vielen Lebensjahre nicht in der Zeitung lesen möchte, will weitermachen, „bis sie mich mit den Füßen voraus raustragen“.
Liebe auf den ersten Blick – das trifft's, glaube ich, am besten.Alex Brenner, Das-Achtziger-Mitinhaber
Das junge Das-Achtziger-Team hat in den vergangenen Wochen das Ex-Hemingways revitalisiert, wie Brenner sagt. In der Oberen Bachgasse fühlt er sich schon pudelwohl. Die spiegele die Essenz Regensburgs wieder, die Mischung aus alter Geschichte und Studentenstadt am Puls der Zeit. „Besser geht es ja gar nicht“, meint er zur Gasse. „Liebe auf den ersten Blick – das triffts, glaube ich, am besten.“