Am letzten Tag kam es zu Hamsterkäufen von Schwarzer Kipferln: Aus für Bäckerei in Regensburg

„Ich bin als Selbstständiger raus. Die Insolvenz geht heute raus. Ab morgen haben wir geschlossen“, sagte Rudolf Weber am Donnerstagmorgen im Büro der Bäckerei in der Oberen Bachgasse. Das bedeutet auch das Ende für die letzte Backstube in der Altstadt. Ob es die legendären Schwarzer Kipferl weiterhin geben wird, die er hier bis zur letzten Minute schliff, wird sich zeigen.
Der letzte Interessent habe am Mittwochabend von einer Fortführung des Betriebs Abstand genommen, sagte Fabian Gerl, der in der Kanzlei Wagner Lehner mit dem Insolvenzverfahren betraut ist. Die Kalkulationen seien zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Fortführung der Bäckerei auch nach einigen Anpassungen aller Voraussicht nach nur mit Verlusten möglich wäre. Eine vorübergehende Fortführung des Geschäftsbetriebs durch den Insolvenzverwalter könne nicht erfolgen. Dies würde seiner Auskunft zufolge die Insolvenzmasse schmälern. Das bedeute, dass die Bäckerei und die Filiale in Kumpfmühl ihre Türen nun für immer geschlossen haben.
Die Mitarbeiter müssen nun einen neuen Job suchen
Unter Webers Kunden hatte sich diese Nachricht da schon wie ein Lauffeuer verbreitet. Viele fragten bei den Verkäuferinnen nach, ob es stimme, was sie gehört hatten. „Heute ist der letzte Tag“, bestätigten Verkäuferin Sevda Cetinkaya und ihre Kolleginnen hinter dem Tresen immer wieder.

Sie müssen sich einen neuen Job suchen. „Die Angestellten wurden darüber informiert und erhalten Anfang nächster Woche bedauerlicherweise eine Kündigung“, erklärte Gerl. Als Rechtsanwalt Dr. Hans-Peter Lehner Anfang März in einer Pressemitteilung bekannt gegeben hatte, dass Weber einen Insolvenzantrag gestellt hatte, war in dem Schreiben von 20 Arbeitnehmern zu lesen.
„Es war so schön hier. Klein und fein“, sagte Cetinkaya. Wie es beruflich für sie weitergeht, wisse sie noch nicht. Sie werde nun Bewerbungen schreiben und hoffen, in einer anderen Bäckerei unterzukommen. Denn eine Bäckerei, das sei nun einmal ihr Lieblingsarbeitsplatz. Viele der Kunden, die sie bis zuletzt so liebevoll bediente, wünschten ihr und ihren Kolleginnen alles Gute für diesen Schritt.
Hinten, in der Backstube, stand derweil Weber und schliff die Rohlinge für die Kipferl im Akkord in Form. Zu dem Zeitpunkt plante er, um 11 Uhr Feierabend und im Anschluss Brotzeit zu machen. „Danach werde ich erst einmal schlafen. Es geht mir nun besser, weil endlich Klarheit herrscht und das Rätselraten ein Ende hat“, sagte er.

Am letzten Tag ging es in dem Laden zu wie in einem Taubenschlag. Es kam zu regelrechten Hamsterkäufen. Etwa die Xundis und die Quarktaschen waren um 9.30 Uhr ausverkauft. Als ein Kunde hörte, dass dies seine letzte Chance auf Zwetschgennudeln aus Webers Backstube sei, kaufte er einfach alle, die noch auf dem Blech lagen. Gisbert Waldhorst erinnerte sich daran, hier schon als Student in den 1980er-Jahren Kipferl während seiner Lernpausen in der Examenszeit gekauft zu haben. „Das ist jammerschade. Die Verkäuferinnen sind so nett. Ich habe mich immer wohl gefühlt“, bedauerte er. Die Qualität – vor allem die des schweren Hefegebäcks – sei sagenhaft.
Der letzte Kassenzettel soll als Andenken bleiben
Den letzten Kassenzettel werde er sich deswegen als Andenken aufheben. Dadurch, dass dieser Betrieb schließe, würde Regensburg kulturell auch ein Stück weit verarmen, sagte er. Und: „Wie die Regensburger mir ihrer Stadt umgehen, ist ein Trauerspiel!“ Erschüttert zeigte sich auch Kunde Axel Schild. „Dass die Stadt das geschehen lässt“, wunderte er sich. Seit über zehn Jahren habe er sich hier nun mit Backwaren eingedeckt. „Das ist traurig und bitter“, sagte er. Wo er sich in Zukunft versorgen wird, das wisse er noch nicht. „Einen 1:1-Ersatz wird es nicht geben“, vermutete Schild. Zuletzt habe er zu einem Treffen mit ehemaligen Arbeitskollegen noch Schwarzer Kipferl mitgebracht.

Ihre Zukunft steht auf einem anderen Blatt. Denn laut Gerl werde nun noch mit einer anderen Bäckerei über den Erwerb von Rezept und Namensrechten am „Schwarzer Kipferl“ verhandelt. Die Insolvenzmasse sei davon jedoch nicht betroffen. „Das Endergebnis dieses Prozesses könnte so aussehen, dass die Schwarzer Kipferl in den Filialen einer anderen Bäckerei zu erwerben wären“, hatte er am Mittwoch noch erklärt.
Eine Spezialität, die mit den Kipferln so fest in Verbindung gebracht wird, wie Regensburg mit dem Dom oder der Steinernen Brücke, sind die Bratwürste in der Historischen Wurstkuchl. Dazu, was das Aus von Webers Betrieb für diese Spezialitäten-Kombination bedeutet, wollte sich Wurstkuchl-Chef Andreas Meier am Donnerstag auf Anfrage aber noch nicht äußern.
Betroffen von dem Schritt sind laut Gerl auch die Mietverträge für die Filialen. Auch sie sollen gekündigt werden. „Für die Filiale in Kumpfmühl gibt es zwei potenzielle Nachmieter, welche dort ebenfalls eine Bäckerei unterbringen würden“, erklärte er.