„Der verlorene Mann“ spielt bei Freystadt: So kam der Regisseur auf den Drehort

28 Menschen leben in Jettenhofen – jetzt kommt der kleine Ort im Landkreis Neumarkt im Kino groß raus: Der Film „Der verlorene Mann“ mit Harald Krassnitzer, Dagmar Manzel und August Zirner wurde zu großen Teilen in Jettenhofen (Stadt Freystadt) gedreht, am 7. Mai kommt er bundesweit in die Kinos. Im Vorfeld spricht Regisseur Welf Reinhart über Demenz, die Wahl des richtigen Drehorts und die Harmonie zwischen den Schauspielern.
Ihr Film ist berührend, zugleich zeigt er aber humorvolle Elemente. Viele Menschen werden sich darin wiederfinden, weil es in ihrer Familie womöglich ähnliche Fälle von Demenzerkrankungen gibt oder gab. War das Ihre Intention?
Welf Reinhart: Ein Stück weit ja – denn sehr viele Menschen sind von Demenz betroffen. Weltweit erkranken zehn Millionen Menschen pro Jahr. Gleichzeitig ist es aber so, dass sich keine zwei Demenzerkrankungen gleichen, jede verläuft anders.
Dass Demenz immer unterschiedlich verläuft, wird auch im Film thematisiert. Er zeigt außerdem die Vielfalt an Emotionen – es gibt komische Szenen und tragische Szenen, zu sehen ist aber auch die plötzlich auftretende Wut und Aggression, die für Demenzerkrankte ebenfalls typisch ist. Wie haben Sie es hinbekommen, dass das so realistisch rüberkommt?
Reinhart: Wir hatten mehrere Anlaufstellen, zum Beispiel die Deutsche Alzheimergesellschaft in München. Wir waren bei Koch- und Malkursen dabei, bei denen wir gesehen haben, wie das läuft. Ich habe bei der Alzheimergesellschaft über mehrere Wochen selbst eine Ausbildung zum Demenzhelfer gemacht und habe fast ein Jahr lang zwei Männer begleitet, die noch relativ jung und an Demenz erkrankt waren. Sie und ihre Frauen haben mich auch beraten. Außerdem hatten wir eine Gerontologin, eine Dozentin, die auf Liebe und Sexualität im Alter spezialisiert ist und eine Sozialdienstmitarbeiterin, die spezialisiert auf geistige Beeinträchtigungen ist – denn dazu zählt auch Demenz. Mir war wichtig, das so genau zu recherchieren und der Erkrankung und ihren Folgen gerecht zu werden, die eine große Belastung bedeuten – aus Respekt den Menschen gegenüber.

Ob beim Tanzen im Wohnzimmer oder beim Spazierengehen: In manchen Szenen im Film wirkt es so, als wäre es die ideale Lösung, mit Demenzerkrankten so umzugehen, wie es Hanne und Bernd mit Kurt im Film tun.
Reinhart: Keine zwei Menschen, die mit Demenz leben, sind gleich. Der Film ist trotz allem Fiktion. Kurt kann sich ja anfangs noch gut ausdrücken, vor allem sein Kurzzeitgedächtnis ist beeinträchtigt. Das ist ja nicht immer so. Für die Mehrheit der Menschen bedeutet die Pflege eines Demenzerkrankten eine enorme Herausforderung und das ist so wie im Film natürlich oft nicht möglich. In dem Film geht es ja auch um die ungewöhnliche Dreiecks-Beziehung und Freundschaft. Der Film ist primär ein Beziehungs- und Liebesfilm und kein Problemfilm.
Ihr letzter Film „Eigenheim“ beschäftigt sich mit der Schwierigkeit von alten Menschen, eine Wohnung zu finden. Dabei sind Sie selbst 31 Jahre – wie kommt es da zu diesen Themen, die hauptsächlich ältere Menschen betreffen?
Reinhart: Bei „Eigenheim“ geht es um die Wohnungsnot in München. Ich habe mich auch mit diesem Thema lange beschäftigt, habe unter anderem eine Gerichtsvollzieherin begleitet. Dabei hat sich herausgestellt, dass es für ältere Leute brisanter ist, eine Wohnung zu finden, weil die nicht auf Netzwerke zurückgreifen können. Das war einfach die dramatischere Geschichte. Und auch bei dem Film jetzt war es so, dass wir mehrere Stoffe recherchiert haben, dieser aber der spannendste war. Das hat nichts mit einer persönlichen Verbindung zu tun, sondern ist der Dramatik geschuldet.
Lange nach dem richten Drehort gesucht, dann kam man auf Freystadt
Sie stammen aus Unterfranken, da ist der Landkreis Neumarkt nicht so weit weg – trotzdem dürfte Ihnen Jettenhofen vermutlich nicht geläufig gewesen sein. Wie sind Sie auf den Drehort gekommen?
Reinhart: Ich habe mit dem Kameramann sehr lange nach dem richtigen Ort gesucht, vor allem im Raum München, aber wir waren auch in ganz Südbayern unterwegs. Wir haben viele Plätze angeschaut, aber immer war irgendwas, was nicht gepasst hat. Ich wollte einen Ort, der eine gewisse Weite und Kinoqualität hat. Auf das Häuschen in Jettenhofen bin ich tatsächlich über eine Website im Internet gestoßen. Wir sind spontan hingefahren und ich hatte gleich das Gefühl, dass das passt. Ich habe mich in das Häuschen verliebt.
Das Team auch?
Reinhart: Die musste ich erstmal überzeugen, dass wir raus aus München gehen. Es war dann aber total schön. Die meiste Drehzeit für den Film, elf Tage, haben wir tatsächlich in Jettenhofen verbracht und wurden da echt positiv aufgenommen von den Anwohnern.
Das sind ja nicht ganz so viele – konnten die Dreharbeiten dann ruhig und problemlos laufen?
Reinhart: Ja. Wenn man in München in der Stadt dreht, da stößt man eher auf Leute, die keinen Bock darauf haben. Hier konnten wir uns frei bewegen und das ist ja auch ein ruhiger Film ohne Knallerei oder so.

Was war für Sie das Besondere an dem Haus in Jettenhofen?
Reinhart: Es gehörte wohl früher einer Totengräberin und wurde toll restauriert. Der Vater des Inhabers hat das ganz liebhabermäßig hergerichtet, hat viele alte Stücke zusammengetragen. Wir mussten für den Film nur ganz wenig mitnehmen, auch das Klavier stand zum Beispiel schon da.
Der Wald spielt sowohl in Wort als auch im Bild eine große Rolle im Film.
Reinhart: Alle Naturaufnahmen haben wir auch vor Ort in Jettenhofen gedreht. Das ist dort landschaftlich einfach wunderschön.
Improvisation beim Dreh
Wie viel wurde improvisiert? Beispielsweise die Schneeballschlacht im Film: Man weiß ja beim Schreiben eines Drehbuchs nicht, ob vor Ort dann auch wirklich Schnee liegt.
Reinhart: Tatsächlich war die Schneeballschlacht improvisiert. Das hat gut funktioniert, weil es zwischen den Schauspielern so gut harmoniert hat. Die kannten sich vorher nicht und haben sich über den Dreh angefreundet, haben auch total viel Quatsch gemacht. Schon als wir für eine Leseprobe zum ersten Mal zu viert zusammengekommen sind und zwei Tage in dem Haus waren, war das so nett. Da habe ich gemerkt: Das wird gut.
Wo Sie nun schon einmal im Landkreis Neumarkt unterwegs waren: Haben Sie womöglich auch andere Orte entdeckt, die in einem zukünftigen Film eine Rolle spielen könnten?
Reinhart: Tatsächlich hatte ich hin und wieder mal eine Idee. In Berching, wo wir untergebracht waren, könnte man toll was Historisches machen. Das ist so eine wunderschöne, gut erhaltene Altstadt und ein wunderschöner Landstrich – vielleicht wird das nochmal ein Drehort.
Der Film in Neumarkt
• Inhalt: Die Künstlerin Hanne (Dagmar Manzel) und der pensionierte Pfarrer Bernd (August Zirner) führen ein ganz normales Leben, als plötzlich Hannes Ex-Mann Kurt (Harald Krassnitzer) vor der Tür steht. Er ist an Demenz erkrankt und kann sich daher nicht mehr erinnern, dass er und Hanne seit 20 Jahren geschieden sind. Als das Paar ihn vorübergehend bei sich aufnimmt, kehrt eine Leichtigkeit in die Ehe zurück, doch mit der Zeit gerät auch das Leben aus den Fugen.
• Filmgespräch: Der Film wird auch im Cineplex in Neumarkt gezeigt – zur Vorstellung am 8. Mai um 19.30 Uhr wird das Filmteam mit Regisseur Welf Reinhart und den Produzenten Philipp Maron und Tristan Bähre anwesend sein. Interessierte können mit ihnen dort ins Gespräch kommen und über den Film diskutieren. Tickets gibt es online unter cineplex.de.