Thule investiert in Neumarkt: Weltmarktführer fertigt 160.000 Cargo-Boxen jährlich

Von Eva Gaupp · 27. April 2026 um 05:00

Wer den Namen UHU liest, denkt an Klebstoff und wer von Thule hört, hat sofort eine Dachbox vor Augen. Doch was kaum jemand weiß: Fast alle Dachboxen, die weltweit auf Autodächern unterwegs sind, werden in Neumarkt produziert. Und der schwedische Konzern investiert mächtig an seinem einzigen deutschen Standort.

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Auch wenn die Dachboxen jedes Kind kennt – der Begriff stimmt eigentlich nicht mehr. Denn zum Bereich Cargo-Boxen zählen Dach- und Heckboxen, wie Standortleiter Marcos López erklärt. Rund 160.000 dieser Kunststoffboxen produzieren die Mitarbeiter in Neumarkt jedes Jahr – von der Dreichlingerstraße 10 werden sie in die ganze Welt geliefert.

„Darauf sind wir schon stolz“, sagt Personalchefin Anna-Lisa Fersch. Nur in Chicago, Brasilien und Großbritannien betreibt die schwedische Thule Group weitere Produktionsstandorte, um die die Märkte vor Ort zu bedienen.

1991 hatte die Thule Group aus Schweden die Neumarkter Firma Jet Bag übernommen. - Foto: Eva Gaupp

Hinter dem langgestreckten Bürogebäude in Neumarkts Industriegebiet verbirgt sich die Produktionsstraße, in der die Hälfte der 200-köpfigen Belegschaft die Kunststoffplatten in mehreren Verfahrensschritten teilweise mit hochmoderner Technik, teilweise manuell zu 71 verschiedenen Boxen weiterverarbeiten, bis sie am anderen Ende in Kartons verpackt auf den Abtransport warten.

Abläufe sind im Neumarkter Thule-Werk effizient aufeinander abgestimmt

Das größte Problem des Standorts in Neumarkt ist gleichzeitig seine größte Stärke: Denn der Platzmangel zwingt das Team zu höchster Effizienz. „Die Abläufe sind megaoptimiert“, sagt López.

Mangels großer Lagerflächen werde nicht nur „Just-in-Time“, also zeitgenau, gearbeitet, sondern „Just-in-Sequence“, was bedeutet, dass jeder Montageschritt exakt eingehalten werden muss. Wie in einem Uhrwerk muss jedes Rädchen punktgenau in das andere greifen. Das fordert Mitarbeiter, die minuziös in die Abläufe eingearbeitet sind.

Marcos López ist der Director Roof Box Production Thule Group und Standortleiter für die Thule GmbH in Neumarkt, Anna-Lisa Fersch ist die Leiterin der Personalleitung. - Foto: Eva Gaupp

Bei Thule kein Problem, erklärt Fersch, denn die meisten Mitarbeiter seien dem Unternehmen seit Jahren treu. „Wir haben eine Betriebszugehörigkeit von im Durchschnitt elf Jahren“, sagt die Personalchefin. „Jeder Mitarbeiter kennt die Handgriffe im Schlaf, diese Routine kommt uns sehr zugute.“ Gäbe es Probleme beim Wareneingang oder fiele ein Lastwagen in der Abholung aus, geriete die komplette Produktion ins Stocken, fügt Marcos López.

Bis zu 4000 Boxen entstehen in Neumarkt jede Woche, wobei es sich jedoch um ein Saisongeschäft handle, wie der Standortleiter ausführt: Im Winter und Sommer steige die Nachfrage im Vergleich zum Frühling und Herbst an. Dann wird auch schon mal am Samstag gearbeitet. Von Montag bis Freitag sorgen Mitarbeiter dafür, dass 24 Stunden lang die Maschinen nicht stillstehen.

Dank QR-Codes wissen die Mitarbeiter, welche Schalen zu welchen Aufträgen gehören. Außerdem ist so jeder Arbeitsschritt und Materialverbrauch digital nachzuverfolgen. - Foto: Eva Gaupp

Um die Effektivität weiter zu steigern und weil es leichter sei, qualifizierte Mitarbeiter zu finden als Beschäftigte, die einfache Tätigkeiten verrichten, investiert Thule in die Automatisierung. Das größte Projekt ist eine Verpackungsanlage, die Kartons automatisch faltet, die Transportboxen in Folie hüllt und samt Etikett versandfertig macht.

Bei 71 verschiedenen Modellen, 20 Kartongrößen sowie 20 verschiedenen Paletten eine enorme technischer Herausforderung. „Wir müssen alle 71 Varianten durchtesten“, sagt López und hofft, dass die Anlage in den nächsten Tagen an den Start gehen kann.

Die neue Anlage zum Verpacken und Ettikettieren der Dachboxen ist der nächste Schritt in der Automatisierung des Neumarkter Werks von Thule. - Foto: Eva Gaupp

In Planung sei darüber hinaus ein weiterer Automatisierungsschritt, der momentan ebenfalls von zwei Mitarbeitern ausgeführt wird: Nachdem die Ober- und Unterschale bei rund 160 Grad geformt wurden und auf Raumtemperatur abgekühlt sind, werden die Teile von ihrem Rahmen befreit und gereinigt. Diese Aufgabe soll künftig eine Maschine mit drei Roboterarmen erledigen.

Etwa drei Millionen Euro investiert die Thule Group dafür insgesamt in ihre deutsche Tochter, drei zusätzliche Millionen sollen in den nächsten drei Jahren für weitere Optimierungen ausgegeben werden. „Wir investieren, damit wir auch in Zukunft mit den Low-Cost-Ländern konkurrieren können“, sagt López.

So kommen die Ober- und Unterschalen aus der CNC-Maschine. Nach wenigen Minuten sind sie abgekühlt und können weiterverarbeitet werden. - Foto: Eva Gaupp

Zum einen seien Maschinen schneller als Menschen und zweitens wollten sie ihre Mitarbeiter weiterqualifizieren, damit sie die Anlagen führen können. Einfache oder körperlich anstrengende Tätigkeiten seien wenig beliebt, auch gebe es immer weniger Leute, die im Schichtdienst arbeiten wollten.

Die Thule GmbH in Neumarkt tut jedoch noch einiges mehr, um ihre Mitarbeiter zufrieden zu stellen, wie Anna-Lisa Fersch aufzählt. Das Thema Gesundheit stehe ganz oben auf der Agenda. In zwei Wochen lasse sich der Neumarkter Betrieb das erste Mal nach ISO 45001 für sein Arbeits- und Gesundheitsschutzmanagement zertifizieren.

Bei der Produktion ihrer Dachboxen setzt die Neumarkter Thule GmbH an vielen Stellen auf Automatisierung. In der Montage braucht es jedoch immer noch erfahrene Mitarbeiter. - Foto: Eva Gaupp

Neben diversen Präventionsmaßnahmen kommen die Mitarbeiter beispielsweise alle zwei Wochen in den Genuss einer kostenfreien Massage. Ein Mitarbeiter der Personalabteilung sei schwerpunktmäßig für das Thema Gesundheitsschutz verantwortlich, sagt Fersch, die sei sieben Jahren im Unternehmen arbeitet.

Transportboxen für Ski und Hunde sowie Kindersitze

In dieser Zeit hat sich einiges im Unternehmen verändert – so hat sich die Produktpalette der Thule Gruppe deutlich vergrößert. Denn zu den bekannten Transportboxen für Ski oder Gepäck sind inzwischen auch spezielle für Hunde gekommen. Produziert werden nicht mehr nur Gepäckträger für Ski oder Fahrräder, sondern auch Fahrradanhänger für Hunde und Kinder. „Die erfuhren gerade in der Coronazeit einen enormen Boom.“

71 verschiedene Modelle an Transportboxen werden in Neumarkt gefertigt – auch für Automobilhersteller wie Mercedes oder Volvo. - Foto: Eva Gaupp

2024 hat Thule Kindersitze auf den Markt gebracht, die der ADAC gleich im ersten Jahr zu seinem Test-Sieger gekürt hat. 2025 habe Thule zudem die Firma Quad Lock gekauft, die unter anderem Handyhalterungen für Fahrräder herstellt.

„Thule ist Weltmarktführer für Produkte für aktive Menschen, damit diese Produkte nicht nur sicher, sondern auch stylisch transportieren können“, sagt Anna-Lisa Fersch und erzählt, dass immer wieder Leute in der Dreichlinger Straße klingelten, weil sie ein Produkt von Thule kaufen wollten. „Wir haben leider keinen Shop“, sagt Fersch. Jedoch habe Thule vor zwei Jahren einen Shop in der Münchner Innenstadt eröffnet, in dem alle Produkte verkauft werden.