Kelheims scheidender Landrat lernt Tai Chi und Italienisch – Kehrt er in die Gastro zurück?

Sein Büro hat er bis auf Stuhl und Tisch leer geräumt. Martin Neumeyer (71) scheidet nach seiner Niederlage in der Stichwahl aus dem Amt des Kelheimer Landrats. Damit sei auch seine politische Laufbahn beendet, sagt der frühere Landtagsabgeordnete. In seinen privaten Plänen liebäugelt er mit einer Rückkehr zu seinen Gastro-Wurzeln.
Mit dem Rad fuhr er vom Regensburger Internat zum CSU-Büro und wurde Parteimitglied. Das war 1972. „Politik hat schon in unserem Wirtshaus in Abensberg eine Rolle gespielt“, erinnert sich der damalige Gymnasiast, der im „Hofbräu“ groß wurde. Während der „Tagesschau“ guckten auch die Gäste gespannt hin. Im Internat St. Emmeram verschlang er politische Blätter. In der Schülerunion und der JU brachte sich Neumeyer ein.
Über fünf Jahrzehnte später endet die politische Karriere des 71-Jährigen, in der er unter anderem MdL – „im Landtag zu sein war ein Traum von mir“ – und Bayerns erster Integrationsbeauftragter war. „Auch an Koalitionsverhandlungen im Bund nahm ich einmal teil“, blickt er zurück.
Nach zehn Jahren als Landrat muss der studierte Betriebswirt nach einer deutlichen Niederlage in der Stichwahl gegen Christian Nerb (FW/66,6 Prozent) abtreten. „Ich hatte bereits im Februar geahnt, dass es gelaufen ist“, sagt er heute, „darum war ich beim Ergebnis einigermaßen gefasst.“
Hass und Hetze gegen Familie machten ihm zu schaffen
Die Debatte um das Mainburger Krankenhaus macht er als Knackpunkt im Wahlkampf aus. Dass er „nicht versprechen wollte, was ich nicht halten kann“, sei ihm übel genommen worden. „Ich habe noch nie erlebt, was es über Soziale Medien an Unterstellungen und Anfeindungen gegen mich und meine Familie gab.“ Auch beim geplanten Amazon-Logistikzentrum in Rohr wollte Neumeyer „keinen Sand in die Augen streuen“. „Weder ein Landrat noch ein Kreistag entscheidet über das Projekt“, gibt er seine Position wieder.
Die Enttäuschung über den Wahlausgang sei längst verflogen. „Ich bin mit mir im Reinen“, so der Abensberger. Weil er auf sein Kreistagsmandat verzichtet, naht die politische Rente. In der Rückschau ist für Neumeyer seine erstmalige Kür zum Landrat 2016 – nach zwei vergeblichen Anläufen – ein „herausragender Moment. Ich habe mich unter sieben Kandidaten durchgesetzt.“ Die rund 70 Prozent bei seiner Wiederwahl 2020 machten ihn auch stolz.

Bayerns damaliger Ministerpräsident Horst Seehofer wollte ihn vor zehn Jahren nicht nach Kelheim ziehen lassen, erzählt der 71-Jährige. „Ich hätte in München bleiben sollen.“ Dort hatte sich Neumeyer vor allem als Integrationsbeauftragter einen Namen gemacht. Er reiste, teils unter Polizeischutz, in Länder wie Iran, Irak und Libanon. Er habe „minimal Türkisch“ gelernt, den Koran gelesen und „an die 150 Moscheen besucht“. Das Amt des Landrats habe ihn aber dann mehr gereizt als die Münchner Bühne.
Und seine Bilanz als Landkreis-Chef sehe „nicht schlecht aus“, sagt Neumeyer. „Wir haben vieles auf den Weg gebracht: drei Technologietransferzentren, Ausbildungsschulen für Pflegekräfte und Sozialpädagogen, Übernahme des Gymnasiums Rohr, Land-Kexi, Ausbau der Freizeitbusse, Stärkung des Hafens, ein Nationales Naturmonument und die Sanierung von Schulen.“
Am Montag gibt er eine Abschieds-Brotzeit im Landratsamt. Rund 380 Mitarbeiter (von gut 500) hätten sich angemeldet. „Einige konnten offenbar doch ganz gut mit mir“, stichelt er in Richtung von Unkenrufen vor der Wahl, kein Beschäftigter betrete gerne das Landratsamt unter Neumeyer.
Chinesische Kampfkunst und Kurzurlaube ganz für sich
Der 30. April wird sein letzter Arbeitstag sein. Er freue sich auf die Zeit danach „mit mehr Privatleben“. Italienisch wolle er lernen und Tai Chi (chinesische Kampfkunst) machen. Öftere Kurzurlaube ganz für sich, auch ohne Ehefrau Maxi, nehme er sich vor. Nach der Stichwahl etwa verschwand er für zwei, drei Tage in Berlin.
„Ein politischer Mensch werde ich bleiben“, sagt Neumeyer. Anfragen, da oder dort seine Erfahrung einzubringen, hat er bereits. Er kann sich auch vorstellen, in die Gastronomie zurückzukehren. Bis 2004 betrieb der gelernte Koch in Abensberg das „Albatros“ mit Feinkostladen. „In die Küche werde ich mich nicht mehr stellen, dafür bin ich etwas zu alt“, schmunzelt er. Aber ein Lokal zu betreiben, vielleicht mit anderen gemeinsam, „wäre durchaus eine Überlegung wert“.
Ein Vollblutpolitiker
Ausbildung: Nach der Volksschule in Abensberg besuchte Neumeyer das Goethe-Gymnasium in Regensburg (Abitur 1975) und studierte BWL. Er lernte aber auch Koch und machte den Gesellenbrief.
Ämter: MdL (2003-2016), Integrationsbeauftragter (2009- 2016), Stadtrat in Abensberg und Kreisrat (1984-2016), Bezirksrat (1998-2003), CSU-Kreisvorsitzender (1999-2013), Landrat (2016-2026).
Familie: Neumeyer ist verheiratet und hat zwei Söhne. Enkel gebe es noch keine, „die Planung überlasse ich den Söhnen“, lächelt er. Christliche Nächstenliebe sei für ihn wesentlich, betont Neumeyer