Christian Nerb ist Kelheims neuer Landrat: „Die Deutlichkeit des Erfolgs überrascht mich“

Die Deutlichkeit war ein Paukenschlag und für den bisherigen Landrat ein Nackenschlag. Mit 66,6 Prozent der Stimmen gewann Christian Nerb (FW) die Stichwahl um den Kelheimer Landrats-Posten. Amtsinhaber Martin Neumeyer (CSU) muss damit nach zehn Jahren an der Landkreis-Spitze abtreten.
Am Vormittag hatte der 65-jährige Nerb bei einem Spaziergang im Labersberger Staatsforst ein „Waldbad“ genommen – am Abend durfte er im Erfolg baden. „Ich bin natürlich überglücklich, dass wir unser Ziel erreicht haben. Ich hatte mich im gesamten Wahlkampf gut gefühlt und war zuversichtlich“, erklärte der neue Landrat. Das klare Votum für ihn überrasche allerdings. „Ich hatte eher mit einem Kopf-an-Kopf-Rennen gerechnet. Ich denke aber, die Wähler wollten den Wechsel, auch die Anhänger der anderen Parteien.“
In manchen Kommunen erzielte Nerb haushohe Siege, etwa in Mainburg mit 91,4 Prozent. Für Amtsinhaber Neumeyer lag die Erklärung auf der Hand: „Hier spielte die Zukunft des Krankenhauses die entscheidende Rolle. Ich habe mich an der Sachlage orientiert und nicht an Versprechungen.“ Dies sei nicht angekommen.
Amtsinhaber holt nur eine einzige Gemeinde: Rohr
„Ich bin mit meinen Themen gescheitert, nicht mit meiner Person. Ich habe mein Bestes gegeben und kann weiterhin in den Spiegel gucken“, sagte der 71-Jährige auch mit Blick auf die Debatte um das Amazon-Logistikzentrum in Rohr. Diese Gemeinde ging als einzige an Neumeyer. In seiner Heimatstadt Abenberg lief ihm Nerb den Rang ab. In Summe eroberte Nerb 33.573 Stimmen, Neumeyer kam auf 16.860. „Schade, dass nicht gesehen wurde, was wir mit Gymnasium Rohr, Pflegeschule, Kexi oder Wasserstoff-Zukunft erreicht haben“, ergänzte der bisherige Kreischef.

Eine direkte Begegnung der beiden Kontrahenten und damit auch das obligatorische Shakehands-Foto blieb am Sonntagabend aus. Der FW-Kandidat fieberte im Gasthaus Frischeisen auch mit dem Kelheimer Bewerber Dennis Diermeier mit. Der Landrat harrte im Landratsamt der Ergebnisse, dort warteten auch Fernsehkameras auf den Wahlsieger. Als Nerb mit seiner Ehefrau Claudia gegen 19.30 Uhr in der Kreisbehörde ankam, hatte sich Neumeyer mit Familie schon zum Essen verabschiedet. Früh war ihm klar geworden, wohin die Reise geht. „Abgestraft“, entfuhr es ihm angesichts erster Ergebnisse.
Der neue Amtschef stieß später wieder zur „FW-Familie“, wie er sagte, im Frischeisen. „Es ist ein toller Abend. Aber als Kreischef der Freien Wähler tut mir freilich weh, dass wir in Saal, Hausen und Mainburg das Bürgermeister-Amt abgeben mussten.“
„Ja“ zu Klinik Mainburg, „Nein“ zu Amazon-Projekt
Umgehend sprach er seinen kommenden Ägiden an. „Die Aufgaben werden sehr schwierig. Aber ich werde alles daran setzen, die Wahlversprechen zu halten.“ So soll die Klinik Mainburg auch in enger Zusammenarbeit mit der neuen Bürgermeisterin mit einer Notfallversorgung 24/7 und vier Abteilungen ausgestattet werden, auch die Lehrschwimmhalle realisiert werden.
„Ich weiß, dass das alles Geld kostet. Aber das sind für mich Dinge der Grundversorgung.“ Das umstrittene Logistikzentrum hält Nerb Stand heute weiterhin „für nicht genehmigungsfähig“. In die Verwaltung des Landkreises müsse er sich erst einarbeiten.

Neumeyer, der sich am Sonntagvormittag den ersten Spargel geholt hatte, will sich in den nächsten Tagen Gedanken über seine politische Zukunft machen. Ob er das Kreistags-Mandat annehme, sei insofern offen. Völlig unvorbereitet treffe ihn seine Abwahl nicht. „Ich hatte das Gefühl, dass es schwierig wird. Der Wähler hat entschieden, das respektiere ich.“ Eine „liebevolle Familie und Freunde“ stünden hinter ihm. Italienisch wolle er lernen und Tai Chi machen, sollte er sich jetzt aus der Politik zurückziehen. „Langweilig würde mir sicher nicht.“
Vor zwei Wochen waren Neumeyer (33,9 Prozent) und der Saaler Nerb (33,1) noch in etwa gleichauf gelegen. Die übrigen Stimmen verteilten sich auf die weiteren fünf Kandidaten des ersten Wahldurchgangs. Die Wahlbeteiligung lag bei 65,4 Prozent, diesmal waren es 52,7.
Im Mai wird Christian Nerb sein neues Amt übernehmen. Bis dahin bleibt er noch Bürgermeister von Saal, wo auch eine Stichwahl stattfand. „Ich freue mich auf die Aufgaben und die kommenden sechs Jahre“, so der neue Landrat.