Schlossfestspiel-Macher Ludwig Söll im Interview: „Der Trend geht klar zum Mega-Event“

Der 25-Jährige Ludwig Söll steuert seit fünf Jahren die Odeon Concerte – und damit auch die Thurn und Taxis Schlossfestspiele. Er bringt an die 100.000 Tickets im Jahr auf den Markt. Ursprünglich hatte er ganz andere Pläne.
Odeon Concerte veranstaltet im Juli die 22. Thurn und Taxis Schlossfestspiele. Das Profil hat sich enorm gewandelt, vom reinen Klassik-Festival zu Crossover. Wie kommt das an – und warum machen Sie das?
Ludwig Söll: Es gibt zwei Antworten auf diese Frage. Zum einen ist Regensburg eine vergleichsweise kleine Stadt – zehn Abende ausschließlich Oper würden nicht funktionieren. Um ein breiteres Publikum zu erreichen, ist es schlicht notwendig, Konzerte verschiedener Genres zu veranstalten. Der zweite Grund ist ganz einfach: weil wir Lust darauf haben. Es ist großartig, an zehn Abenden so viele unterschiedliche Musikrichtungen und kulturelle Facetten erleben zu können. Rock, Klassik, Pop und Jazz – all das gehört dazu. Das ist eine echte Bereicherung.
Ist die Suche nach Künstlern für die Festspiele schwierig?
Söll: Ja und nein. Es gibt Auftritte, die werden angeboten, Projekte, da muss man hinterher sein – und Künstler, um die muss man Jahre lang kämpfen. Wie für Elton John oder Anna Netrebko, die ja gleich zwei Mal zu Gast war. Wir fragten jedes Jahr erneut an – und irgendwann klappte es schließlich.
Stichwort Anna Netrebko: Immer wieder werfen Kritiker die Kultur, den Veranstalter Odeon und die Schirmherrin und Grundstücksbesitzerin Gloria von Thurn und Taxis in einen Topf. Wie gehen Sie damit um?
Söll: Zuallererst: Wir wollen Kultur ermöglichen. Wir beziehen in keiner Weise politisch Position. Das ist auch nicht unsere Aufgabe. Wir sind Veranstalter und stellen hochwertige kulturelle Veranstaltungen auf die Beine. Kultur und Musik bringen Menschen zusammen – oder sollten es zumindest. Darauf liegt unser Fokus. Zu unseren Konzerten ist jeder Mensch willkommen – unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Religion, politischer Ausrichtung oder was man sonst an Unterscheidungsmerkmalen nennen mag.
Das Festival gehört seit Jahren zu den international schönsten Schlossfestspielen. Aber die Menschen sparen, auch bei Kultur. Wie schlägt sich das nieder?
Söll: Das ist ein ambivalentes Bild. Insgesamt achten die Menschen stärker auf ihre Ausgaben, auch bei Konzerten, sie sparen jedoch nicht bei jedem Event gleichermaßen. In der Branche ist klar ein Trend zu hochpreisigen Mega-Events zu beobachten. Viele leisten sich Tickets für Taylor Swift & Co., besuchen dafür aber tendenziell weniger Konzerte im kleinen Rahmen. Dadurch haben wir zunehmend seltener die Möglichkeit, Newcomer oder vielversprechende jüngere Talente vorzustellen, und sind gezwungen, auf dieser Welle mitzuschwimmen und Superstars wie Simply Red, Peter Maffay oder Eros Ramazzotti zu präsentieren. Gleichzeitig kommt uns das einzigartige Ambiente mit seinem romantischen Flair zugute. Viele Besucher nehmen den Besuch bei uns bewusst als besonderes Erlebnis wahr, das sie sich auch „gönnen“. Dennoch höre ich von vielen Kollegen, die klagen.
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Odeon Concerte ist ein privater Veranstalter, ohne öffentliche Förderung. Andere Anbieter – Theater, Konzertvereine, Chöre – genießen Steuervergünstigungen oder Zuschüsse. Wie wird sich der Förderhorizont Ihrer Meinung nach entwickeln?
Söll: Wenn ich lese, dass jedes Ticket der Staatsoper Berlin im Schnitt mit rund 250 Euro bezuschusst wird, und mir zugleich die Lage der öffentlichen Haushalte ansehe, ist davon auszugehen, dass sich hier in den kommenden Jahren einiges verändern wird.
Die Schlossfestspiele sind nur eines der Schiffe, die Sie steuern. Odeon bringt ja seit 40 Jahren auch Klassik-Stars ins Regensburger Audimax.
Söll: Und nach Mannheim und Essen, wo wir ebenfalls Klassikkonzerte veranstalten – allerdings in größeren Sälen: im Rosengarten in Mannheim mit rund 2200 Plätzen, in der Philharmonie Essen und an weiteren Spielstätten, etwa Kirchen.
Was für ein Ticketkontingent bietet Odeon im Jahr an?
Söll: Über den Daumen gepeilt bewegen wir uns in einer Größenordnung von rund 100.000 Tickets pro Jahr.
Ein großes Paket für jemanden, der erst 25 ist. Wie alt waren Sie, als Sie bei Ihrem Vater Reinhard Söll und Odeon einstiegen?
Söll: So richtig im Büro fing ich mit 19 an. Ursprünglich hatte ich ganz andere Pläne: Ich habe Geschichte studiert, eine große Leidenschaft von mir. Dann kristallisierte sich heraus, dass Reinhard aus gesundheitlichen Gründen kürzertreten musste. Ab diesem Zeitpunkt – ich war gerade 20 – bin ich voll eingestiegen, parallel zum Studium. Ich habe schließlich von Geschichte auf BWL gewechselt.
Wie war das möglich, neben der Unternehmensführung?
Söll: Das war letztlich nur wegen Corona möglich. Die Pandemie hat die Präsenzpflicht an der Universität deutlich gelockert, sodass ich abends nach der Arbeit im Büro studieren konnte. Unter normalen Umständen wäre das parallel zur Tätigkeit in der Konzertdirektion kaum machbar gewesen
Nach Arbeit und Studium sah man Sie so gegen 22 Uhr zum Fitnesstraining gehen.
Söll: Ja, das mache immer noch gern. Davor komme ich kaum dazu.
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Klassik kämpft um jüngeres Publikum. Wo geht die Reise Ihrer Meinung nach hin?
Söll: Ich denke, es werden sich vor allem die Künstler durchsetzen, die soziale Medien aktiv nutzen können – also echte Digital Natives, die selbstverständlich mit Plattformen wie Instagram, Tiktok oder Facebook umgehen und diese gezielt zur eigenen Vermarktung einsetzen. Diese Kanäle gewinnen zunehmend an Bedeutung. Ein gutes Beispiel ist Hayato Sumino: Er ist ohne Frage ein herausragender Pianist, aber durch seine enorme Reichweite auf YouTube – mit Hunderten Millionen Aufrufen – und Millionen Followern auf Instagram und Co. eröffnen sich ihm ganz andere Möglichkeiten. Für die nächste Künstlergeneration wird das eine zentrale Rolle spielen. Ohne diese neuen Kommunikationswege wird es zunehmend schwierig, international Fuß zu fassen. Große Begabung allein reicht oft nicht mehr aus – ohne Social Media ist der Weg deutlich steiniger.
Das Gespräch führten Andrea Rieder und Marianne Sperb.
Große Namen sind Programm
Odeon Concerte: Der Konzertveranstalter, gegründet von Reinhard Söll und geführt von seinem Sohn Ludwig Söll, holt seit 40 Jahren die Stars nach Regensburg, von Elton John bis Anna Netrebko, von Alfred Brendel bis Tom Jones. Im Juni gastiert Anne-Sophie Mutter.
Schlossfestspiele: Das Festival zieht jeden Sommer bis zu 30.000 Gäste an und setzt auf das Ambiente und den Mix aus Klassik, Rock, Pop und Jazz. Diesen Juli kommen zum Beispiel Jonathan Tetelman, Andrea Berg, Peter Maffay, David Garrett, Ricchi e Poveri und Gregory Porter.