„Man kann schnell ausbrennen“: Jonathan Tetelman im Exklusiv-Interview

Die Kulturwelt feiert ihn als neuen Placido Domingo oder Jonas Kaufmann, als bodenständigen Star mit gleißend schöner Stimme. Der Mediengruppe Bayern erzählt er, wie viel Charme und Aussehen zum Erfolg beitragen, warum er intensiv social media bespielt – und wer seine drei Begleiterinnen im Theater Regensburg sein werden, dem „Opernhaus des Jahres“.
Lieber Herr Tetelman, Sie werden am 23. Februar in Regensburg geehrt. Was bedeuten Ihnen Preise – und speziell: der Oper! Award?
Jonathan Tetelman: Als ich jünger war, sah ich Auszeichnungen an mir vorbei ziehen. Ich fühlte mich etwas wütend, dass ich Preise nicht erhielt, die andere Kollegen gewonnen haben. Heute sind mir Auszeichnungen weniger wichtig. Es geht mir mehr darum, wie ich meine Karriere voran treiben und was ich selbst bewirken dabei kann. Der Oper! Award ist eine Anerkennung für all die Arbeit, die ich in meine Entwicklung investiert habe. Mir ist der Erfolg nicht zugefallen, ich habe wirklich hart gearbeitet. Ich machte alle notwendigen Schritte und ging die Risiken ein, die ich vertreten konnte. Aber nun als bester Sänger geehrt zu werden, in meinem Alter, für diese Menge an Anstrengung, Schmerzen, Blut und Tränen: Das bedeutet mir viel.
Zur Gala kommen Stars wie Cecilia Bartoli, Ermonela Jaho, Nadezhda Karyazina. Freuen Sie sich auf die Kolleginnen?
Tetelman: Ich kenne die Namen noch gar nicht. Sorry, ich bin nicht so im Thema, ich war so beschäftigt mit „Faust“ in München. Ich bin einfach glücklich, in Regensburg und Teil der Zeremonie zu sein.
Das strahlende hohe C ist der Prüfstein jedes großen Tenors. Sie erreichen sensationelle Spitzentöne. Das birgt Risiken für die Stimme. Wie managen Sie diese Risiken und: Geben Sie vielleicht zu früh zu viel?
Tetelman: Nun, wie Carreras sagt: Wenn ich morgen das hohe C singen muss, schlafe ich heute nicht. Und er hat recht. Obwohl ein guter Nachtschlaf der beste Weg ist, um gut zu singen. Für mich sind Erholungsphasen ausgesprochen wichtig. Sänger-Karrieren haben ein hohes Tempo. Man muss nicht nur lernen, wie man singt, sondern auch, wie man schnell wiederholt. Man muss sich gut um sich kümmern. Man muss ein tolles Team haben, das einen inspiriert und das die Risiken, die es wirklich wert sind, übernehmen kann. Sonst kann man so schnell ausbrennen in dieser schnellen Opernwelt.
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Sie sagen, Puccini ist Ihr Idol. Nach Ihrem gefeierten Rollendebüt als Faust an der Staatsoper München: Ist nun Charles Gounod Ihr Favorit?
Tetelman: Nach unserer Generalprobe zu „Faust“, die sehr gut lief, sagte ich zu Kyle Ketelsen, der in „Faust“ den Méphistophélès singt: „Man, ich vermisse Puccini!“ Ich mag Gounod, aber ich glaube, meine Persönlichkeit liebt Puccini.
Erst ein italienischer heroischer Spinto-Tenor, nun mehr lyrische Farben in „Faust“: Ist Wagner das nächste Ziel?
Tetelman: Interessante Frage. Bevor ich den „Faust“ machte, dachte ich, Wagner würde bald anstehen. Ich spielte mit Ideen von Parsifal, Siegfried, Lohengrin. Jetzt, nach der Erfahrung mit „Faust“, fühle ich, dass ich noch Zeit brauche, um das Zentrum meiner Stimme zu entwickeln, die Farben zu entwickeln. Ich bin noch in meinen Dreißigern und denke, ich habe die Zeit auf meiner Seite. Wenn man so viel Aufmerksamkeit hat und etwas vermitteln muss, müssen die Schritte gut kalkuliert werden. Und ich fühle mich für Wagner einfach nicht bereit.

Sie sind sehr aktiv auf Social Media. Wie viel Anteil hat der öffentliche Auftritt an Ihrem Status als Startenor?
Tetelman: Vor 15 Jahren hätte ich gesagt: null bis fünf Prozent, heute sage ich: 100 Prozent. Beiträge auf social media sind der einzige Weg, sich wirklich weltweit zu verbinden. Am Ende ist es das, was Kunst will: Menschen verbinden. Es geht darum, dass deine Kunst alle erreicht. Du kannst bei Kommunikation nicht auf ein Opernhaus, auf deine Agentur oder deine Freunde bauen; du musst es selbst machen. Es ist ein weiterer Vollzeitjob, wenn du in einer Welt, die sich so schnell dreht, nicht übersehen werden willst. Aber das ist der einzige Weg, um international Karriere zu machen. Und statt neue Kanäle zu bekämpfen, wie es Kollegen tun, sollte man sie umarmen, sie nutzen, ausbauen. Denn Veränderung und Entwicklung gehören zum Leben. Wahrscheinlich haben die Menschen auch vor 120 Jahren, als Caruso die erste Schallplatte aufnahm, gesagt: O no, das ist ja verrückt! Technologie verändert alles - und es ist besser, sie anzunehmen , weil sie auch ohne dich alles ändern wird.
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Keine Rezension, die nicht Ihr Auftreten, Ihren Charme erwähnt. Wie wichtig sind Aussehen und Show für den Erfolg eines Abends?
Tetelman: Es hängt vom Publikum ab. Ein Publikum in den USA ist nicht das gleiche wie wie in Bayern. Mehr als 50 Prozent der Menschen, die in München in die Oper gehen, haben die Musik vorab bereits gehört und waren bereits öfter in der Oper. Nicht so in den USA. Deshalb bieten Qualitäten wie Talent, Aussehen, Präsenz oder Charisma Vorteile. Und die muss man alle so gut entwickeln wie möglich. Am Ende des Tages ist Oper beides: Kunst und Unterhaltung.
Jonas Kaufmann ist Ihr Vorbild. Nun werden Sie selbst als neuer Jonas Kaufmann gehandelt. Schmeichelt das – oder engt es Sie ein?
Tetelman: Wir müssten vielleicht Jonas dazu fragen; denn ich bin mir nicht sicher, ob das für ihn so beeindruckend ist. Für mich natürlich schon! Er ist ein großartiger Sänger, ein großartiger Mensch und er hat unglaubliche Dinge für die Opernwelt bewirkt. Er hat eine wundervolle Generation junger Sänger inspiriert. Ich sehe für mich auch die Aufgabe, die nächste Sänger-Generation zu inspirieren und Oper lebendig zu halten. Wir brauchen Oper, weil sie Schönheit vermittelt und uns Freude, Frieden – und manchmal sogar Tränen schenkt.
Jonas Kaufmann war über Jahre Stammgast der Thurn und Taxis Schlossfestspiele, auch Placido Domingo, noch eins Ihrer Idole, hat hier gesungen. Wie blicken Sie auf Ihren Festspiel-Auftritt im Sommer, am 12. Juli?
Tetelman: Diese beiden Jungs sind wahrscheinlich meine zwei Lieblingstenöre der Gegenwart. Domingo ist sicher die größte Opernkarriere gelungen, die es je gab. Ein unglaublicher Sänger und ein wirklich wundervoller Mensch. Ich kann nicht genug tolle Dinge über Placido sagen. Ich meine, ich bin in Relation zu diesen Operngenies nur ein Staubkorn – aber ich bin happy, wenn ich auf dem Weg bin, eine eigene kleine Marke zu setzen.
Die Regensburger sind musik- und theaterverrückt. Was haben Sie für die Gala im Theater Regensburg, im „besten Opernhaus des Jahres“, vorbereitet? Was werden Sie singen?
Tetelman: Aus Rigoletto die Arie „La Donna é mobile“.
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Kommt Ihre Familie mit?
Tetelman: Ja, meine Frau und unsere Töchter und ein Cousin.
Sie sagten in einem Interview, Ihre ältere Tochter liebt solche Abende und sich hübsch anzuziehen.
Tetelman: Absolut. Sie ist vier und kann die Gala kaum erwarten.
Es muss schon eine Weile sein, seit sie in einem kleinen Stadttheater gesungen haben.
Tetelman: Zuletzt war das in Lima, Peru. Dort gibt es zwei Opernhäuser, das Nationaltheater und das kommunale Theater, wunderschön, mit 800 Plätzen. Ich liebe so kleine Häuser; dort kann man fühlen, wie nah einem das Publikum ist.
Letzte Frage: Sie haben die USA verlassen, weil Sie in Deutschland bessere Chancen sahen. Wie blicken Sie heute auf die USA und die Kulturpolitik?
Tetelman: Die USA haben bekommen, was sie gesät haben. Ohne die Förderung von Kultur und Bildung durch die Regierung bekommen wir ein echtes Problem. Die USA machten wirklich einen Riesenfehler in den letzten Jahren, Jahrzehnten. Kunst und Kultur sind das erste, was sie beschneiden, und das letzte, worum sie sich kümmern. Ich las gerade einen Artikel, dass viele Künstler New York verlassen. Sie können nicht mehr ertragen, dort zu leben. Es ist eine Schande. Ich hätte das so nie erwartet. Und ich hoffe auf Veränderung. Aber es gibt offenbar Menschen in höchsten Positionen, die sich nicht auf die Zukunft konzentrieren, sondern nur auf ihr eigenes Überleben.
Allerletzte Frage: Sie haben chilenische Wurzeln, wuchsen in New York auf, sind dann nach Berlin gezogen. Betrachten Sie Deutschland nun als Heimat?
Tetelman: Ja, langsam, aber sicher. Wir leben in Berlin, aber meine Frau vermisst das Grün. Mit 25 oder 28 war Berlin der perfekte Ort. Aber mit kleinen Töchtern, ein und vier Jahre alt, ist Berlin ein bisschen fragwürdig, ein bisschen zu groß. Wir sind dabei, uns umzusehen. Vielleicht wäre München ein guter Ort, wer weiß? Wir sind ja nicht an eine Stadt gebunden. Wir suchen einen Ort, wo wir uns wohl fühlen und wo wir die Kinder glücklich machen können, wo sie eine tolle Ausbildung bekommen – und viel von all dem profitieren, was Deutschland so wunderbar macht.
Das Interview führte Marianne Sperb.
Info: Ein frischer, strahlender Star
Jonathan Tetelman, 1988 in Chile geboren, Opernsänger im Fach des Tenore spinto, wird gefeiert als neuer Jonas Kaufmann oder Placido Domingo, als bodenständiger Star mit gleißend schöner und geschmeidiger Stimme. Jonathan Tetelman wurde als Baby adoptiert und wuchs in New Jersey auf. Erstes Geld verdiente er als DJ in Manhattan und er generiert Publikum auch bei Flashmobs und in Karaoke-Bars. Bei der Gala am Montag (23. Februar) in Regensburg, bei der das städtische Theater als bestes Opernhaus geehrt wird, erhält Tetelman den Oper! Award als bester Sänger.