„Ein unfassbares Gold“: Jury-Chef erklärt, warum Regensburg das beste Opernhaus hat

Von Marianne Sperb · 18. Februar 2026 um 10:52

Ein Stadttheater in der Oberpfalz wird mit dem Prestige-Titel geehrt, nach den Flaggschiffen in Amsterdam und Brüssel. Das hat vor allem mit künstlerischem Mut zu tun und mit dem Vertrauen, das das Haus sich beim Publikum erarbeitet hat. Die Hintergründe erzählt Ulrich Ruhnke hier:

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Herr Dr. Ruhnke, die Frage, die sich in Regensburg alle stellen: Warum bekommt unser kleines Theater diesen großen Titel?

Ulrich Ruhnke: Das Theater Regensburg wird als „Bestes Opernhaus“ ausgezeichnet. Da stellt sich die Frage: Was ist denn das beste Opernhaus? Und: Sind das immer nur die Staatsopern, die mehr oder weniger dieselben Sänger und Regisseure aus dem internationalen Opern-Jetset engagieren und so eine mehr oder weniger ähnliche Ästhetik pflegen? Oder ist das beste Opernhaus das, wo Neues entsteht?

Aber die großen Stimmen hört man an den großen Häusern.

Ruhnke: Natürlich können sich Staatsopern teure Künstler leisten, die nicht immer, aber oft ihr Geld wert sind. Das Gesangsniveau in Staatsopern ist sicher ein anderes als in einem Stadttheater oder auch: künftigem Staatstheater. Aber was würde es bedeuten, nur vom Gesangsniveau auszugehen? Dass mittlere Häuser keine Chance haben auf diesen Preis? Das kann es nicht sein.

Worum geht es Ihnen also bei der Auszeichnung?

Ruhnke: Wir schauen, wo entsteht Neues, wo beginnt vielleicht eine Richtung, die sich in den nächsten Jahren verstärkt durchsetzen wird oder es unserer Meinung nach sollte. Der Jury fiel das Theater Regensburg auf. Und wenn uns etwas auffällt, gucken wir über längere Zeit genauer und sehr kritisch dahin. Und wenn es überzeugt, geht es in die Auswahl.

Ist das Neue, von dem Sie sprechen, in Regensburg der sehr breite Begriff von Musiktheater bei gleichzeitig sehr hoher Publikumsgunst?

Ruhnke: Regensburg verlässt den Kanon der immer gleichen Opernwerke, denen man sonst überall begegnet. Uns fiel auf, dass in Regensburg schon rein prozentual die bekannten Werke in der Minderzahl sind und das Unbekannte in der Mehrzahl. Wir finden das sehr, sehr mutig. Wer das bewährte Repertoire verlässt, geht ein Risiko ein. Es stellt sich die Frage: Wie gut sind die Werke und wie gut werden sie aufgenommen? Da ist, das muss man sagen, das Theater Regensburg ganz weit vorn dabei. Es hat eine wahnsinnig hohe Trefferquote. Das ist es, was uns gefällt.

Regensburg spielt mit dem Neuen nicht das Haus leer, sondern bewegt Menschen, sich auf Neues einzulassen. Wie gelingt das Ihrer Meinung nach?

Ruhnke: Es geht in der Konstellation Publikum und Theater, wie immer im Leben, um Vertrauen. Wenn innerhalb kurzer Zeit der Eindruck entsteht: Ich kann dem, was geboten wird, vertrauen, auch wenn ich es nicht kenne, ist das ein unfassbares Gold, das man gar nicht hoch genug einschätzen kann. Deshalb sind Auslastungszahlen nicht nur finanziell wichtig; sie zeigen auch, dass es Vertrauen gibt.

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Trotz Ihrer Argumente: Nach den Flaggschiffen in Amsterdam und Brüssel geht der Titel nun an ein Stadttheater im kleinen Regensburg in der Oberpfalz. Hatte die Jury nicht Zweifel? Wie reagierte die Branche? Wurden Sie nicht gefragt: Habt ihr euch das gut überlegt?

Ruhnke: Wir stellten die Frage zunächst uns selbst – und sie wurde auch von außen an uns herangetragen. In der Tat war die häufigste Frage der letzten Wochen: Wo liegt Regensburg und wie komme ich hin? Internationalen Künstler sage ich: Regensburg liegt vom Flughafen München ungefähr so weit entfernt wie München selbst. Und: Regensburg liegt da, wo man vor Oper keine Angst hat, wo man Musiktheater in seiner ganzen Breite mit größtem Erfolg auf die Bühne bringt.

Früher hieß es: Regensburg liegt südlich von Wackersdorf. – Wer war für den Preis in der engeren Wahl? Wer waren unsere schärfsten Konkurrenten? Können Sie dazu etwas sagen?

Ruhnke: Ja, das könnte ich, aber das werde ich nicht tun. Natürlich gab es mehrere Kandidaten – aber die Entscheidung fiel ganz eindeutig für Regensburg.

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Die Jury der Oper! Awards hat den Blick auf allen Häusern in Europa. Wie siebt sie aus?

Ruhnke: Wir alle aus der Jury sind extrem viel unterwegs und sehen sehr, sehr viele Produktionen. Im Grunde läuft die Wahl ein bisschen ab wie beim Konklave. Das klingt jetzt hochgegriffen, trifft es aber: Jeder schreibt auf einen Zettel, welchen Preisträger er in welcher Kategorie sieht. Dann wird diskutiert. Wir hatten viele Diskussionsrunden. Am Ende steht die gesamte Jury geschlossen hinter jeder Entscheidung.

Nur dass die Jury nicht wie beim Konklave eingesperrt bleibt, bis die Wahl getroffen ist.

Ruhnke: In der Tat, so weit gehen wir nicht.

In der Jury sitzen so renommierte Leute wie Eleonore Büning. Welche Inszenierungen in Regensburg haben die Experten gesehen? „1984“, „Ghosts of Versailles“? Oder nur Produktionen der Spielzeit 2024/2025?

Ruhnke: Die Opern sehen wir alle, mehrheitlich auch die Musicals oder Operette wie „Prinz von Schiras“. Und wir beobachten das Haus schon eine Weile, kennen auch sehr viele Inszenierungen aus Vorjahren.

Zehn Preisträger sind bekannt. Werden Sie die übrigen Preisträger noch nennen vor der Gala?

Ruhnke: Nein, die Namen werden erst am 23. Februar in Regensburg benannt, genau wie die Kategorien, in denen die Künstler geehrt werden.

Das Gros der Plätze im Saal ist für die Künstler und ihre Begleiter, die Jury und für Medien reserviert. Für Regensburger, die an diesem historischen Abend ihr Theater feiern wollten, blieben wenig Tickets. Das läuft bei jeder Gala ähnlich ab, oder?

Ruhnke: Ja, leider. Das Theater Regensburg hat ja auch nicht soo viele Plätze. Aber wir streamen live. Jeder kann die Gala im Stream verfolgen, auf Deutsch oder auf Englisch.

Woher reisen die Preisträger an?

Ruhnke: Barry Koskie kommt zwischen zwei Proben aus London, wo er am Royal Opera House „Siegfried“ inszeniert. Ermonela Jaho singt gerade in London die Violetta. Erin Morley war bis Ende 2025 an der Met verpflichtet und singt jetzt die Zerbinetta an der Staatsoper Wien. Miina-Liisa Värelä wird die neue Brünnhilde an der Staatsoper München. Das sind große Namen – vor allem stehen sie für große Kunst.

Interview: Marianne Sperb

Info: Die Gala im Live-Stream

Dr. Ulrich Ruhnke ist Gründer der Oper! Awards und Jury-Vorsitzender. Er studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Philosophie und Kulturmanagement in Köln und Berlin und promovierte über Wahrnehmung von Oper. Ruhnke ist journalistisch tätig für Zeitungen und Fachzeitschriften. 2015 gründete er das Magazin Oper!, 2019 initiierte er die Oper! Awards, Deutschlands einzigen öffentlich verliehenen Preis für die internationale Opernbranche.

Das Theater Regensburg wird am 23. Februar als „bestes Opernhaus 2025“ geehrt und ist als Preisträger in der Königsklasse Schauplatz der Gala für die internationalen Oper! Awards. Geehrt werden die weltweit besten Künstler auf und hinter der Bühne. Zehn der 20 Namen sind bekannt, darunter Cecilia Bartoli, Jürgen Rose, Barrie Kosky, Erin Morley, Jonathan Tetelman, Ermonela Jaho. Die Gala wird auf Deutsch und Englisch live gestreamt: oper-awards.com