Nach Jahrzehnten verabschieden sich zwei Neustädterinnen aus der Politik

Von Jochen Dannenberg · 23. April 2026 um 15:00

Sie waren jahrzehntelang politisch aktiv, sie gehörten verschiedenen Parteien an, kämpften für ihre Ziele auf unterschiedlichen Ebenen und doch hatten sie Etliches gemeinsam. Jetzt endet für zwei Urgesteine der Neustädter Kommunalpolitik die Laufbahn. Zeit für einen Rückblick.

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Johanna Werner-Muggendorfer (SPD) und Ursula Brandlmeier (CSU) gehen aufs politische Altenteil. Dem neuen Stadtrat gehören sie nicht mehr an. Nach Jahrzehnten in der Politik ist für sie Schluss mit Abstimmungen und Debatten. Am kommenden Montag werden sie mit anderen Männern und Frauen, die aus dem Stadtrat ausscheiden, verabschiedet. Johanna Werner-Muggendorfer wird es dann auf 48 Jahre Zugehörigkeit im Stadtrat gebracht haben, Ursula Brandlmeier auf 36 Jahre. Zusätzlich gehörten beide über viele Jahre dem Kreistag an, Werner-Muggendorfer außerdem noch dem Landtag, was die Sozialdemokratin damit sogar zur Berufspolitikerin machte.

Politisiert in der Sturm- und Drangphase der Republik

Nicht nur die Parteizugehörigkeit und die „Arbeitsebenen“ der beiden Politikerinnen sind unterschiedlich. Auch der Weg in die Politik könnte kaum unterschiedlicher sein. Bei Johanna Werner-Muggendorfer waren die „Sturm- und Drangjahre“ der Bundesrepublik der Anlass. Willy Brandt war Bundeskanzler, ihr Mann war Gewerkschafter. Im öffentlichen Leben gab es noch echte Alt-Nazis und Franz-Josef Strauß war bayerischer Ministerpräsident. Er war das Feindbild der damals noch sehr jungen Neustädterin, die als Erzieherin arbeitete. Reibereien, sagt die heute 75-Jährige, gab es seinerzeit, aber nicht nur mit dem politischen Gegner, sondern auch in der eigenen Partei. Der Partei-Nachwuchs, die Jusos, wurde von den SPD-Granden skeptisch gesehen – umgekehrt galt das aber auch.

Landtagspräsidentin Ilse Aigner überreichte Ursula Brandlmeier 2019 für ihre Verdienste die Bayerische Verdienstmedaille in Silber. - Foto: Landtag

Ursula Brandlmeier war ein Selbstläufer. „Ich war schon als junge Frau in mehreren Gruppen ehrenamtlich tätig“, erklärt die gelernte Arzthelferin und spätere Bankfilialleiterin. Kurz: Man kannte sie. Da kam es dann eines Tages, wie es in solchen Fällen oft kommt: Jemand fragte, ob sie sich nichtvorstellen könnte ... Das war 1989. Ein Jahr später saß Ursula Brandlmeier für die CSU im Stadtrat und holte fortan ein Traumergebnis nach dem anderen. Oft landete sie bei der Stimmenauszählung knapp hinter den Spitzenkandidaten ihrer Partei.

Ihr Weg waren nicht neue Gesetzesvorhaben und Forderungen, sondern zuhören. „Ich was einfach da und habe mit den Leuten geredet. Da erfährt man viel, man hört, was die Menschen bewegt und was ihnen wichtig ist“, sagt die 84-Jährige. Im Mittelpunkt ihres Schaffens standen damit vor allem die sogenannten kleinen Leute. Die Nachbarschaftshilfe, die Spielwoche und die Seniorennachmittage waren folgerichtig Projekte, denen sich Ursula Brandlmeier mit Hingabe widmete.

Sie war nah dran an der„großen Politik“, hier mit dem einstigen Spitzenkandidaten der bayerischen SPD, Karl-Heinz Hiersemann. - Foto: Werner-Muggendorfer

Das ist nicht ganz weit weg von den Ideen Johanna Werner-Muggendorfers, die sagt: „Ich habe mich immer für die Schwächeren eingesetzt.“ Dazu zählten aus ihrer Sicht vor allem Frauen, junge Menschen und Kinder. Der Ansatz für die Umsetzung war über viele Jahre vor allem der Landtag. Dort gehörte die Neustädterin dem oftmals etwas belächelten Petitionsausschuss an. Aber gerade hier, betont die 75-Jährige, habe sie sich wohl gefühlt. „Zu uns kamen die Leute, die anderswo kein Gehör fanden.“

Und heute? Die Karawane ist längst weitergezogen. Franz-Josef Strauß kennen nur noch die älteren CSU-Mitglieder und die SPD in Bayern ist weit von ihren einstigen Spitzenergebnissen entfernt. Politik findet heute vor allem auch in den Sozialen Medien statt. Fast trotzig hält Johanna Werner-Muggendorfer die Fahne der Demokratie aufrecht. „Einmischen lohnt sich immer“, meint sie und wenn sie das sagt, glaubt man fast schon zu sehen, wie sie die Hand zur Faust ballt und zum Himmel reckt.

„Mir geht die Warmherzigkeit der Menschen ab“

Ursula Brandlmeier hat eine andere Antwort parat. Sie beklagt: „Der Geist ist raus.“ Früher habe es ein Miteinander gegeben. „Doch heute kann man die Überzeugungen der Menschen, ihren Glauben nicht mehr spüren.“ Besonders falle das in der „großen Politik“ auf. „Das regiert nur noch das Ego.“ Und deshalb sagt die 84-Jährige: „Mir geht die Warmherzigkeit der Menschen ab.“ Was so auch Johanna Werner-Muggendorfer unterschreiben würde. Sie sagt aber auch, dass der politische Weg kein einfacher Weg gewesen sei. „Oft war ich im Zweifel, ob es das richtige ist“, sagt sie. „Ich habe auch mit meiner eigenen Partei gehadert. Auch deshalb bin ich stolz, dass ich es so lange ausgehalten habe.“

Ursula Brandlmeier (links) beim Seniorenfrühstück im Generationentreff: „Politik bedeutet kommunikativ zu sein, selber Spaß haben und andere zu motivieren.“ - Foto: Wolfgang Abeltshauser

Politik, betont Ursula Brandlmeier schließlich, habe nicht nur etwas mit konkreten Zielen zu tun. „Ich habe nicht für die Politik und die Mitmenschen gelebt, sondern ich habe Politik als eine Tätigkeit zum Mitmachen für alle angesehen“, erklärt sie. „Politik bedeutet kommunikativ zu sein, selber Spaß haben und andere zu motivieren.“

Und, ganz nebenbei bemerkt, vielleicht ist das ja auch ein Rezept zum aktiv alt werden. Longevity abseits von Gesundheitsaposteln.

Unter Menschen – so sah sich Ursula Brandlmeier in der Politik am liebsten. - Foto: Josef Kastl