Abschiebung droht: Familie soll Grab des Sohnes in Regensburg zurücklassen

Indien, Äthiopien, Tschechien, Regensburg: Suryaraju Mattimalla hat mit Frau und Kind eine Odyssee um den halben Globus hinter sich – nun droht ihnen die Abschiebung. Die Familie könnte es zerreißen, obwohl Mattimallas Frau im achten Monat schwanger ist. Damit nicht genug: Sollten sie abgeschoben werden, müssen sie auch das Grab ihres zweiten Sohnes hinter sich lassen.
Mattimalla (49) steht am Montagmorgen auf dem Dreifaltigkeitsberg und deutet auf eines der kleinen Gräber, in denen die Kinder bestattet werden. „Dort liegt mein Sohn. Stanford.“ Der eisige Wind lässt die kleinen bunten Windräder drehen, die überall auf den Gräbern stehen. Stanford hat hier seine letzte Ruhe gefunden. Im Sommer 2023 ist er gestorben, sagt Mattimalla. Wegen einer Impfung, wie er erzählt. Das Grab sei ihm wichtig, er empfinde hier eine besondere Verbundenheit zu seinem Sohn. „Wir sind seine Eltern“, sagt der Inder und deutet auf seine Frau Selamawit Hailu Bezabih. Die 37-Jährige steht etwas abseits und blickt auf den Boden. Sie hält sich den Bauch. Sie ist im achten Monat schwanger. „Wir können unseren Sohn doch nicht zurücklassen“, sagt er auf Englisch.
Abschiebung aus Regensburg droht: Familie erlebte Gewalt in Tschechien
Doch genau das droht der Familie. Mattimalla, Bezabih und ihr siebenjähriger Sohn Saviour sollen das Land verlassen. Sie haben die Wahl zwischen zwei Optionen. Entweder sie werden getrennt. Mattimalla wird nach Indien abgeschoben, seine Frau und sein Sohn nach Äthiopien. Oder sie reisen gemeinsam nach Tschechien aus. Das ist für die Familie allerdings keine Option.
In dem östlichen Nachbarland landete die Familie nach ihrer Flucht aus Äthiopien. 2016 sei er nach Stationen in Australien und Brasilien nach Afrika gekommen, sagt Mattimalla. Dort habe er an einer Universität gearbeitet und sich mit Menschenrechten beschäftigt. Er schrieb unter anderem über LGBTQ-Themen. Deshalb sei er zusammengeschlagen worden, sagt Mattimalla. Auch der äthiopische Staat habe ihn verfolgt. Ihm habe Gefängnis gedroht. Die Familie entschied sich zur Flucht und landete schließlich 2021 in Tschechien.
Odyssee durch halb Europa
Auch dort seien sie schlecht behandelt worden, sagt der 49-Jährige. Er sei rassistisch beschimpft worden. „Sie haben mich Affe genannt oder kriminell.“ Er habe nicht im Supermarkt einkaufen dürfen. Dazu kamen körperliche Übergriffe, schildert Mattimalla. Das sei zum Teil vor den Augen der Polizei passiert. Auch in der Flüchtlingsunterkunft habe er Gewalt erlebt, insbesondere durch Muslime, erzählt Mattimalla. „Wir haben uns überlegt, wie wir das Land verlassen können.“ Es folgte eine Odyssee durch halb Europa. Die Familie ging nach Belgien, mit dem Ziel, nach Großbritannien auszureisen. Das klappte nicht. Schließlich beantragten sie in Deutschland Asyl und landeten in Regensburg. Das war 2023.
Kurz nach der Ankunft verstarb der Sohn der Familie noch vor seiner Geburt. Mattimalla führt das auf Komplikationen nach einer Impfung zurück. Er habe noch versucht, die Impfung zu verhindern. Wenig später wurde der Asyl-Antrag der Familie abgelehnt, sagt Mattimalla. Erneut versucht die Familie nach Großbritannien auszureisen. Sie landeten in Calais in Frankreich – und in den Fängen von Schleppern. „Wenn du einmal dort bist, bist du in ihren Händen. Sie entscheiden über Leben und Tod.“ Um ein Haar wäre er gestorben, weil er ins Wasser gestoßen worden sei. Seine Frau habe ihn vor dem Ertrinken gerettet. Auch in der Schweiz und in den Niederlanden versuchten sie unterzukommen. Ohne Erfolg.
Zweiter Asylantrag in Regensburg abgelehnt – Gericht sieht keine Bleibegründe
So kehrte die Familie nach Deutschland zurück und stellte erneut einen Asylantrag – dieser wurde erneut abgelehnt. Das Verwaltungsgericht Regensburg bestätigte diese Entscheidung. Die Justiz verweist in dem Beschluss, der der MZ vorliegt, insbesondere darauf, dass die Familie bereits Asyl in Tschechien bekommen hat. Das Grab des Kindes stelle kein Abschiebehindernis dar. Es seien darüber hinaus keine Gründe hinzugekommen, um der Familie Asyl zu gewähren.
Die Familie habe nach der Geburt des Kindes sechs Wochen Zeit, um Deutschland zu verlassen, sagt Mattimalla. Damit stehen der 49-Jährige, seine Frau, sein Sohn und sein ungeborenes Kind vor den zwei Optionen: eine Rückkehr nach Tschechien, wo sie bereits unschöne Erfahrungen gemacht haben – oder eine Trennung. Das geht auch aus der Niederschrift eines Gesprächs mit der Zentralen Ausländerbehörde hervor, dessen Niederschrift die MZ einsehen konnte. Dort steht: „Es gibt keine Bleibeperspektive in Deutschland.“
Dabei wolle er in der Bundesrepublik bleiben, sagt Mattimalla. Er wolle die Sprache lernen, hier eine Arbeit finden und mit seinen Fähigkeiten zur Gesellschaft beitragen. Regensburg solle der Endpunkt einer langen Reise sein. Womöglich ist die Stadt allerdings nur der Ausgangspunkt einer neuen Odyssee.