Ära geht im Landkreis Cham zu Ende: Wie der Schorndorfer Lausbua das Rathaus eroberte

Von Christoph Klöckner · 19. April 2026 um 05:00

Wenn einer nach über 40 Jahren aus der ersten Reihe der Chamer Kommunalpolitik seinen Hut nimmt – wo beginnt man da ein Porträt? Am Ende? Schwierig. Zum einen ist das noch nicht erreicht, denn Schorndorfs Noch-Bürgermeister Max Schmaderer bleibt im Kreistag. Zum anderen schmerzte es ihn doch, als sein designierter Nachfolger bei der Wahl Anfang März scheiterte.

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Bis heute ist er ratlos, woran es gelegen hat. Schmaderer weiß, dass Lob und Dank als Lohn für Bürgermeister rar sind. Doch, dass weder der Einsatz für Vereine noch immenses Engagement für die Gemeinde zählte, das habe er nicht erwartet.

„Die Schorndorfer haben jetzt auf Abenteuer und Risiko gesetzt!“, sagt er. Da mache er sich schon Sorgen, was aus der Gemeinde künftig werde. Das kann man ihm nicht übel nehmen, denn schließlich geht es um sein Lebenswerk. 36 Jahre zeichnete er als Erster Bürgermeister für die Freien Wähler verantwortlich für die Gemeinde – nun übernimmt Karl Steinkirchner von der CSU.

Start bei der CSU – doch die wollte ihn nicht

Und mit diesem Namen ist man plötzlich ganz am politischen Anfang der Karriere von Max Schmaderer, im Jahr 1984 an der Theke im Wirtshaus in Obertraubenbach. Dort war der gebürtige Heidersberger mit der Wirtstochter, seiner heutigen Frau Marianne, zusammen und oft der „Reservewirt“ am Zapfhahn. Der gleichnamige Großvater des im März Gewählten war einer der Strippenzieher in der Gemeinde-CSU – „und ein guter Freund der Familie“, erinnert sich Schmaderer.

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Wäre dort damals nicht einiges bewusst falsch gelaufen, hätte seine Karriere vermutlich bei einem CSU-Gemeinderatssitz geendet. Bei der Nominierungsversammlung der Christsozialen für ihre Liste sei ihm bei der Wahl ein Großökonom vorgezogen worden – „die wollten mich nicht.“ Nur die erste Riege der Gemeinde sei da versammelt gewesen – da habe er wohl nicht gepasst.

Acht Namenlose gegen 24 Topkandidaten

Doch mit der CSU-Aktion war Schmaderers Weg vorgegeben – Richtung Freie Wähler. Das sei nur ein kleiner Haufen gewesen – deren Nominierungsversammlung mit Erich Meisinger und Sepp Klein an der Spitze fand zwei Wochen später im Gasthaus Baumgartner statt. Ganze acht Kandidaten kamen für Liste zusammen – „die CSU hatte 24“ – und er mit dabei.

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„Acht Namenlose gegen 24 Topkandidaten“, beschreibt er das Unterfangen. Adolf Fuchs sei für die Parteifreien der Bürgermeisterkandidat gewesen – er habe damals den überhaupt ersten Flyer für die Wahl entworfen. Drei seien ins Gremium gewählt worden – darunter neben Adolf Fuchs und Hans Bauer der junge „Lausbua“ Schmaderer, wie er von CSU-Seite auch schon mal abfällig tituliert wurde.

Die Ablehnung der CSU spornte ihn an

Er habe dann für die nächte Wahl 1990 bis morgens um 4.30 Uhr mit jeder Menge Schnapsrunden versucht, Karl Steinkirchner, den Großvater des künftigen Bürgermeisters, der kein CSU-Mitglied gewesen sei, für die Freien als Bürgermeisterkandidat zu gewinnen – „doch wir waren ihm zu minderwertig.“ Das habe ihn angespornt – „ehrgeizig war ich immer!“

Aus seiner Herkunft, einem kleinen Hof mit sechs Geschwistern und tagtäglich harter Arbeit ums Dasein, habe er seine Maxime fürs Leben gezogen: „Du musst dich durchschlagen, sonst gehst du unter!“ Später als Bürgermeister sei es ihm wichtig gewesen, die zu unterstützen, die nicht auf der Sonnenseite geboren seien. Dieser christliche Gedanke an den Nächsten sei ihm auch an der Maristenrealschule mitgegeben worden.

Was passierte in der Nacht des Lichtmessballs?

Zur Wahl 1990 wollte das langjährige und angesehene Gemeindeoberhaupt Rupert Haimerl nicht mehr antreten, erzählt der 66-Jährige. Dafür trat der bisherige 2. Bürgermeister Karl Steinkirchner an. Doch kurz vor der Wahl habe sich Haimerl umentschieden, wollte nun doch kandidieren – und brüskierte damit Steinkirchner und die CSU.

Am Tag vor der CSU-Nominierung sei der Lichtmessball gewesen – und bis tief in die Nacht habe Rupert Haimerl für sich geworben und alle aufgerufen, zu seiner Nominierung zu kommen. Um 9 Uhr morgens habe er seine Kandidatur wieder revidiert: „Es war mucksmäuschenstill im Saal. Bis heute weiß ich nicht, was da zwischen zwei Uhr nachts und neun Uhr in der Früh passiert ist.“

Alles hätten unter Schock gestanden. Steinkirchner sei dann nominiert worden – und er wenig später mit gerade 30 Jahren für die Freien, nach einigem hin und her. Viele hätten ihn zur Kandidatur aufgefordert. Er habe nur zugesagt, da ihm gleichzeitig alle bescheinigt hätten, dass er keine Chance habe.

Dann hing der Haussegen schief ...

Am Wahlabend habe der Macht Luk dann angerufen und ihm gratuliert – 56 Prozent votierten für den Lausbua. „Darauf hing bei mir der Haussegen schief“, erinnert sich Max Schmaderer – „der Sieg war schlimmer als jedes Eheverbrechen!“ Als er dann am ersten Tag im Amt im alten Schulhaus, dem damaligen Rathaus, die schmale Stiege hochgeklettert sei, habe er sich auch selbst gefragt: „Was hast du dir da angetan?“ 36 Jahre später weiß er es.

Noch einiges wegzuarbeiten hat Max Schmaderer, bis er seinen Hut nimmt. - Foto: Christoph Klöckner

Die Gemeinde ist bestens aufgestellt. Ab 1. Mai 2026 geht es Max Schmaderer nun in den Ruhestand. Mitarbeiten wird er bei den Senioren, wo er mit Helga Fischer und Hermann Schwarzfischer einiges bewegen will. Vor allem seine beiden Enkelchen Rosalie und Anna sollen nun etwas von ihm haben, nachdem die Familie über Jahrzehnte vernachlässigt worden ist, um die Gemeinde vorwärts zu bringen.

Gleich gegen das erste Projekt gab es Widerstand

Das hat er geschafft – vom Kindergarten gleich nach seiner Amtseroberung 1990 über eine Kläranlage, die es auch nicht gab, einem neuen Rathaus, unzähligen Neubaugebieten, dem Seniorenheim, der Neuen Sozialen Mitte bis zum neuen Edeka. Nicht immer im Einklang mit allen Schorndorfern – doch letztlich zum Wohle aller, meint er. Jedenfalls glänzt das Image Schorndorfs im Landkreisvergleich mit anderen Gemeinden.

Dabei gab es schon gegen sein erstes Projekt, den Kindergarten, der der Gemeinde 1990 fehlte, eine Bürgerinitiative. Schlimmer noch – er legte sich gleich zum Start mit der Feuerwehr an. Er cancelte einen genehmigten und auftragsmäßig schon vergebenen Neubau von Ärztehaus, Kindergarten und Feuerwehr in einem Gebäude auf einem kleinen Grundstück an der Hauptstraße. Zu eng und zu gefährlich, so sein Urteil.

Mit Durchhaltevermögen und der Gemeinderatsmehrheit

Mit dem Hundshammer Josef vom Baierberg und dem Winterl Hans, der „Seele des Dorfs“, habe er das vorher durchgesprochen. Und die hätten ihn unterstützt. Dank solcher Netzwerke , der Gemeinderatsmehrheit der Freien über 36 Jahre, seiner Arbeit als Verwaltungsfachwirt im Rathaus Roding und seiner Überzeugungskraft schaffte er es, immer Plätze fürs Neue zu finden und das dann auch zu verwirklichen. Dafür gab es wenig Lob, stattdessen oft harsche Anfeindungen bis zu Morddrohungen – „ dennoch: Es hat immer auch Spaß gemacht!“

Und wie geht es nun weiter mit Schorndorf? Auch wenn viele Gräben im jüngsten Wahlkampf um den Posten des Rathauschefs aufgerissen wurden, stehe er dem neuen Mann an der Gemeindespitze für Fragen rund die Bürgermeisteraufgaben zur Verfügung. Und er gibt ihm einen Ratschlag, den er selbst in den 36 Jahren mehr als verinnerlicht hat, was an allen Ecken der Gemeinde sichtbar ist: „Nur durch Leistung gewinnst du das Vertrauen der Menschen!“