Ein Meister-Duo brennt für Verbrenner – jetzt gibt es für den einen „Gold“

Zwei Männer, eine Leidenschaft: In der Meisterwerkstatt in Unterteuerting im Landkreis Kelheim reparieren Helmut Sager junior und Helmut Sager senior Autos - der eine mit 56, der andere mit 80 Jahren; beide „aus der Generation Vollblutmechaniker“. Der Junior plaudert aus dem Nähkästchen.
Ah, da unten in der „Grube“ schraubt ein grauhaariger Herr an der Vorderachse eines Audi herum: Das muss er sein, der baldige Inhaber des Goldenen Meisterbriefs als Kraftfahrzeugmechanikermeister?! Denkt sich die Reporterin und zückt schon die Handykamera: so ein schön authentisches Fotomotiv! Doch da ruft’s aus der Tiefe herauf: „Mein Sohn ist da hinten!“ Willkommen in der Zwei-Mann-Meisterwerkstatt Sager im Saaler Ortsteil Unterteuerting.
Helmut Sager junior ist einer von 18 Handwerksmeistern und Meisterinnen aus dem Landkreis Kelheim, die am Freitag in Regensburg den „Goldenen Meisterbrief“ verliehen bekommen. Und der 56-Jährige weiß schon jetzt, dass er dabei ähnlich stolz sein wird wie vor 35 Jahren, als er den Meisterbrief selbst in Empfang nahm. Nur hat er diesmal (etwas) mehr Zeit für die Feier in Regensburg. Und nicht mehr die Sorge, dass er Hals über Kopf weg und in den Abschleppwagen springen muss.
„Unmenschlich, eigentlich“, was man sich im Familienbetrieb Jahrzehnte lang zugemutet habe: Helmut Sager schüttelt nachdenklich den Kopf über sich selbst. Damals, mit 21, eröffnete er als frischgebackener Meister einen Abschlepp-Betrieb. Viel Berufserfahrung hatte er da schon – kurz vorm 15. Geburtstag hatte er seine Lehre zum Kfz-Mechaniker begonnen. In einer VW-Werkstatt in Regensburg, weil er auf Wunsch des Vaters erst mal in einem großen Betrieb Erfahrung sammelte.
Als Geselle kehrte er dann zwar in die väterliche Werkstatt am Ortsrand von Unterteuerting zurück. Aber die war zu klein, um zwei Familien zu nähren; deshalb zusätzlich der Abschleppdienst. Und der Beginn von fast drei Jahrzehnten in Dauer-Hab-acht-Stellung.
Ob Feier oder Arzttermin: Bereitschaftsdienst ging vor
Denn bis vor sechs Jahren war auch die Polizei Kunde beim Abschleppdienst Sager. Dafür mussten Vater und Sohn rund um die Uhr Bereitschaft gewährleisten. Und Unfälle oder Pannen nehmen halt keine Rücksicht auf Feiertag und -abend, auf Familienfeiern – oder auf Zahnweh. „Einmal hat der Zahnarzt gerade gebohrt gehabt und wollte eine Füllung setzen“ – als beim Patienten das Telefon klingelte. „Ich muss zum Unfall“, rief der Autoklempner und sprang dem Zahnklempner vom Stuhl.
Der verdatterte Mediziner vollendete die Füllung Stunden später. Das damalige Unfallfahrzeug, darf man vermuten, wurde eine von diesen Herausforderungen, für die Helmut Sager seinen Beruf liebt: „Wenn man so ein kaputtes Auto wieder zusammenbaut, und es funktioniert wieder – das erfüllt einen!“ Am meisten natürlich, wenn’s einem danach gehört und durchs Leben begleitet, so wie der BMW, der heuer 40 wird.
Der 18-jährige Sager bekam den Wagen damals als Häuflein Elend: Unfall-Totalschaden. Er und sein „Bapp“ hauchten dem E30 wieder Leben ein, tunten ihn mit Alufelgen, Spoiler und Co. „Der steht noch heute da wie ein Neuwagen“ und muss nur zu gelegentlichen Kaffee- und Landschaftsfahrten raus aus der Garage; nie im Winter; nie mit jemand anderem als seinem Retter am Steuer.
Die Werkstatt direkt neben dem Wohnhaus, „die ist so was wie Heimat“ für Vater und Sohn Sager. Da hatte wohl die Familie das Nachsehen? Der 56-Jährige, Vater zweier erwachsener Töchter, überlegt kurz und verneint. Er sei für seine Kinder immer präsent und greifbar gewesen. Sie brauchten ja nur über den Hof zu springen, um bei ihm in der Werkstatt zu stehen. Respektive bei der Mama – denn Helmut Sagers Frau Claudia gab nach der Geburt der beiden ihren Beruf als Köchin auf und schmeißt seither das Büro. Das Verschmelzen von Beruf und Privatleben, „das haben wir ja nie anders gekannt“, sagt auch sie. Anders die späteren Berufsgenerationen.

Schon viele Lehrlinge haben bei Helmut Sager gelernt. Um dann früher oder später halt doch zu Audi, BMW oder einem Zulieferer zu gehen. Mit den Arbeits- und Gehaltsbedingungen der Industrie könne man als Handwerksbetrieb einfach nicht mithalten. Ein paar Jahre lang hatte er einen angestellten Meister – und schon die Hoffnung, den potenziellen Nachfolger „heranzuziehen“, nachdem seine Töchter beruflich andere Wege einschlugen. Aber auch diesen Hoffnungsträger zog es dann zu Audi.
Weder Scheu noch Sorge vor der Elektromobilität
Helmut Sager ficht das nicht an: Vielleicht findet sich noch wer, die nächsten zehn Jahre. So lange will er auf jeden Fall noch weitermachen in seiner Werkstatt; wird er mit Weiterbildungen und Schulungen weiter dran bleiben an neuen Entwicklungen und Technologien. Reicht auch die Arbeit so lange noch? „Oh mei! Es gibt noch so viele Verbrenner, die mich die nächsten zehn Jahre begleiten werden…“
Wer in ihm freilich einen Elektro-Verächter vermutet: weit gefehlt! Ihn, dem Marken wie VW und Mercedes stets als Wahrzeichen Deutschland galten, „hat der Diesel-Skandal wirklich erschüttert: Ich war fix und fertig“. Spätestens da stand er kurz davor, auf ein E-Auto umzusteigen; nur ein Wirtschaftlichkeitsvergleich (der seit dem Krieg in Iran anders ausfallen würde, ergänzt er) ließ ihn bislang noch zögern. Aber bei wem Lade-Situation und Reichweite passen, dem rate er durchaus zum Umstieg, bekräftigt Sager. Wohl wissend, dass die Stromer zwar keinen Öl- und Zündkerzenwechsel mehr brauchen – aber neue Reifen und Bremsen sind ja auch bei ihnen fällig.
Dass seine 70- jetzt zu 45-Stunden-Arbeitswochen wurden, schätzen er und die Familie durchaus. Vor gut zwei Jahren gab Helmut Sager den Abschleppdienst auf. Sich unbeschwert mit Freunden zu treffen, Neues im Leben auszuprobieren – das mache Freude, gibt er gerne zu. Aber wie schon vor 35 Jahren zur Meisterfeier, wird er auch am Freitag für die Feier des „Goldenen Meisterbriefs“ wieder nicht sooo viel Zeit haben. Er muss tags drauf ja früh raus und an den Start. Als neues Hobby hat sich der rastlose Kfz-Meister nämlich Hindernis-, Matsch- und Dauerläufe auserkoren…
Der Goldene Meisterbrief
Die Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz verleiht den Goldenen Meisterbrief an Handwerksmeisterinnen und -meister, die vor mindestens 35 Jahren ihre Meister- oder eine gleichwertige Prüfung (Ingenieure, Techniker) abgelegt haben und zudem 35 Jahre lang als Handwerksmeister/in tätig waren; entweder selbstständig oder als Beschäftigte/r in einem Handwerksbetrieb im Kammerbezirk.