„Es hat gepasst!“: 30 Jahre Bürgermeister in Schönthal

Ende April wird Ludwig Wallinger aus dem Amt scheiden: Ein Rückblick mit vielen Gedanken um die Zukunft einer kleinen Gemeinde
An der Wand neben dem Schreibtisch hängen Schwarzweißfotos von Heuss und Adenauer im schlichten Holzrahmen. „Die haben die Bundesrepublik ordentlich aufgestellt“, erklärt der Schönthaler Bürgermeister Ludwig Wallinger, als er den Blick des Reporters bemerkt. Auf dem Schreibtisch steht ein kleiner Aschenbecher und leichter Tabakgeruch liegt in der Luft. Gerade ist Wallinger dabei, mehrere ausgedruckte DIN A4-Seiten der Satellitenansicht eines Feldweges mit Schere und Kleber für ein Anliegergespräch zusammenzufügen. Und – darauf macht Wallinger bewusst selbst aufmerksam – im ganzen Raum steht kein Computer. „Brauche ich nicht“, sagt Wallinger.
So aus der Zeit gefallen der Raum im ersten Moment wirkt, so wenig ist das Ludwig Wallinger. Und das obwohl er das Bürgermeisteramt nach 30 Jahren im Mai in die Hände von Stephan Thomas übergibt. Eigentlich will der Reporter mit Wallinger über seine Jahre als Bürgermeister reden. Aber dazu kommt es gar nicht, denn Wallinger erzählt zunächst einmal von anstehenden Aufgaben und Problemen in der Gemeinde. „Da ist einer aber noch voll drin“, denkt der Reporter und hat nicht das Gefühl, einem beinahe 80-jährigen Bürgermeister gegenüberzusitzen. Wallinger ist seit 30 Jahren im Amt und war vorher schon seit 1978 im Gemeinderat. „Also seit der Gebietsreform“, sagt Wallinger. Um gleich drauf dem Reportereinwurf: „Sie meinen 72?“ mit einer Erklärung über die 1978 tatsächlich abgeschlossene Reform zu begegnen. Für Schönthal sei dies wichtig gewesen, weil keine Verwaltungsgemeinschaft mit Rötz mehr nötig war.
Wallinger hätte gerne früher aufgehört
„Ich hätte gern vor sechs Jahren schon aufgehört“, sagt Wallinger. Das sei aber nicht möglich gewesen, weil der potenzielle Nachfolger beruflich einen anderen Weg eingeschlagen hat. Lange Zeit hatte Wallinger Sorgen, dass es auch bei der jetzigen Kommunalwahl zu einer solchen Situation kommen könnte. Dann hätte er weitermachen müssen, hat er einmal gesagt. Eine Situation wie in Treffelstein, wo jetzt glücklicherweise auch ein Bürgermeister gefunden wurde, wollte er Schönthal unbedingt ersparen.
Ein bisschen Sorgen macht sich Wallinger trotzdem um den künftigen Gemeinderat. Denn bisher seien es vier Ortsteillisten gewesen, die gemeinsam die Gemeinde vertraten. „Wir haben nie Parteien gehabt“, sagt er. Es habe also auch nie parteipolitische Entscheidungen gegeben. Das könne jetzt durch die AfD anders werden. „Mir gefällt das nicht“, sagt Wallinger. Insbesondere die Bundespolitik der AfD könne er nicht nachvollziehen. „Ich verstehe das nicht!“ Genauso wenig wie er Trump oder Orban verstehe.
Wenn Wallinger in die Zukunft schaut, dann merkt man ihm die Sorge um die Dorfstrukturen an. Das macht er vor allem an den Dorfwirtshäusern fest, die immer weniger würden. Auch in seiner Gemeinde kann er mehrere Beispiele aufzählen, wo die Besitzer alt sind und eine Nachfolge fehlt. „Im Dorf müssen die Leute aber einen Ort haben, an dem sie miteinander reden können“, stellt Wallinger fest. Deswegen habe er das Generationenhaus in Hiltersried umgesetzt. Solche Gemeinschaftshäuser müssten auch an anderen Orten entstehen.
Wichtig für die Entwicklung Schönthals sei für ihn auch die Montessorischule gewesen. Für deren Ansiedlung sei er anfangs durchaus belächelt worden. Jetzt sei das alte Schulhaus voll ausgelastet und man habe einen guten Mieter. Zudem sei eine Privatschule die beste Möglichkeit gewesen, eine gute Förderung für die Sanierung der Turnhalle zu gewinnen. Mittlerweile zeigten sich auch andere Vorteile der Schule. Zum Beispiel bei der Kooperation bei der Ganztagsbetreuung. Zudem habe die Schule indirekt dafür gesorgt, dass die Gemeinde Finanzmittel anders verwenden konnte, und so wurden Mittel für Kinderkrippe und Kindergarten frei.
Als wichtige Projekte sieht Wallinger auch die Schaffung der Gewebegebiete. Die Ansiedlung habe die Gewerbesteuer von 300 000 auf 800 000 Euro gesteigert. Wasser und Abwasser sind geregelt. Der Bau der Kläranlage, für jede Gemeinde ein Mammutprojekt, sei „sauber finanziell über die Bühne“, sagt Wallinger.
Die Reihe von Projekten, die unter Wallinger umgesetzt wurden, ließe sich noch lange fortsetzen. Erinnert sei zum Beispiel auch an die Baugebiete, die Ortsumgehung, die Thurauermühle, die Veranstaltungshalle oder die Flurbereinigung.
Was könnte ein solch erfahrener Bürgermeister jetzt einem Neuling im Amt raten? Seine Tür sei immer offen gewesen, sagt Wallinger. Das meint er nicht nur im übertragenen Sinn, hatte der Reporter beim Term feststellen können. Ein Vorzimmer, wie in größeren Gemeinden, gibt es jedenfalls in Schönthal nicht. „Auf die Leute zugehen und ihnen zuhören“, das sei sein Vorsatz gewesen. Und er habe gewusst, auf was er sich einlasse, „als ehrenamtlicher Bürgermeister ohne Urlaubsanspruch“. Er habe dies immer gern gemacht. Mit einem typisch oberpfälzer Understatement fasst er zusammen, was die Leute und auch er davon gehalten haben: „Es hat gepasst, anscheinend.“
Ein großer Umbruch für die Gemeinde Schönthal
Er habe jetzt 35 Gemeinderäte kennengelernt. „Es hat nie Streit gegeben und wir haben immer sachlich zusammengearbeitet.“ Jetzt will er noch den Haushalt für 2026 aufstellen. „Ich wollte den Weg bereiten. Das bin ich der Gemeinde schuldig.“ Am 28. April wird er sich dann in einer Extrasitzung von seinem Gemeinderat und seiner Verwaltung („hervorragende Personen“) verabschieden. Mit ihm gehen neun von zwölf Gemeinderäten und der langjährige Kämmerer Franz Haimerl. Ein großer Umbruch für Schönthal also.