Ein Fenster in der Zeit: Patricia Eichinger aus Burglengenfeld näht historische Kleider

Mit zehn Jahren entdeckte Patricia Eichinger eine Leidenschaft, die sie bis heute durch das Leben begleitet: die Faszination für historische Gewänder. Rund 500 hat die Burglengefelderin heute in ihrem Fundus. Nicht nur sie selbst, sondern auch viele andere können durch die Kleider einen Blick in die Vergangenheit erhaschen.
Patricia Eichingers Kleiderkammer gleicht einer begehbaren Garderobe: Hier kann man sich in praktisch jede denkbare Epoche der europäischen Geschichte einkleiden. Von Antike bis Jahrhundertwende ist alles da, in liebevoller Handarbeit von Eichinger selbst genäht. Wann immer es ihre Zeit erlaubt, sitzt die Familienmutter und Lehrerin umgeben von Büchern und Utensilien im Sessel und arbeitet an ihrem aktuellen Werk.
Ich habe nie in meinem Leben einen Nähkurs besucht.Patricia Eichinger, selbstgelernte Schneiderin
Als zehnjähriges Mädchen entdeckte die gebürtige Burglengenfelderin erstmals die Welt der historischen Kostüme, wie sie erzählt. Die Eltern gingen damals mit ihr ins Museum und ins Theater, und die Neugier war geweckt: „Damals wollte ich einfach herausfinden, wie wurde das eigentlich genäht, und wie haben die Leute diese Kleider angezogen?“, sagt sie. Ihre Großmutter, eine gelernte Schneiderin, gab ihr die ersten Stoffreste zum Ausprobieren. Seitdem hat Eichinger immer weitergenäht.
Keine Kopien, aber historisch
„Ich habe nie in meinem Leben einen Nähkurs besucht“, erzählt die studierte Englisch- und Lateinlehrerin weiter. Wie die Kleider funktionieren, hätte sie verstehen wollen. Einfache Abkürzungen könne man da nicht nehmen: Authentische Nähte kann die Nähmaschine nämlich nicht nachahmen. Details wie Rüschen und Verzierungen können nur mit der Hand überhaupt erstellt werden. Zunächst hat Patricia Eichinger allein aus der Beobachtung heraus die Vorbilder nachgeahmt, später auch Schnittmuster von Experten zu Rate gezogen.

Historische Fantasien aus Romanen oder Filmen sind nicht Eichingers Welt: Sie will ganz nah dran sein an den echten Gewändern. Darum orientiert sie sich an erhaltenen Stücken in Museen oder an Gemälden. Exakte Kopien der Modelle näht die nebenberufliche Schneiderin nicht. Sie nimmt Elemente ihrer Vorbilder auf, ahmt sie nach und kombiniert sie neu mit eigenen Ideen.
Bei den Stoffen müsse man gewisse Kompromisse eingehen, sagt sie, aus Gründen der Waschbarkeit, des Komforts und nicht zuletzt der Preise. Bis zu 50 Euro pro Meter lässt sich die Künstlerin einen schönen Brokatstoff kosten. Sonst wird sie gerne erfinderisch und sucht sich die Stoffe aus Versandhandeln zusammen, aber auch einmal aus dem heimischen Möbelgeschäft vor Ort. Stoffläden in der Umgebung hätten leider in den vergangenen zehn Jahren reihenweise zugemacht, bedauert Eichinger.
Die Anfragen kamen von alleine
Die erste Anfrage zum Verleih ihrer Kleider bekam Patricia Eichinger als Schülerin von der Theatergruppe ihrer Schule. Als Elftklässlerin brachte die Truppe zum 500. Geburtstag des Pfalzgrafen Philipp im Burglengenfelder Rathaus das Drama um Philipps Leben auf die Bühne. Eins führte zum Nächsten und das Oberpfälzer Volkskundemuseum fragte die Schülerin an, ob man mit ihrer Hilfe historische Stadtführungen in ihrer Heimatstadt durchführen könne. Diese finden bis heute statt: Patricia Eichinger erscheint dann als Mary Tudor, gewandet in die Mode der englischen Renaissance.
Über die Jahre stattete sie zahlreiche Festzüge, Theatervorstellungen und Museumsausstellungen aus. 2008 bis 2009 hatte Eichinger ihre eigene Ausstellung in Burglengenfeld. Sogar im Fernsehen bei ZDF History oder Planet Schule sind die Kleider der hauptberuflichen Lehrerin inzwischen zu sehen. In ihrem Unterricht dürfen Schüler antike Verkleidungen ausprobieren, um die römische Gesellschaft zu verstehen. Obwohl ihr neben Arbeit und Familie wenig Zeit bleibt, bemüht sich Eichinger, alle Anfragen zu bearbeiten: „Ich freue mich immer, wenn ich helfen kann“.

Was die Leute an den Kleidern begeistert, ist eine Frage, die die Näherin nicht in einem Satz beantworten kann. Da gibt es jene, die sie für Bildung nutzen, andere für Unterhaltungszwecke. Manche möchten einfach einmal im authentischen Kostüm zu einem Ball oder in ein Konzert gehen. Gerade Frauen könnten sich dann einmal im Leben wie eine echte Königin oder Prinzessin fühlen. „Jeder entdeckt die Kleider auf seine eigene Weise“ – Und das sei gut so, findet Patricia Eichinger.