„Wir sind gnadenlose Optimisten“: So sieht die Wirtschaft die Zukunft Regensburgs

Von Christian Eckl · 3. April 2026 um 06:09

IHK-Präsident und Unternehmer Christian Volkmer spricht im Interview mit der Mediengruppe Bayern über den Ausgang der Kommunalwahl in Regensburg, die Naitvität der Deutschen und Europäer beim Thema digitale Souveränität und fehlende Anreize für die Wirtschaft.

Video ansehen

Herr Volkmer, wie ist die Stimmung bei den Unternehmen in der Region?

Christian Volkmer: Die Stimmung in der Wirtschaft ist generell nicht wahnsinnig gut. Wir sind hier in einer relativ stabilen Region. Letzte Woche waren wir in Berlin, und es gibt sicherlich andere Regionen, die es härter getroffen hat. Aber die Eintrübung ist spürbar.‚

Wo drückt der Schuh?

Volkmer: Letztendlich sind es die bundesweiten Herausforderungen. Wir befinden uns in sehr unsicheren Zeiten und haben zu hohe Standortkosten – etwa die Energiepreise und Lohnkosten. Nach dem Regierungswechsel gab es eine gewisse Euphorie, die Erwartungshaltung, dass jetzt wirklich Reformen kommen, die die Wirtschaft entlasten. Die Vorschusslorbeeren waren groß, die Euphorie auch – und das hat sich leider nicht erfüllt. Dazu kommt: Wir sind eine Exportregion. Die Unsicherheiten durch die Problematiken mit Trump und den USA schlagen bei uns direkt durch, aber auch Entwicklungen wie der Krieg im Iran.

Was muss jetzt getan werden?

Volkmer: Wir hatten bei unserem Wirtschaftsempfang zusammen mit der Handwerkskammer kürzlich den Arbeitsmarktforscher Enzo Weber zu Gast, der die Lage sehr beeindruckend zusammengefasst hat. Wirtschaft verläuft in Wellenbewegungen, es geht immer rauf und runter. Was Firmen gemeinsam haben, ist, dass sie sich auf die Märkte einstellen müssen. Produkte verschwinden, Dienstleistungen verschwinden, wir sind einem ständigen Wandel ausgesetzt. Da braucht es nicht nur Reformen, sondern Erneuerung. Die Krise, die wir haben, ist nicht nur eine Wirtschaftskrise, sondern eine Erneuerungskrise. Das Bittere ist, dass wir mit einem der größten Investitionsprogramme, die es in Deutschland je gab, die Rahmenbedingungen schaffen wollten – und jetzt genau nicht das tun, was man tun müsste. Stattdessen versuchen wir, auf die Probleme der Vergangenheit Pflaster zu kleben und alles so lange zu konservieren, wie es geht. Das wird nicht funktionieren.

Viele Arbeitnehmer haben Angst, dass Jobs durch KI verschwinden. Wie sehen Sie das?

Volkmer: Wir stehen nicht vor einem großflächigen Jobabbau durch KI, sondern insbesondere vor einer massiven Veränderung von Tätigkeiten und der entsprechenden Qualifizierung.

Gab es auch positive Erlebnisse in den vergangenen Wochen?

Volkmer: Ja, als Gegenentwurf zu dem, was ich in Berlin beim Treffen mit der Politik erlebt habe, hatten wir diese Woche in Regensburg eine Start-up-Veranstaltung. Das war ein ganz anderes Erlebnis.

Viele junge Menschen sagen, sie würden das Land am liebsten verlassen. Was kann man dagegen tun?

Volkmer: Wenn man mit Firmen spricht – wir haben vom Selbstständigen bis zum Konzern alles dabei – dann hört man auch: Ja, es gibt wirtschaftliche Chancen im Ausland, aber dort gibt es andere Probleme. Rechtssicherheit zum Beispiel. Bürokratie in einem gesunden Maße hat uns in Deutschland wirtschaftlich stark gemacht in den letzten 50 Jahren. Wir müssen wieder das richtige Maß finden. Das ist entscheidend.

Klimafragen scheinen dagegen kaum mehr eine Rolle zu spielen. Trifft das zu?

Volkmer: Ich bin mir sicher, unsere Mitgliedsunternehmen haben das Thema nach wie vor am Schirm. Was die letzte Regierung gemacht hat, war nicht grundsätzlich falsch – man hat nur zu schnell zu viel gewollt, die Leute überfordert und die Wirtschaft nicht mitgenommen. Bei solchen ambitionierten Projekten muss man mit allen sprechen und realistische Zeiträume definieren. Niemand hat Interesse daran, unsere Lebensgrundlage zu zerstören. Aber gewisse Schritte waren nicht nur schlecht kommuniziert, sondern einfach zu schnell. Es geht uns nicht darum, wieder CO2 auszustoßen, dass der Rauch aufgeht. Sondern darum, dass wir dieses wichtige Thema nicht mit Berichtspflichten überfrachten.

Die Mehrheit im Land befürwortet den Ausbau erneuerbarer Energien. Gleichzeitig wird es schwierig, sobald ein Windrad gebaut werden soll – das Floriansprinzip?

Volkmer: Man darf jetzt nicht aus parteipolitischem Impuls alles abwickeln, was grün ist. Man sollte schauen, was Sinn macht und in die Zukunft planen. Die Energiekosten sind hoch, aber wenn man die staatlichen Preisanteile anschaut – das ist gigantisch und muss weniger werden. Energie muss deutlich günstiger werden. Beim Windkraftausbau haben wir uns als IHK klar positioniert. Es ist ein Akzeptanzproblem. Dort, wo es funktioniert, hat man von vornherein alle Bürgermeister und Landräte mitgenommen, die Karten nebeneinandergelegt und geschaut, wo es gehen kann.

Kommen wir zum Thema digitale Souveränität. Was müssen wir tun, um uns unabhängiger von den US-Riesen zu machen?

Volkmer: Wir diskutieren über Energie, Verkehr, Rüstung – aber dass Digitalisierung geopolitisch das wichtigste Thema wird, vielleicht nicht jetzt, aber in zehn, 20 Jahren, werden wir fassungslos feststellen. Ein Beispiel: Wir haben die NIS2-Richtlinie für Informationssicherheit als letztes Land in Europa eingeführt. Eine pragmatische Richtlinie, die sagt: Wenn du volkswirtschaftlich wichtig bist, musst du deine Informationssicherheit im Blick haben und Sicherheitslücken melden. Die Meldeplattform dafür wird von Amazon Web Services betrieben. Das ist einfach naiv. Wir haben mit der zweiten Trump-Regierung erlebt, dass für uns als Freunde wahrgenommene Länder vielleicht keine Freunde mehr sind. Und neben Regierungen haben wir weitere Akteure wie Elon Musk, der mit Satelliten-Internet, Fahrzeugen und Social-Media-Plattformen eine politische Macht darstellt, die Wahlkämpfe dominiert.

Was müssten wir dann tun?

Volkmer: Wir müssen viel größer denken, europäisch denken – ähnlich wie im Verteidigungsumfeld. Deutschland allein wird nichts reißen, Bayern schon fünfmal nicht. Wir bräuchten eine gigantische Initiative, um alle Kräfte zu bündeln. Die Souveränität im digitalen Umfeld wird wichtiger als die militärische. Derselbe monetäre Aufwand müsste in dieses Thema fließen. Das ist unpopulär, weil man wenig sieht.

Kürzlich hat das europäische KI-Unternehmen Mistral gesagt, mit dem US-Militär nicht eng zusammenarbeiten zu wollen. Ein gutes Signal?

Volkmer: Ein sehr gutes Signal. Man zeigt Haltung. Wir könnten unglaubliche Anreize setzen, aber das passiert faktisch nicht. Wir befinden uns im Cybersecurity-Umfeld im perfekten Sturm. Jahrzehntelang waren die Chinesen die Gegner, dann kamen die Russen mit Sabotage und Wahlmanipulation. Jetzt haben wir massiv ansteigende Angriffe auf kleine und mittelständische Unternehmen – aus amerikanischen Netzen. Die Amerikaner greifen massiv die europäische Volkswirtschaft an. Kleinere Attacken, die Unternehmen für ein paar Tage stören. Die Kurve dieser Attacken und die Produktivitätsverluste der letzten zwei Jahre sind nahezu identisch.

Kommen wir auf die Wahlergebnisse in der Region. Hier in Regensburg gab es eine Überraschung mit Thomas Burger. Zufrieden?

Volkmer: Wir sind im engsten Austausch mit allen. Die IHK ist politisch neutral, wir haben einen Gesamtvertretungsanspruch. Und wir sind gnadenlose Optimisten. In der neuen Konstellation glaube ich, dass alle verstanden haben, dass in Regensburg etwas passieren muss.

Das Thema Verkehr brennt Ihren Mitgliedern unter den Nägeln. Was muss passieren, etwa bei der Sallerner Regenbrücke?

Volkmer: Es braucht den Bau der Nordspange aus Sallerner Regenbrücke, dem Umbau des Lappersdorfer Kreisels sowie dem Ausbau und der Einhausung der Nordgaustraße. Das ist überfällig, eine der wichtigsten verkehrlichen Maßnahmen. Da braucht es ein klares Commitment der Stadt.

Gibt es weitere wichtige Themen nach der Kommunalwahl?

Volkmer: Den Wohnungsbau in der Region, mehr Gewerbeflächen ausweisen, und bitte die Gewerbesteuer nicht anheben – das wird ein wichtiger Punkt bei allen Finanzierungsideen. Generell sind die Infrastrukturmaßnahmen und eine stabile Stadtregierung, die ins Handeln kommt und nicht in politischem Klein-Klein zersplittert, jetzt wichtig. Wir brauchen auch bei der Stadtverwaltung einen Dienstleistungs-Spirit. Ein Logistikunternehmer hat mir erzählt, sein Busfahrer wartet seit einem halben Jahr auf die Verlängerung seiner Lizenz. Ich selbst musste als Geschäftsführer zweieinhalb Stunden bei der Zulassungsstelle warten, um einen verlorenen Fahrzeugschein für einen Mitarbeiter neu ausstellen zu lassen.

Das Interview führte Christian Eckl.