Gewerkschaft zwischen den Stühlen: Wieso wählen so viele Arbeiter AfD statt SPD?

Der Oberpfälzer DGB-Vorsitzende Rico Irmischer ist Aufsichtsrat bei Infineon für die IG Metall in Regensburg. Im Interview spricht er über Ursachen des Rechtsrucks in den Betrieben und beantwortet für seine Gewerkschaft die Frage, ob die linken Gewerkschaften Arbeitnehmer überhaupt noch vertreten, die nicht die SPD wählen, sondern rechts der Mitte.
Wenn man einen Arbeiter aus den 70er Jahren mit einem heutigen vergleicht – sind das noch dieselben Berufsbilder?
Rico Irmischer: Es gibt verschiedene Unterschiede. In der Automobilindustrie etwa haben wir nach wie vor taktgebundene Fließbandarbeit – mit deutlich mehr Druck, kürzeren Taktzeiten, hoher Belastung und Stress, aber auch mit mehr Robotik und Digitalisierung. Außerhalb davon hat es sich auch ausdifferenziert, weil zum Beispiel einfache Tätigkeiten zum Teil automatisiert werden. Für mich ist das erschreckendste Beispiel die Gigafactory von Infineon in Dresden. Da hat man teilweise komplett leere Hallen, weil alles von Robotern erledigt wird. Das waren vorher untere, aber gut bezahlte Entgeltgruppen – Beschäftigte, die im Schichtdienst gearbeitet haben und mit ihrem Entgelt eine Familie ernähren konnten. Viele dieser Arbeitsplätze sind jetzt nicht mehr da. Dafür wächst der Bereich der Facharbeiter mit abgeschlossener Berufsausbildung und Weiterbildungen immer weiter an.
Mit elf Urlaubstagen und zwei Krankheitstagen im Jahr, wie in manchen chinesischen Werken, können wir nicht konkurrieren. Machen Gewerkschaften die deutsche Wirtschaft weniger wettbewerbsfähig?
Irmischer: Unser Standortvorteil war noch nie, billiger als andere zu sein, sondern immer der, besser als andere zu sein. Arbeitsbedingungen zu fördern, die Innovation bringen, Qualität bringen, Verlässlichkeit bringen. Das „Made in Germany“ das einzige Qualitätssiegel und alles andere minderwertig ist hat sich zwar verändert – andere Märkte drücken stärker in den Wettbewerb. Aber es muss unser Standortvorteil bleiben, dass wir hier Innovation schaffen.
Deshalb sehe ich es sehr kritisch, wenn Unternehmen wie Schaeffler Entwicklungsarbeitsplätze abbauen. ams-OSRAM zum Beispiel gewinnt mit ihren Entwicklungen Innovationspreise – und trotzdem wird die Entwicklung hier zurückgefahren. Das ist der falsche Weg.
Wenn man sich 1. Mai-Kundgebungen anschaut, hat man den Eindruck: Die Arbeiter bei BMW würden da nicht mitmarschieren. Haben sich die Gewerkschaften von ihrer eigenen Klientel entfremdet?
Irmischer: Wenn ich mir die Beteiligung an unseren Warnstreiks in Tarifrunden ansehe, habe ich nicht den Eindruck. Aber ja, wir haben Mitgliederrückgang in einigen Bereichen. Das hat mit dem demografischen Wandel zu tun. Außerdem verlieren wir in der Industrie jeden Monat 10 000 Arbeitsplätze – darunter natürlich auch Mitglieder. Und es hat etwas mit der politischen Diskussion in den Betrieben zu tun. Am stärksten nehme ich die Sorge vor einem wirtschaftlichen Abstieg wahr, vor dem Druck auf die Arbeitsplätze. Das treibt viele Beschäftigte in die Arme derer, die ihnen versprechen: Folgt uns, dann bleibt alles, wie es ist. Dann sagen wir dieser Transformation, die uns alle Jobs kostet, den Kampf an. Das ist Unsinn, aber es verfängt.

Also eine Sehnsucht nach dem Status quo?
Irmischer: Es ist eine nachvollziehbare Angst. Mein Arbeitsplatz ist sicher, mitbestimmt, ermöglicht mir ein gutes Auskommen – und der wird jetzt von E-Mobilität und Energiewende bedroht. Also gehe ich zu denen, die mir versprechen, dass alles beim Alten bleiben kann. Gewerkschaften werden manchmal als diejenigen wahrgenommen, die die Transformation zusätzlich antreiben. Dabei sagen wir lediglich: Wir können den Wandel der Arbeitswelt nicht aufhalten, wer das behauptet, täuscht die Beschäftigten bewusst. Wir wollen die Veränderungen so gestalten, dass die Menschen mitgenommen werden.
Aber war es nicht auch die Politik, die per Dekret die Elektromobilität durchsetzen wollte – und jetzt gibt es eben ein Gegendekret?
Irmischer: Die Menschen geben die eine Quittung, die nicht stringent sind, die ihnen Sand in die Augen streuen. Wenn der bayerische Ministerpräsident vor sechs, acht Jahren noch sagt, bis dann und dann bauen wir nur noch Elektroautos, und dann verändert er seine Position um 180 Grad – dann fragt sich der Wähler natürlich: Wie glaubhaft ist der denn? Und wer die AfD nachahmt, wird die Wählerstimmen nicht gewinnen. Die Leute wählen immer das Original.
Aber gerade die SPD verliert doch die Wähler an die AfD, nicht die Union.
Irmischer: Erschreckend ist doch im Grunde, dass gerade beim Thema Verbrenner-Aus die Diskussion so verengt wird, viele Facetten ausgeblendet werden. Mir fehlt in der Debatte zum Beispiel oft vollkommen, dass die Automobilisten durch das Thema Dieselgate selbst dafür verantwortlich sind, dass die E-Mobilität so stark forciert wurde. Bei den Abgaswerten zu betrügen war eine Management-Entscheidung mit weitreichenden Folgen. Das zeigt, dass man langfristige Entwicklungen und mittelfristige Wahlerfolge in Zusammenhang setzen muss.
Ist Migration in die Sozialsysteme ein Thema, das Arbeiter zur AfD treibt?
Irmischer: Diese Debatte ist falsch skaliert. Ja, es gibt Bürgergeldempfänger, die nicht arbeiten wollen – das will ich nicht wegdiskutieren und muss man angehen. Ich werbe aber dafür, dass wir nicht immer nur in Richtung Existenzminimum schauen, sondern dass wir diejenigen stärker in die Pflicht nehmen, die mit ihren großen Vermögen einen größeren Teil der Last in unserer Gesellschaft tragen können. Ich bin niemandem sein großes Vermögen neidig – ich will aber, dass starke Schultern auch mehr tragen.
In Baden-Württemberg wählten jetzt nur noch fünf Prozent der Arbeiter SPD, aber 37 Prozent AfD. Haben sich die SPD und mit ihr die linken Gewerkschaften sich von Ihrer Klientel entfremdet?
Irmischer: Die AfD verspricht den Menschen: Wählt uns, dann machen wir Deutschland so, wie es zwar nie war, wie man es sich aber vor 30 Jahren vorgestellt hat. Verbrenner wieder Nummer eins, Schluss mit grüner Energie, kein Gendern mehr, dann geht’s wieder bergauf. Ich kann nachvollziehen, dass jemand, der wirtschaftlich unter Druck steht, der berechtigte Sorgen hat, dieser Erzählung folgt. Mit einer solchen Erzählung will die AfD die Menschen aber täuschen. Und dafür kritisiere ich sie scharf. Und für viele andere Themen, bei denen sie Politik gegen die Arbeitnehmer machen.
Wäre es nicht besser, die AfD regieren zu lassen, damit sie entzaubert wird?
Irmischer: Da ist mir der Preis zu hoch, so ein Experiment mit unserer Demokratie zu machen. Die Demokratie, in der wir leben, ist dafür viel zu wertvoll. Man muss nur nach Finnland schauen, wo die Menschen eine rechtsgerichtete Regierung an die Macht brachten und nach zwei, drei Jahren sagen: Um Himmels Willen, warum habe ich die gewählt, was habe ich nur gemacht?
Was ist Ihre Schlussfolgerung?
Irmischer: Für uns als Gewerkschaft? Ich sehe uns in der Pflicht, auf alle Beschäftigten zuzugehen, insbesondere auf die, die skeptisch sind, die berechtigte Sorgen haben, die sich von uns abwenden. Wir haben in der Vergangenheit vielleicht zu wenig Dialogangebote gemacht. Zu oft am Podium gestanden und gesagt, „das darf man nicht machen, die sind die Schmuddelkinder“. Und zu wenig zugehört, verstanden und erst dann unsere Position erklärt. Da müssen wir besser werden. Und darin, die Arbeitsplätze zu verteidigen und für Sicherheit zu sorgen.
Das Interview führte Christian Eckl.