Kurz vor Prozess-Auftakt: Tragisches Porträt im Regensburger Rathaus für früheren OB Wolbergs

Jeder ehemalige Oberbürgermeister wird im Alten Rathaus verewigt – seit 1987 ist das so. Auch historische Gemälde hängen dort. Ausnahme ist nur der OB während der NS-Zeit. Nun hat auch Joachim Wolbergs sein eigenes Porträt. Gemalt hat es Oleg Kuzenko, es soll Wolbergs Verbundenheit mit der Ukraine und mit der Jüdischen Gemeinde symbolisieren. Der kleine Festakt mit seiner Amtsnachfolgerin indes sorgte durchaus für bizarre Szenen.
Die Regensburger Kommunalpolitik kennt eine tragische Geschichte, die wohl bayernweit einzigartig ist: Einen Oberbürgermeister nämlich, der vom Dienst suspendiert wurde und der faktisch nicht einmal drei Jahre sein Amt ausführte. Joachim Wolbergs steht am heutigen Mittwoch erneut vor dem Landgericht München. Seit gestern ist ihm eine Ehre zuteil, die allen Oberbürgermeistern vor ihm auch gebührte – außer einem, nämlich dem OB, der in der Nazi-Zeit regierte. Wolbergs Konterfei hängt seit gestern in der sogenannten Oberbürgermeister-Galerie im Alten Rathaus. Gemalt hat ihn der Künstler Oleg Kuzenko.
Der ist in Regensburg auch kein Unbekannter. Kuzenko hat zum einen zusammen mit seiner Frau die Stadtschlüssel, ein Ehrenpreis für Engagement, bekommen. Seine Frau ist in der Sozialarbeit in der Jüdischen Gemeinde tätig, der Künstler half tatkräftig mit, als 2022 die ersten Ukraine-Flüchtlinge nach Regensburg kamen. Außerdem hat er die Porträt-Wand am Petersweg gestaltet, auf der berühmte Regensburger Persönlichkeiten aus der Geschichte von ihm gemalt werden.
Wolbergs erzählt seine Version der Genese
Die Genese des Bildes ist eigentümlich. Beraten wurde darüber, ob Wolbergs überhaupt ein Porträt bekommt, nämlich im Koalitionsausschuss des alten Bündnisses zwischen SPD, CSU, Freien Wählern und weiterer kleinerer Parteien. „Dort einigte man sich darauf, erst einmal das Verfahren gegen mich abzuwarten“, schilderte der Porträtierte. Erst, als diese Koalition platzte – nach dem politischen Debakel bei der Abstimmung über die Stadtbahn –, entschied die Hausherrin, Wolbergs einstige Parteifreundin und Nachfolgerin Gertrud Maltz-Schwarzfischer, nun doch ein Porträt in Auftrag zu geben. Und das, bevor das Verfahren gegen Wolbergs abgeschlossen ist. Das ist zumindest seine Version. Für diese erntet er auch Kopfschütteln während des Festakts bei einigen damals Beteiligten.
Ich habe nicht um dieses Porträt gebetenJoachim Wolbergs, früherer Oberbürgermeister von Regensburg
Zwar kamen neben Maltz-Schwarzfischer, die sich relativ schnell nach dem Lüften des roten Tuchs entfernte, so dass ein gemeinsames Pressefoto fast unmöglich war, auch Bürgermeisterin Astrid Freudenstein (CSU), Bürgermeister Ludwig Artinger (FW) und der SPD-Fraktionsvorsitzende und Stichwahl-Kandidat Thomas Burger (SPD). Doch Wolbergs machte zwischen den Zeilen schon auch klar, was er von dem großen Bahnhof hielt.
„Ich habe nicht um dieses Porträt gebeten“, sagte Wolbergs schon im Vorfeld zur MZ. „Vor ein paar Monaten bekam ich dann aber einen Anruf vom Hauptamt der Stadt und dem Hinweis, dass ein Bild von mir gefertigt werden soll.“ Es sei ihm persönlich „null wichtig“, dass sein Konterfei nun in besagter Rathaus-Galerie hängt. Und doch: „Es ist nun eben so.“ Dass sich Wolbergs Kuzenko ausgesucht hat, das hat Gründe. „Ich hatte nur zwei Bedingungen: Ich wollte, dass zum einen meine Verbundenheit zur jüdischen Gemeinde sichtbar wird.“ In Wolbergs Amtszeit fiel der Bau der neuen Synagoge am Brixener Hof, der allerdings erst 2019 fertig wurde, als er schon suspendiert war. „Zum zweiten war mir wichtig, dass das Bild eine Verbindung zur Ukraine zeigt, weil Regensburg mit Odessa dort eine Partnerstadt hat.“ Wolbergs engagiert sich privat sehr stark in der Hilfe für Ukrainer in Regensburg.
Das Bild weist zwei Symbole auf: Zum einen die Landesfarben der Ukraine, Blau und Gelb. Zum anderen hat Wolbergs, der mit seltsam verzerrtem Gesicht und weitgehend farblos gemalt wurde von Kuzenko, einen leuchtend roten Granatapfel in der Hand. Nach einem flüchtigen Blick kann man die knallrote Frucht auch für ein Herz halten.
Kuzenko sagte, die Frucht habe mehrere Bedeutungen in der jüdischen Symbolik. In der Tat steht der Granatapfel für Fülle und Fruchtbarkeit, aber auch für Rechtschaffenheit. Es sind die 613 Gebote des Judentums, an die sich ein Jude halten muss. Traditionell wird sie zu Neujahr gegessen, also an einem Tag, der den Neuanfang symbolisiert. Wolbergs findet: „Der Künstler hat mich vortrefflich getroffen.“ Einen QR-Code, den man scannen kann, wird das Bild, anders als Wolbergs glaubt, nicht bekommen. Der ist nur neben Hans Herrmann (CSU, OB von 1950 bis 1959)angebracht, um dessen Rolle während der NS-Zeit zu erläutern. Wolbergs ziemlich tragische Karriere als Oberbürgermeister, die in der Suspendierung mündete, wird aber auf der Homepage der OB-Galerie dargestellt, sagte eine Mitarbeiterin am Rande des kleinen Festakts.
Wolbergs hängt nun neben Hans Schaidinger
Wolbergs hängt nun neben Hans Schaidinger. Auch dessen Porträt hat eine Geschichte. Der Künstler Jan Peter Tripp malte es. Doch offenbar, so kolportierte man damals, gefiel die erste Version dem CSU-Politiker nicht so recht. Erzählt wird, dass der Künstler Schaidinger in einer ersten Version ohne Krawatte gemalt haben soll. Es wurde nachgebessert, behauptet man. Und Schaidinger ist ein wenig spitzbübisch gemalt. Der stets korrekt gekleidete CSU-Mann wirkte im Laufe seiner Amtszeit weniger keck, als das Porträt nun vermittelt. Aber: Kunst ist eben Ansichtssache.