Mit Fahrrädern und Motorrädern begann es – Autohaus in Neustadt schließt für immer

Von Jochen Dannenberg · 1. April 2026 um 11:00

Über 70 Jahre Autohaus Hartl sind zu Ende. Damit endet auch ein Stück Neustädter Wirtschaftsgeschichte (Landkreis Kelheim). Ein Rückblick.

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Es ist der letzte Tag im Autohaus Hartl. Die Fahrzeughalle ist leer, die Werkstatt ausgeräumt und geschlossen. Seit 1955 hat es die Firma gegeben, erst als Werkstatt für Fahrräder und Motorräder und dann ab 1958 als Vertragshändler des niederbayerischen Autoherstellers Glas.

Jetzt, sieben Jahrzehnte später, sind die Reste des Unternehmen – „Ordner, Ordner, Ordner, alle aus dem Geschäft“, wie es Helmut Hartl, dem Inhaber der Firma, beim Besuch des Reporters entfährt – in über 50 Kisten gepackt und zuhause eingelagert. Nur noch wenig erinnert an den geschäftigen Betrieb, der hier einst herrschte und acht Mitarbeiter und deren Familien ernährte.

Helmut Hartls Vater Siegfried war es, der die Firma einst gründete und sich in der Stadtmitte selbstständig machte. Dort, wo heute die Raiffeisenbank steht, übernahm er eine Werkstatt, deren Besitzer über Nacht verschwunden war. „Und den Lehrling, der noch da war, übernahm er gleich mit“, erzählt der Sohn. Siegfried Hartl war geschäftstüchtig und die Zeiten standen gut für Größeres. Deutschland erlebte das Wirtschaftswunder und das Wirtschaftswunder mobilisierte die Massen. Die Menschen wollten nicht nur mobil sein, sondern ein Auto haben. Und Siegfried Hartl gelang es, eine Lizenz zum Verkauf und zur Reparatur der Autos aus Dingolfing zu bekommen. Deren bekanntestes war der Goggo.

Eine letzte Dienstfahrt vom Autohaus nach Hause

So einer – ein himmelblaues Coupe mit einer Motorleistung von „dynamischen“ 11,5 PS – stand noch bis vor wenigen Tagen in der Fahrzeughalle des Autohauses. Am Wochenende trat der Wagen, der Helmut Hartl gehört, seine vorerst letzte Reise an: Er wurde zur privaten Garage der Hartls gefahren. Das Autochen aus dem Baujahr 1964 meisterte die Strecke aus eigener Leistung. „Es war seine letzte Dienstfahrt“, sagt Helmut Hartl.

Am Eck von Herzog-Ludwig-Straße und Stadtplatz, wo sich heute die Raiffeisenbank befindet, begann die Firmengeschichte, - Foto: Familie Hartl

Die Zeiten haben sich geändert. Für ein Goggomobil ist heutzutage kein Platz mehr auf den Straßen. Zu schnell, zu hektisch ist der Verkehr geworden. Und auch das Kraftfahrzeuggewerbe hat sich verändert. So störte es nicht, dass Siegfried Hartl beim Schritt in die Selbstständigkeit zwar viel Energie, aber noch keinen Meisterbrief hatte. Den erwarb er erst elf Jahre später. Die Handwerkskammer habe auf die Prüfung gedrängt, gesteht sein Sohn.

Mitte der sechziger Jahre folgte ein weiterer Einschnitt: Mit der niederbayerischen Autoherrlichkeit war es vorbei. Die Firma Glas wurde von BMW übernommen und bei Hartls in Neustadt wurden fortan Renaults verkauft. Auch das, sagt Helmut Hartl, dauerte nicht ewig. 2014 war auch mit Renault Schluss. Fortan war das Autohaus eine freie Werkstatt. Viel hatte sich zu diesem Zeitpunkt zwischen den Herstellern und den Händlern verändert. Genügte es früher, 120, 130 Fahrzeuge pro Jahr zu verkaufen, forderten die Hersteller inzwischen vierstellige Verkäufe. Das konnten nur noch ganz große Händler leisten. So wurde der Niedergang vieler familiengeführter Unternehmen eingeläutet.

Viele Interessenten, aber am Ende blieb keiner

Da reifte bei den Hartls ein Entschluss: Weil von den beiden Kindern niemand das Geschäft übernehmen würde, wollten sie verkaufen. Das Ergebnis dieser Bemühungen war hart. „Da hat sich zwar eine Vielzahl von Interessenten gemeldet und einige kamen in die engere Wahl, aber zum Schluss blieb keiner übrig.“ So kam es, dass von dem Autohaus, zu dem immer auch eine Tankstelle gehört hatte, nur die Tankstelle weiter betrieben wird – ab diesem 1. April unter einem neuen Betreiber.

Der nicht kleine Rest der Firma ist abgewickelt. Die Kunden wurden informiert und das komplette Ersatzteillager aus seligen Renault-Zeiten ist an einen Händler aus Graz (Österreich) verkauft, die Goggo-Teile hat Helmut Hartl behalten. „Vielleicht brauche ich die ja ‘mal selber“, scherzt er am vorletzten Tag in seinem Betrieb.

Helmut Hartl und seine Ehefrau Elisabeth freuen sich auf den Ruhestand. - Foto: Jochen Dannenberg

Was bleibt sind viele Erinnerungen – an Kunden, die noch an Heiligabend vorbeikamen, weil sie dringend ein Ersatzteil brauchten. Oder an die Tankstelle. Die Hartls wohnten früher direkt über der Tankstelle. Wenn nachts die Glocke läutete, wussten sie, dass ein Kunde tanken wollte. Wobei es manchmal nicht nur Kunden waren, die zur Tankstelle kamen. Drei mal wurde sie überfallen.

Und heute? Würde sich Helmut Hartl noch einmal mit einer Autowerkstadt selbstständig machen? Mit seinen 67 Jahren und seiner ganzen Erfahrung, sagt er: „Wenn einer ein Faible für Elektronik hat, ist das an sich kein Problem. Man muss computeraffin sein.“

Jetzt freut sich Helmut Hartl endlich einmal mit seiner Frau in Ruhe Urlaub zu machen. Länger als fünf Tage waren sie nie gemeinsam verreist.