„Die Leidtragenden sind die Patienten“: Psychotherapeuten aus Neumarkt schlagen Alarm

Die Zahl der psychischen Erkrankungen steigt, die Wartezeiten auf Therapien wachsen und damit auch die Kosten bei den Krankenkassen. Die Reaktion: Honorarkürzungen ab dem 1. April und das bringt auch Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten aus Neumarkt auf. „Die Leidtragenden sind die Patienten“, warnen Nadine Fischer, Julia Burger und Frederike Kehrer.
„Es ist einfach absurd, dass gerade bei uns die Gelder gekürzt werden sollen“, sagt Fischer. „Das wird fatale Folgen haben für das gesamte ambulante Versorgungssystem, das sowieso total schlecht dasteht“, ergänzt Burger und Kehrer: „Ich finde es wahnsinnig frustrierend, wie wenig unsere Arbeit wertgeschätzt wird.“
„Es geht nicht darum, Reichtum anzuhäufeln, sondern darum, ein wirtschaftliches Auskommen zu haben“, stellen die drei psychologischen Psychotherapeutinnen klar. Sie behandeln in ihren Praxen in Neumarkt und Woffenbach derzeit alle ausschließlich Kassenpatienten und befürchten durch die Neuregelung eine Zwei-Klassen-Gesellschaft.
Honorarsteigerung im Vergleich immer noch geringer
Denn viele Psychotherapeuten würden dadurch nun gezwungen, mehr und auch die lukrativeren Privatpatienten aufzunehmen, um die Verluste auszugleichen und ihr Auskommen zu sichern, warnen sie. Auch das Argument überproportional gestiegener Honorare weisen die drei Psychotherapeutinnen zurück: „Wir sind von einer sehr niedrigen Ausgangsbasis gestartet“, erklärt Fischer. Trotz prozentualer Steigerungen liege man im Vergleich zu anderen Facharztgruppen weiterhin deutlich zurück – auch Zahlen des Statistischen Bundesamts belegten das.
Wartelisten für einen Therapieplatz sind lang
Schon jetzt sei die Situation angespannt. „Ich muss meine Warteliste regelmäßig schließen, weil sie übervoll ist“, berichtet Kehrer. Im Schnitt warten Patienten vier bis fünf Monate auf einen Therapieplatz. In einer einzigen Telefonsprechstunde meldeten sich bis zu acht Hilfesuchende, dazu kämen täglich weitere Anfragen, ergänzt Fischer. Die Kapazitäten sind begrenzt: Eine Therapiesitzung dauert 50 Minuten. Viele Therapeutinnen betreuen rund 40 bis 50 Patienten gleichzeitig, nicht wenige kommen einmal pro Woche. „Wir können nicht einfach schneller arbeiten“, sagt Burger. „Das geht bei unserer Arbeit nicht.“
Die Folgen spüren vor allem die Patienten. „Die Menschen, die bei uns anrufen, sind oft völlig verzweifelt“, schildert Fischer. Gerade in Krisen koste es enorme Kraft, überhaupt Hilfe zu suchen. „Wenn man es kaum schafft aufzustehen, kann man nicht 20 Praxen abtelefonieren.“
Warnung vor hohen Folgekosten
Dabei sei frühe Hilfe entscheidend. Psychische Erkrankungen gehörten zu den häufigsten Ursachen für lange Krankschreibungen – im Schnitt rund 40 Tage pro Fall. Gleichzeitig könne Psychotherapie langfristig Kosten sparen: Burger zufolge spare jeder investierte Euro laut Studien ein Vielfaches an Folgekosten, etwa durch vermiedene Klinikaufenthalte oder Frühverrentungen.
Wie gravierend fehlende Versorgung sein kann, zeigt ein Beispiel aus der Praxis, das Fischer schildert: Eine Patientin, die zuvor stabil gewesen sei, habe wegen langer Wartezeiten einen Rückfall erlitten und musste mehrfach stationär behandelt werden. „Das hätte man möglicherweise ambulant verhindern können.“
Besonders kritisch sehen die Psychotherapeutinnen die Auswirkungen auf die Zukunft des Berufs. Lange Ausbildungszeiten, hohe Kosten und unsichere Rahmenbedingungen könnten dazu führen, dass sich weniger Nachwuchs für die Psychotherapie entscheidet. Gleichzeitig steige der Bedarf weiter – auch bei Kindern und Jugendlichen.
Positionspapier und Online-Petition
Dabei sei die Bandbreite der Erkrankungen groß: von Depressionen und Angststörungen bis hin zu schweren Traumata oder suizidalen Krisen. Rund 10.000 Menschen nehmen sich jedes Jahr in Deutschland das Leben – eine Zahl, die die Dringlichkeit unterstreiche.
Neben Protestaktionen setzen die Therapeutinnen nun auch auf politischen Druck. Eine Bundestagspetition soll auf die Situation aufmerksam machen, begleitet von einem Positionspapier des Berufsverbands, das die wichtigsten Fakten zusammenfasst.
„Wenn Patienten etwas für die Versorgung tun wollen, haben sie hier eine konkrete Möglichkeit“, sagt Burger. Auch Angehörige seien aufgerufen, sich zu beteiligen oder ihre Erfahrungen an Politiker weiterzugeben. Die Hoffnung der drei Psychotherapeutinnen: dass möglichst viele Betroffene die Petition unterzeichnen – und so ein Zeichen setzen. „Es geht nicht um uns“, betont Fischer. „Es geht um die Menschen, die dringend Hilfe brauchen.“
Hintergrund zu den Honorarkürzungen für Psychotherapeuten
• Zahlen: Psychotherapie ist eine Pflichtleistung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Aktuell sind in Deutschland laut GKV-Spitzenverband etwa 40000 ärztliche und psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten tätig. Das entspricht dem GKV zufolge einem Anstieg von knapp 50 Prozent innerhalb der letzten zehn Jahre. Gleichzeitig hätten sich die Ausgaben für die ambulante psychotherapeutische Versorgung auf rund 4,6 Milliarden Euro verdoppelt, teilt der GKV-Spitzenverband mit.
• Kürzungen: Ab dem 1. April werden die Honorare für psychotherapeutische Leistungen um 4,5 Prozent abgesenkt. Das hat der Erweiterte Bewertungsausschuss beschlossen. Hintergrund der Anpassungen der Vergütung psychotherapeutischer Leistungen ist der Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses zur Angemessenheit der psychotherapeutischen Vergütung für das Jahr 2026. Laut Dr. Linda Föttinger vom Verband der Ersatzkassen Bayern (vdek) seien die Honorare für psychotherapeutische Leistungen seit 2013 um rund 52 Prozent gestiegen – deutlich stärker als bei ärztlichen Leistungen mit etwa 33 Prozent. Diese Entwicklung mache eine Korrektur erforderlich, um die Vergütung wieder in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Der Erweiterte Bewertungsausschuss ist ein Schiedsgremium, das verbindlich über Honorare für ärztliche Leistungen entscheidet, wenn der normale Bewertungsausschuss keine Einigung erzielen konnte. Im Erweiterten Bewertungsausschuss sitzen drei Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), drei Vertreter des GKV-Spitzenverbandes (GKV-SV) und drei unparteiische Mitglieder. Parallel zur Honorarkürzung wurde eine Anhebung der Strukturzuschläge um 14,25 Prozent beschlossen.
• Verlust: Für die Psychotherapeuten bedeutet die Entscheidung dennoch einen Verlust. Laut der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) sinken die Honorare selbst bei psychotherapeutischen Praxen, die die Strukturzuschläge in vollem Umfang erhalten, um circa 2,8 Prozent.