Trotz Überversorgung: Viele Patienten, aber wenige Psychotherapeuten im Landkreis Neumarkt

Wer einen Psychotherapeuten braucht, muss im Landkreis Neumarkt in der Regel lange suchen und Geduld beweisen. Der Landkreis ist bayernweit eine Region, in der die Abdeckung mit am schlechtesten ist. Dabei gilt sie offiziell als überversorgt. Warum sind die Wartezeiten trotzdem so lang? Und ist Besserung in Sicht?
Jasmin R. (Name geändert) ist verzweifelt. Die Frau aus dem Landkreis Neumarkt leidet an Depressionen. Dringend bräuchte sie therapeutische Hilfe, alleine schafft sie es nicht mehr aus dem Loch. Doch das ist schwer, berichtet sie: „Ich wusste, dass man lange auf einen Platz warten muss, ungefähr ein halbes Jahr.“ Ihr Hausarzt habe sie vorgewarnt.
Im Landkreis Neumarkt ist es besonders schwer, einen ambulanten Therapieplatz zu bekommen. Das Healthtech-Unternehmen Doctolib, das mancher Patient von der Online-Terminvergabe für Ärzte kennt, hat vor Kurzem ein Ranking veröffentlicht.
Doctolib-Ranking: Neumarkt schneidet bayernweit am schlechtesten ab
Von allen ausgewerteten Landkreisen in Bayern schnitt Neumarkt am schlechtesten ab. Der Versorgungsgrad der Bevölkerung liegt demnach bei 106,86 Prozent. Jeder der 41 Psychotherapeuten ist damit im Schnitt für knapp 3400 Einwohner zuständig.
Details der Doctolib-Studie
• Landkreis Neumarkt: 41 Psychotherapeuten sind im Schnitt für knapp 3400 Einwohner zuständig. Das entspricht einem Versorgungsgrad von knapp 107 Prozent.
• Nachbarlandkreise: Nur wenig besser sieht es in den Nachbarlandkreisen aus. Im Nürnberger Land kümmern sich 55 Therapeuten um rund 3100 Patienten (117 Prozent), in der Kreisregion Schwabach/Roth 52 um knapp 3300 Einwohner (112 Prozent), im Landkreis Eichstätt 41 Therapeuten um rund 3300 Patienten (114 Prozent) und im Landkreis Regensburg 65 um knapp 3000 Patienten (126 Prozent).
• Stadt – Land: In den Großstädten ist die Versorgung zwar besser (Regensburg 185 Prozent, Nürnberg 144 Prozent), doch auch da reichen sie längst nicht an die Spitzenwerte einiger Regionen rund um München heran, die zwischen 200 und über 300 Prozent Versorgungsgrad erreichen. Quelle: Doctolib
Etwas andere Zahlen haben die Kassenärztliche Vereinigung und das Bayerische Gesundheitsministerium. Im August 2025 waren demnach 43 Psychotherapeuten im Landkreis beschäftigt, was einen Versorgungsgrad von rund 112 Prozent entspricht.
Arztsitze im Landkreis Neumarkt reichen nicht
Damit gelte der Landkreis als überversorgt. Von den 26,5 Arztsitzen sei derzeit keiner frei. Dennoch gebe es laut KVB drei Zulassungsmöglichkeiten aufgrund einer Quotenregelung für psychotherapeutisch tätige Ärzte, die sich verpflichten, ausschließlich psychotherapeutisch tätig zu werden.
In der Bedarfsplanung liegt ein Kernproblem, das zu langen Wartezeiten führt. Sie wird vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) bundesweit festgelegt, bildet aber nicht den tatsächlichen Bedarf ab. Trotz rechnerischer Überversorgung in Bayern sei die Situation seit Längerem angespannt, bestätigt das Bayerische Gesundheitsministerium: „Dies liegt vor allem daran, dass die derzeitigen Vorgaben für die Bedarfsplanung nicht die tatsächliche Bedarfslage abbilden.“ Zwar seien alle Planungsbereiche in Bayern regel- oder überversorgt, „dennoch ist die tatsächliche ambulante Versorgungssituation aufgrund des steigenden Bedarfs nicht zufriedenstellend.“
Warten auf das Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz
Um die Lage zu verbessern, setze sich das Bayerische Gesundheitsministerium seit Längerem auf Bundesebene für eine gesonderte Planung der Arztgruppe von Kinder- und Jugend-Psychotherapeuten ein. „Dies würde zusätzliche Niederlassungsmöglichkeiten und bessere Zugangsmöglichkeiten schaffen“, erklärt ein Sprecher. Zwar wurde dies im Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz aufgegriffen, aufgrund des vorzeitigen Endes der damaligen Bundesregierung aber nicht mehr umgesetzt. Entsprechende Vorhaben stehen im Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung – umgesetzt sind sie noch nicht, heißt es aus dem Staatsministerium.
Der Freistaat setze daneben eigene Anreize: Mit der Landarztprämie werden auch Psychotherapeuten unterstützt, die sich in kleineren Städten und Gemeinden niederlassen. Bis zu 20 000 Euro sind möglich, für Filialgründungen 5000 Euro. Im Landkreis Neumarkt wurden so bereits fünf Psychotherapeuten unterstützt.
Hoffnung für „überversorgte“ Regionen wie Neumarkt
Auch die KVB hat Maßnahmen eingeleitet. Im Frühjahr habe man sich mit den Krankenkassen darauf verständigt, den Zulassungsgremien detaillierte Analysen vorzulegen, um besser beurteilen zu können, wo Sonderbedarfszulassungen oder befristete Ermächtigungen nötig sind. Das kann auch in offiziell „überversorgten“ Regionen wie Neumarkt zusätzliche Therapeuten bringen, wenn die Wartezeiten besonders lang sind.
Ein weiterer Ansatzpunkt sei die Nachwuchsgewinnung. Die KVB fördert die psychotherapeutische Weiterbildung und unterstützt Studierende sowie angehende Fachärzte. Ziel sei es, auch junge Psychotherapeuten für die ambulante Versorgung auf dem Land zu gewinnen.
Patientin wartet halbes Jahr auf Termin im Landkreis Neumarkt
Doch all diese Maßnahmen werden die Lage bestenfalls langfristig verbessern. Eine baldige Entspannung der Situation im Landkreis Neumarkt kann keine der Stellen vermelden. Die Nachfrage nach Therapieplätzen steigt weiter – auch in Folge der Corona-Pandemie. Für Betroffene bedeutet das: Geduld bleibt gefragt. Jasmin R. hat nach der Erstdiagnose rund ein halbes Jahr gewartet. Die Zeit dazwischen habe sie mit einer App ihrer Krankenkasse mit Meditationsübungen und Fantasiereisen überbrückt. Seit einigen Monaten hat sie einen Therapieplatz in einem Nachbarlandkreis. Doch die Rettung ist das für sie nicht, erklärt sie: „Das passt einfach nicht so recht. Ich würde gerne wechseln.“
Sie glaubt, ein anderer Therapeut könne ihr vielleicht besser helfen. Doch einen neuen Platz zu finden, sei noch schwieriger: „Man wartet da noch viel länger. Wenn man schon einen Platz hat, rutscht man auf der Warteliste noch weiter nach hinten, weil man ja schon versorgt ist.“ Deshalb will sie vorerst weiter mit ihrer aktuellen Therapeutin arbeiten. Gäbe es insgesamt mehr Therapeuten, wäre auch ein Wechsel viel leichter, glaubt sie.