Praktikum statt Planlosigkeit: So finden sich Schüler und Unternehmen in Neumarkt

Was soll ich werden? Diese Frage macht immer mehr Schüler ratlos. Auf der anderen Seite bleiben auch heuer wieder zahlreiche Ausbildungsplätze im Landkreis Neumarkt frei, in vielen Branchen fehlen Fachkräfte. Was bringt die Fachkräfte von morgen mit den Arbeitgebern zusammen?
Einen Weg hat die Plattform 100plusX eingeschlagen. Von Neumarkt aus vermittelt die Börse bundesweit längere Praktika für Schüler ab 14 Jahren. Für mindestens drei Wochen Praxis im Betrieb innerhalb von zwölf Monaten erhalten die Schüler mindestens 100 Euro im Monat – ob sie da gerade gearbeitet haben oder nicht. Wer gute Noten in der Schule hat oder sich ehrenamtlich engagiert, bekommt mehr Geld.
Die Akquise von Unternehmen laufe ganz gut – als ein großer Partner konnte die Barmer gewonnen werden, sagt Marc Frankenne, der die Initiative unterstützt. Im Gespräch mit Betrieben werde eine zentrale Frage deutlich: „Wie interessieren wir Jugendliche für einen Beruf und für Arbeit generell?“ Gleichzeitig machen Firmen laut Frankenne zum Teil sehr schlechte Erfahrungen mit Praktikanten. Diese kämen bereits nach drei Tagen nicht mehr.
Vor zwölf Jahren letzter Azubi zur Reinigungsfachkraft
Ein Kernproblem sieht Frankenne in der Bezahlung: „Noch immer bieten die meisten Firmen Praktika ohne Bezahlung an. Doch wo bleibt da die Motivation?“ Praktikanten fühlten sich nach wie vor wie „eine Art Bittsteller“ und würden teilweise als billige Arbeitskräfte ausgenutzt. Er fordert: „Praktikanten müssen Wertschätzung erfahren. Heute müssen sich die Firmen bei den Schülern bewerben.“ Er sei überzeugt davon, dass bezahlte Praktika eine Lösung für Betriebe und Jugendliche wären. Denn zum einen hätten mehr Jugendliche Interesse an einem bezahlten Praktikum, zum anderen könnten Firmen „so auf sich aufmerksam machen, Kontakte zu Jugendlichen knüpfen und sie als spätere Azubis und Mitarbeiter für sich gewinnen.“ Auch die hohe Abbrecherquote ließe sich so verringern.
Viele Firmen haben längst verstanden, dass sie sich für den Nachwuchs öffnen müssen und das auch schon bevor es für die Schüler auf den Abschluss zugeht. Die Neumarkter Firma Rödl etwa arbeitet mit Schulen zusammen und bietet regelmäßig Praktika an. Bisher habe man gute Erfahrungen gemacht, betont Ausbilder Matthias Seebauer. Manch einen Azubi hat er vorher schon als Praktikant erlebt: „Wir generieren regelmäßig Bewerbungen für unsere Ausbildungsstellen.“ Und wenn es passt, werden aus Praktikanten Azubis. Das gegenseitige Kennenlernen im Betrieb sei dafür sehr wichtig, betont Seebauer.
Bei Rödl Neumarkt lernen Schüler viele Berufe kennen
Schülerpraktikanten sollen möglichst das ganze Unternehmen kennenlernen: „Wir versuchen, innerhalb einer Woche alle Bereiche zu zeigen – vom Verkauf in der Tankstelle bis zum Handwerk im Heizungsbau.“ Den Schülern helfe das bei der Berufsorientierung, glaubt Seebauer: „Sie bekommen ein Gespür dafür, was ihnen gefällt und was nicht.“ Wer schon einen Plan hat, könne ebenfalls profitieren: „Es kommt auch vor, dass klare Vorstellungen da sind, die aber nicht mit der Realität übereinstimmen.“
Manche Unternehmen tun sich besonders schwer, Azubis zu finden. Von einer „vergessenen Branche“ spricht Margit Reif, wenn es um ihr Metier geht. „Viele wissen gar nicht, dass Gebäudereiniger ein klassischer Ausbildungsberuf ist“, stellt die Geschäftsführerin des Jura Gebäude-Service fest. Das Unternehmen bietet jedes Jahr Ausbildungsplätze an, doch meist vergebens, stellt Margit Reif mit Bedauern fest: „Den letzten Azubi hatten wir vor ungefähr zwölf Jahren. Trotzdem probieren wir es immer weiter.“ Praktikumsplätze sind dabei eine feste Größe.
Kaum Interesse trotz guter Bezahlung
Viele Interessenten gibt es dafür aber nicht. „Reinigung ist einfach nicht sexy. Und körperliche Arbeit hat leider heute auch nicht mehr die oberste Priorität“, vermutet Reif.
Sie glaubt nicht, dass eine Bezahlung daran etwas ändern würde. Ihre Branche werde oft zu Unrecht mit dem Mindestlohn in Verbindung gebracht. „Dabei haben wir damit nichts zu tun“, betont Reif. Ein Azubi im ersten Lehrjahr verdiene 1000 Euro – mehr als in manch anderer Lehre. Zum neuen Ausbildungsjahr sei es endlich wieder gelungen, zwei Azubis einzustellen. Und einer kam über ein Praktikum zu seinem Vertrag. Ein echter Glücksgriff, freut sich die Geschäftsführerin.
Immer wieder habe man Praktikanten und sei bemüht, ihnen auch etwas zu bieten. In den Sommerferien etwa stehe in den Schulen und Kindergärten die Grundreinigung an, bei der die Praktikanten mithelfen und dabei Dinge sehen und erleben, „die die Mama daheim nicht kann“. Reinigung sei eben viel mehr als Putzen.
Platzer hat auch ohne Praktika genug Azubis in der Werkstatt
Dieses Jahr habe der Jura Gebäude-Service einige Praktikanten gehabt – mit überwiegend guten Erfahrungen. Zwar habe sich ein Bewerber schon vor dem ersten Arbeitstag wieder verabschiedet, die anderen aber hätten gute Erfahrungen gemacht. „Einer davon hat sofort einen Ausbildungsvertrag unterschrieben“, berichtet Reif. Und sich damit für einen äußerst krisensicheren Beruf entschieden, betont sie.
Nicht ganz leicht hat es auch die KFZ-Branche, neue Azubis zu finden. Xaver Platzer, Chef des gleichnamigen Autohauses in Neumarkt, kann derzeit zum Glück nicht klagen. Seine Plätze in der Werkstatt seien besetzt – auch ohne bezahlte Praktika. Hospitanzen gibt es bei ihm aber nur im Büro. In der Werkstatt wäre die Lernkurve zu steil.
Im Büro sei es aber häufig so, dass viele Praktikanten nach acht Wochen so viel gelernt haben, dass sie kleinere Aufgaben übernehmen können. Für sie gibt es laut Platzer am Ende eine kleine Aufwandsentschädigung. In der Regel seien es Fachoberschüler und manch einer ist schon ins Unternehmen zurückgekommen: „Ihr Abitur machen sie dann schon noch fertig, aber sie entscheiden sich dann manchmal doch für eine Ausbildung statt für ein Studium.“
Blick in die Ausbildungsstatistik
• Viele Stellen frei: 1516 Ausbildungsplätze boten die Betriebe im Landkreis Neumarkt im laufenden Ausbildungsjahr an. Mehr als ein Drittel davon war im Juli noch unbesetzt. So weist es die aktuellste Statistik der Bundesagentur für Arbeit aus. Der Löwenanteil davon, nämlich 250 Stellen, betrifft das Baugewerbe, wo nicht einmal die Hälfte der Stellen vergeben ist. Viele freie Stellen gibt es außerdem in den Bereichen Handel und Instandhaltung bzw. Reparatur von Kraftfahrzeugen (171) sowie im verarbeitenden Gewerbe (137). Weniger Lehrstellen: Die Situation ist dabei im Vergleich zum Vorjahr relativ unverändert. Im Juli 2024 waren noch knapp zehn Prozent mehr Stellen unbesetzt, allerdings wurden damals auch deutlich mehr Lehrstellen angeboten. Besonders viele Lehrstellen waren 2023 offen geblieben, nämlich 810. Damals hatte es in etwa so viele Ausbildungsplätze wie aktuell gegeben, doch jeder fünfte blieb unbesetzt.
• Beliebteste Berufe: Auf der anderen Seite gibt es aber auch Branchen, in die der Nachwuchs drängt: bei den Mädchen sind Medizinische Fachangestellte, Kauffrau für Büromanagement und Industriekauffrau die Top-3-Wunschberufe, bei den Buben KFZ-Mechatroniker, Elektroniker und Industriekaufmann. Nicht alle Berufswünsche konnten sich die Absolventen bereits erfüllen. So sind noch rund 130 Ausbildungswillige auf der Suche, neben den Top-3-Berufen etwa als Bankkaufleute, medizinische Fachangestellte, Kaufleute im Einzelhandel, Verkäufer und Fachinformatiker.