Kinder- und Jugendpsychiatrie: Gibt es genug Fachärzte im Landkreis Schwandorf?

Depressionen, Angststörungen, Traumata oder Schulvermeidung: Es sind viele Erkrankungen, die der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Florian Schalkhaußer in seiner Schwandorfer Filialpraxis behandelt. Rund 440 Patienten versorgt sein Team – pro Quartal. Wie blickt der Mediziner auf die Versorgungslage im Landkreis?
Dr. Schalkhaußer, der seinen Hauptsitz in Regensburg und eine weitere Filiale in Weiden betreibt, hat seine dritte Praxis im Juli 2021 eröffnet – mitten während der Corona-Pandemie. Damals war die Sorge um die Versorgungssituation in Schwandorf groß. Denn über mehrere Jahre hatte der Kinder- und Jugendpsychiater Manfred Wurstner die Versorgung sichergestellt. Auch er hat seinen Hauptsitz eigentlich in Regensburg. Doch nachdem zwei Fachärztinnen seine Praxis verlassen hatten, fand Wurstner keinen Nachfolger mehr – trotz intensiver Bemühungen. Die Versorgung in Schwandorf ließ sich so nicht länger aufrechterhalten.
Über mehrere Monate gab es daher eine Lücke – bis Dr. Schalkhaußer und sein Team ihre Filialpraxis eröffneten. Es habe damals eine Unsicherheit vor Ort gegeben, sagt der Facharzt. Bei den Partnern stand gar die Frage im Raum, ob die kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung möglicherweise komplett abbricht. Doch inzwischen, sagt der Mediziner, habe man sich in der Großen Kreisstadt etabliert. Auch der Kontakt zu Partnern – wie zur Erziehungsberatungsstelle oder kinder- und jugendpsychologischen Praxen – sei gut. An einem Tag der offenen Tür kamen beispielsweise rund 40 Netzwerkpartner. „Wir fühlen uns wohl und sind dankbar über die Netzwerkmöglichkeiten.“
Und die Nachfrage ist durchaus groß. Pro Quartal versorgt die Praxis rund 440 Patienten – das ganze Jahr über sind das etwa 1760. „Mit steigender Tendenz“, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater. Die Erkrankungen, die das Team in Schwandorf behandelt, sind breit gefächert. Das Spektrum reicht von Depressionen, Angststörungen und Traumata über Aufmerksamkeitsstörungen, Suchtprobleme und Schulvermeidung bis zu sozialen Integrationsstörungen oder Autismus. „Wir sind eigentlich eine hausärztliche kinder- und jugendpsychiatrische Praxis“, sagt Schalkhaußer. Das Team versorgt also das ganze Spektrum, soweit es sich ambulant händeln lässt.
Corona-Folgen schlagen auch in Schwandorfer Praxis auf
Die steigende Tendenz, die Schalkhaußer beobachtet, ist offenbar kein Einzelfall. Vor allem durch die Corona-Pandemie ist die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen gestiegen. Die psychische Gesundheit sei beispielsweise noch immer schlechter als vor der Pandemie – zu diesem Ergebnis kommt auch die Copsy-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Etwa ein Fünftel berichtet demnach „von eingeschränkter Lebensqualität und psychischen Belastungen“.
Besonders häufig seien Mädchen und junge Frauen ab 14 Jahren betroffen. Das Bundesfamilienministerium berichtet auf seiner Homepage zudem, dass rund 17 Prozent aller Grundschulkinder auffällige psychische Befunde zeigen würden. Und rund ein Fünftel aller Kinder und Jugendlichen würde „mit einer psychischen Störung leben“.
Unser Ziel ist, im Team und nach außen interdisziplinär zu arbeiten.Dr. Florian Schalkhaußer, Kinder- und Jugendpsychiater
Auch Dr. Schalkhaußer beobachtet in seiner Praxis Themen, die mit den Folgen der Corona-Pandemie assoziiert sind – etwa soziale Isolation, ein krankhafter Konsum von Sozialen Medien oder andere Suchtprobleme. Der Mediziner tut sich aber schwer zu beurteilen, ob es in seiner Praxis tatsächlich eine größere Nachfrage durch die Pandemie gibt. Der Grund: Die Schwandorfer Filialpraxis wurde mitten in der Corona-Zeit geöffnet – ihm fehlt also der Vergleich zur Zeit davor.

In Schwandorf ist inzwischen ein Team von 13 Mitarbeitern tätig – darunter vier sozialpsychiatrische Mitarbeiter, eine Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in Ausbildung, drei medizinische/kaufmännische Fachangesellte sowie vier Fachärzte. Die Mediziner sind jeweils abwechselnd an verschiedenen Tagen oder gleichzeitig vor Ort, darunter auch Dr. Schalkhaußer selbst. „Unser Ziel ist, im Team und nach außen interdisziplinär zu arbeiten“, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater.
So kümmern sich die sozialpsychiatrischen Mitarbeiter beispielsweise um die Testdiagnostik oder die Analyse psychologischer Befunde. „Sie arbeiten mit uns in der Diagnostik und bei den Behandlungskonzepten zusammen“, sagt Dr. Schalkhaußer. „So gesehen arbeiten wir Hand in Hand.“
Für längere Zeit waren Dr. Schalkhaußer und sein Team im Landkreis Schwandorf als Einzelkämpfer unterwegs. Wenn Eltern mit ihren Kindern nach Hilfe suchten, gab es nur ihre Praxis. Ansonsten mussten Betroffene teils weitere Wege in Kauf nehmen – bis nach Amberg, Weiden oder Regensburg. Erst seit Anfang 2025 gibt es eine weitere kinder- und jugendpsychiatrische Praxis in der Region. Die Fachärztin Dr. Susanne Gerber hat damals in Burglengenfeld ein neues Angebot geschaffen – sehr zur Freude der Stadt.
Region gilt offiziell als überversorgt
Insgesamt gibt es laut der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) insgesamt fünf Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, die im Landkreis Schwandorf praktizieren. Die Region gehört demnach zum Planungsbereich Oberpfalz-Nord – dazu zählen die Landkreise Schwandorf, Amberg-Sulzbach, Neustadt an der Waldnaab und Tirschenreuth sowie die kreisfreien Städte Amberg und Weiden. Offiziell liegt der Versorgungsgrad in diesem Bereich bei 115,25 Prozent, sagt KVB-Pressereferent Stefan Berger.
Der Planungsbereich gelte damit – nach den Vorgaben des Gesetzgebers – „als überversorgt“, was entsprechende Fachärzte angeht. Diese Bedarfsplanung beruht auf den bundesweiten Vorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses – sie erfolgt also nicht durch die KVB.
Ich würde sagen, es reicht jetzt erstmal.Dr. Florian Schalkhaußer über die Versorgungslage
Für Patienten ist es mitunter dennoch eine Herausforderung, zeitnah einen Termin zu bekommen. In der Schwandorfer Praxis von Dr. Schalkhaußer liegt die durchschnittliche Wartezeit bei drei Monaten, sagt der Mediziner. Allerdings reagiere die Praxis individuell auf die jeweilige Situation. Bei akuten Fällen würden Termine demnach sehr viel schneller vergeben. „Möglicherweise auch schon nächste Woche“, betont der Facharzt.
Dr. Schalkhaußer selbst bewertet die Versorgungssituation im Landkreis Schwandorf differenziert. „Ich würde sagen, es reicht jetzt erstmal“, sagt der Mediziner. Derzeit sei „alles soweit ausgeplant und ausgelastet“.
Ein Problem sieht der Mediziner eher in einem anderen Bereich, nämlich im Landkreis Cham. Dort gibt es überhaupt keinen niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater, sondern nur ein kinder- und jugendpsychiatrisches Zentrum der medbo. In Schwandorf jedenfalls dürfte sich an der Versorgungslage erst einmal nichts ändern: Dr. Schalkhaußer und sein Team wollen der Stadt erhalten bleiben, wie er betont.