Es ist nie zu spät: Heiner Reinhardt bringt Erwachsenen in Schwandorf Schwimmen bei

Von Selina Schaefer · 23. März 2026 um 17:00

„Wir sind alle in geheimer Mission da“, scherzt ein 44-Jähriger auf der Holzbank am Beckenrand in der Kreuzbergschule in Schwandorf. Denn manchmal weiß nicht einmal die eigene Familie, dass sie sich zum Schwimmkurs treffen. Was viele als Kinder lernen, bringt Heiner Reinhardt in einem VHS-Kurs Menschen bis ins hohe Alter bei. Dabei weiß der langjährige Schwimmlehrer, dass es bei Erwachsenen andere Hürden als bei Kindern gibt.

Es ist die sechste Kursstunde, und Heiner Reinhardt (75) bereitet in der Kreuzbergschule Schwimmnudeln und Bretter vor. Warm ist es, das kleine Becken hat zum Üben angenehme 30 Grad und ist nur maximal 1,30 Meter tief.

„Bei den Erwachsenen ist vor allem die Herausforderung, dass sie den Respekt oder die Angst vor dem Wasser besiegen“, erklärt er. Gelegentlich haben die Teilnehmer schon beim Duschen riesigen Respekt. Ihnen fällt es schwer, Wasser im Gesicht zuzulassen.

Wassergewöhnung fängt schon beim Duschen an und geht mit Untertauchen weiter

Wassergewöhnung ist daher ein zentraler Bestandteil des Kurses. Übungen, wie im Stehen Ringe vom Beckenboden heraufzuholen, sollen die Angst vorm Untertauchen des Gesichts nehmen. Oder: „Ein bisschen untertauchen und die Augen offen haben. Ohne Schwimmbrille, ohne alles.“

Das Atmen beizubringen, mache die größten Probleme. „Unter Wasser ausatmen, über Wasser einatmen“, beschreibt Reinhardt. Das sei für Brustschwimmen wegen des Bewegungsablaufs wichtig. „Dann müssen sie das Gleiten lernen.“ Das habe er mit der Gruppe in der Stunde zuvor unter Wasser geübt. „So baut man dann langsam die Angst ab.“

Über fünf Wochen, jeweils an zwei Tagen, laufen die Übungen. „Die Kurse sind so gut wie immer ausgebucht“, sagt André Meidenbauer, Geschäftsführer der VHS Schwandorf. Zudem stünden derzeit vier Personen auf der Warteliste. Die Nachfrage sei seit Corona gestiegen und komme auch aus dem Umland.

Die Gruppen seien dabei sehr heterogen: Neben Teilnehmern, die aus dem arabischen oder asiatischen Raum stammen und denen es um gesellschaftliche Teilhabe gehe, seien vermehrt auch Deutschstämmige dabei, bemerkt Meidenbauer. Oft handle es sich um ältere Menschen, die sagen: „Ich habe das nie richtig gelernt.“ Die älteste Schülerin war 90 Jahre alt.

Wer nicht Schwimmen kann, fällt gesellschaftlich aus der Norm

An diesem Abend warten vier Männer und zwei Frauen auf der Bank am Becken, bis es losgeht. Eine von ihnen, eine 35-jährige Mutter, sagt, sie nehme teil, „weil meine Kinder schwimmen können und ich mithalten möchte“. Den Kurs habe sie zufällig entdeckt. Sie selbst habe bisher nie Schwimmen gelernt, weil es in ihrer Schule keinen Kurs gegeben habe, und ohne Auto sei ihre Familie nie zum Schwimmen gekommen. Später habe sie es verschwiegen – das Schamgefühl sei zu groß. Wie alle Kursteilnehmer bittet auch sie daher um Anonymität.

Du hast halt immer einen anderen Termin, wenn deine Kumpels sagen: Wir gehen schwimmen. Da fällt dir immer etwas ein.Ein Kursteilnehmer

Dieses Gefühl kennt auch der eingangs erwähnte 44-jährige Mann: „Du hast halt immer einen anderen Termin, wenn deine Kumpels sagen: Wir gehen schwimmen. Da fällt dir immer etwas ein.“ Denn wer nicht schwimmen kann, fällt aus der Norm. „Die Gesellschaft setzt voraus, dass man es kann.“

Dabei schätzt die DLRG, dass rund die Hälfte aller Erwachsenen keine sicheren Schwimmer sind. Zudem gaben laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der DLRG fünf Prozent der über 14-Jährigen in Deutschland an, dass sie nicht schwimmen können – also rund 3,8 Millionen Jugendliche und Erwachsene. Dabei bestünden bundesweit deutliche Engpässe bei Kursen für Erwachsene. „Schwimmkurse richten sich überwiegend an Kinder; Angebote speziell für Erwachsene bleiben die Ausnahme“, teilt ein Sprecher der DLRG Bayern mit.

Um Erwachsenen, aber auch Kindern überhaupt Kurse bieten zu können, gibt es ein großes Problem: die Kapazitäten der Bäder, die oft überbelegt sind und von denen es einfach auch zu wenige gibt. Da sind sich DLRG, Reinhardt und Meidenbauer einig.

Auch in der Schule nicht richtig Schwimmen gelernt

Auch der 44-jährige Kursteilnehmer hatte Mühe, einen Kurs zu finden. Er fahre dafür extra nach Schwandorf. Auch für ihn seien die Kinder der Ansporn. In der ersten Klasse habe er zwar Schwimmunterricht gehabt, aber gelernt habe er dort nichts: „Da ist halt getrennt worden, zwischen Schwimmern und Nichtschwimmern.“

Dann geht es endlich los ins Wasser: Alle gleiten ein paar Bahnen und machen sich wieder mit dem Wasser vertraut, bevor sie am Beckenrand sitzend den Beinschlag üben. Reihum geht Reinhardt und korrigiert, etwa wenn die Fußspitzen bei der Tretbewegung angezogen sind. Anschließend üben die sechs Schüler auf dem Rücken und mit einer Schwimmnudel, sich vorwärts zu bewegen.

Für manche ist es noch ein mühsames Ringen um jeden Beinschlag, bei anderen geht alles bereits recht flüssig. „Ich lerne immer zuerst die Rückenlage“, erklärt Reinhardt. Das sei außer in Deutschland im Rest Europas üblich. Dadurch könnten die Schüler weiter normal atmen, ohne Wasser im Gesicht. Zum Abschluss der Stunde macht Reinhardt Werbung für den Fortgeschrittenen-Kurs. Denn klar ist: Auch nach den fünf Wochen müssen die Schwimmschüler weiter üben.

3,8 Millionen Deutsche über 14 Jahren können laut DLRG nicht schwimmen

• Schwimmer: Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der DLRG sind fünf Prozent der über 14-Jährigen in Deutschland Nichtschimmer, also rund 3,8 Millionen Jugendliche und Erwachsene. Die Hälfte aller Erwachsenen seien keine sicheren Schwimmer, schätzt die DLRG. Sie könnten etwa keine 15 Minuten am Stück schwimmen.

• Tote: 393 Menschen sind 2025 laut DLRG Bayern ertrunken, davon 84 in Bayern. Das sind im Freistaat 14 Fälle weniger als 2024. 66 waren Männer.

• Risikogruppen: Drei Gruppen seien besonders gefährdet. Zum einen Erwachsene zwischen 21 und 30 Jahren, die Gefahren häufig unterschätzen oder Schwimmen nie gelernt haben. Hier sind 2025 laut DLRG in Bayern elf Menschen ertrunken. Zum anderen über 61-Jährige, da es hier vermehrt zu medizinischen Notfällen komme. Das waren im Freistaat vergangenes Jahr 37 Menschen. Und nicht zuletzt Kinder, die nicht schwimmen können oder unbeaufsichtigt sind.