So sehen Regensburger die Armut in ihrer Stadt

Bei einer Befragung in der Domstadt unterscheiden alle zwischen „schuld und nicht schuld“. Die Worte der älteren Generation sind etwas schärfer. Es herrscht Konsens, dass die Armut in Regensburg bekämpft werden muss.
Laura Holler hat ihre Masterarbeit zum Interview mitgebracht. Besonders wichtige Grafiken und Aussagen hat sie eingemerkt. Wenn die 29-Jährige eine Frage nicht gleich beantworten kann, blättert sie in dem Band mit den 114 Seiten.
In Regensburg hat die Armut in den letzten Jahren zugenommen. Das spiegelt der Armutsbericht von 2025 wider. Demnach leben 16,5 Prozent der Bevölkerung an der Armutsschwelle. Diese Regensburger haben weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltsnettoeinkommens zur Verfügung. Bei einem Single sind das monatlich 1446 Euro, bei einer Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren 3036 Euro. Die Mieten sind hoch. Wer an der Armutsgrenze lebt, muss jeden Cent umdrehen.
Von der Softwareentwicklerin bis zum Mechatroniker
Zugleich wird in der Stadt und bundesweit äußerst kontrovers über Transferleistungen und ihre Empfänger diskutiert. Auch deshalb hat sich Laura Holler im Studiengang Soziale Arbeit an der OTH mit Bedürftigkeit befasst. Für ihre Masterarbeit „Das Alltagsverständnis von Armut in einem reichen Land – Eine qualitative Untersuchung der Annahmen und Einstellungen Regensburger Bürger:innen“ hat sie sechs Regensburger umfassend befragt, die in etwa einen Bevölkerungsquerschnitt darstellen: eine Softwareentwicklerin (26), einen Geschäftsführer (67), eine Kinderpflegerin (19), einen Sozialarbeiter (32), eine Büroangestellte (56) und einen Mechatroniker (66).
Jeweils 14 Fragen hat sie gestellt, darunter diese: „Wie, denken Sie, sieht der Alltag armutsbetroffener Menschen aus?“ oder „Wie hoch schätzen Sie Chancen ein, der Armut zu entkommen und wo könnten Barrieren sein?“.
Mir ging es darum, wie die Menschen Armut moralisch bewertenLaura Holler, Masterabsolventin
„Mir ging es darum, wie die Menschen Armut moralisch bewerten“, sagt Holler. „Und wer als unterstützungswürdig betrachtet wird.“
Alle Befragten wissen, wer besonders betroffen ist: Alleinerziehende, große Familien, Migranten, Niedriglohn-Bezieher, Rentnerinnen, Erwerbslose und – oft psychisch – Kranke. Beim Wort Bedürftigkeit denken die Befragten spontan an „Ältere Frauen, die in die Armut gerutscht sind“ und an Menschen mit „wenig Geld bis kein Geld und damit wenig Spielraum, um irgendwie den Tag, den Alltag zu gestalten“. Sie kennen die Einschränkungen: Bei Konsum, Wohnung, Mobilität, Gesundheit, Bildung, Freizeitgestaltung und sozialer Einbettung.

Die Büroangestellte sagt etwa: „Und das ist diese Schere, die ist halt schon auch in einer Stadt wie Regensburg ganz stark, glaube ich. Dass du viel Geld in die Hand nehmen musst, um eine schöne Wohnung zu haben, auch wenn es nur zur Miete ist.“
Alle Befragten haben sich mit Armut beschäftigt, Dokumentationen gesehen oder Podcasts gehört. Unisono sprechen sie sich dafür aus, dass die Armut bekämpft werden muss. Die Mehrheit sagt, Staat und Politik sollten mehr dagegen unternehmen. Die beiden älteren Männer unter den Befragten pochen stärker auf die Eigenverantwortung. Ihre Rhetorik unterscheide sich von den anderen durch eine gewisse Schärfe, sagt Holler. Bei allen aber ist eine Einsicht vorhanden, dass es jeden treffen kann. Zugleich reagieren manche der Befragten kritisch, vor allem bei Arbeitslosigkeit und „selbstverschuldeter“ Armut. „Alle haben unterschieden zwischen schuld und nicht schuld“, sagt die Masterabsolventin.
Die Totalverweigerer machen unter einem Prozent aus
Das habe mit dem Rechtssystem und der religiösen Prägung zu tun. Der Geschäftsführer etwa meint: „Natürlich gibt es welche, da sage ich, die sind selber schuld gewesen, dass sie ihren Hintern nicht bewegt haben, aber es gibt mit Sicherheit viele unverschuldete Fälle.“ Die Totalverweigerer machten weniger als ein Prozent der Arbeitslosen aus, betont Holler. Man könne es keinem zum Vorwurf machen, wenn keine geeigneten Jobs zur Verfügung stehen. Als besonders unterstützungswürdig sehen die Befragten die Menschen, die durch Schicksalsschläge oder Krankheit abgerutscht sind.
„Aber Armut und Ungleichheit werden in unserer Gesellschaft reproduziert“, urteilt Holler und verweist auf die Vermögensaufteilung. Laut Bundesbank besitzt das reichste Prozent der Deutschen fast 28 Prozent des Nettovermögens.
Laura Holler hatte eine wissenschaftliche Laufbahn ins Auge gefasst. Doch dass keine größeren Zusammenhänge diskutiert würden, habe sie gestört. Nun lässt sie sich zur Kinder- und Jugendpsychotherapeutin ausbilden.
Aktueller Einblick
■ 2025 haben die OTH-Professoren Ina Schildbach und Wolfram Backert zusammen mit Absolventen und der Stadt den Regensburger Armutsbericht veröffentlicht.
■ Studienabschluss: 19 Bachelor- und Masterarbeiten sind in Zusammenhang mit dem Armutsbericht erschienen. Teile von Laura Hollers Masterarbeit sind eingeflossen.