Zwischen Zug, Straße und Container: Der Alltag der Bundespolizei Furth im Wald an der Grenze

Strahlender Sonnenschein an der Grenze bei Furth im Wald. Autos rollen Richtung Tschechien, LKWs zurück nach Bayern. Seit Monaten gilt hier ein politischer Auftrag: mehr Grenzkontrollen. Das forderte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt im Mai vergangenen Jahres. Gesagt, getan. Zumindest in Furth. Hier ist die Bundespolizei Tag und Nacht im Einsatz – inklusive Mittagspausen im Eberhofer-Stil. Doch die Bilanz nach einem halben Tag fällt anders aus als erwartet. Die Beamten freut’s.
Es ist ein sonniger Tag, quasi Kaiserwetter, an dem Christian Stöberl, der zuständige Beamte für Öffentlichkeitsarbeit der PI Waldmünchen, zur Begrüßung wartet. Die Szenerie ist typisch Grenze. Die Menschen vor Ort haben sich beim Zigarettenkauf oder Spritbesuch bei den tschechischen Nachbarn schon daran gewöhnt. Grenzposten, Kontrollen und ein improvisiertes Bundespolizeirevier zieren den Landstrich.
Das Grenzschild der Tschechischen Republik ist schon passiert. Und plötzlich steht man in der Einsatzzentrale, im Polizeirevier aus Containern. Seit 2019 ist das die Zentrale der Bundespolizisten in Furth. Den Beamten macht die improvisierte Zentrale nichts aus. Im Gegenteil. „Ich bin jetzt seit 1996 in Furth. Das ist das beste Revier bisher“, sagt Manfred Senft. Er ist der Einsatzleiter. Bei ihm laufen alle Infos zusammen.
Die Informationen von draußen kommen zum Teil von seinen Kollegen Markus Lankes (48) und Moritz Schoplocher (25). Die beiden sind in einer Dienstgruppe und machen viele Schichten als eingespieltes Duo zusammen.
Sieben Kontrollen am Tag in der Länderbahn aus Prag
Um kurz nach 10 Uhr heißt es: Genug Einsatzzentrale, ab zum Bahnhof. Denn in Furth sind die Beamten nicht nur im Auto unterwegs, sondern überprüfen auch die Länderbahn aus Tschechien im Abschnitt von Furth nach Cham. So schnell geht es dann doch nicht. Die Bahn meldet 15 Minuten Verspätung. Mehr Zeit für Infos. Sieben Züge muss die Bundespolizei pro Tag kontrollieren, sagt Senft. Dass sie an diesem Donnerstag eine Bahn nicht kontrollieren werden, wissen die Beamten erst rund eine halbe Stunde später.
Über die Mehrbelastung durch den Dobrindtschen Grenzkurs mag man auf dem Revier wenig sagen. Auch wenn es natürlich mehr Belastung bei nahezu gleicher Besetzung sei. „Es ist eine Entscheidung der Politik, so ist das eben“, heißt es. Unglücklich wirken die Beamten deshalb nicht. „Ich würde genau wieder den Beruf wählen. Es ist das Besondere, jeden Tag etwas Neues zu erleben“, sagt Senft. Nicken in der Runde. Dann kurze Hektik. Die Bahn hat – zur Überraschung aller – doch nicht so viel Verspätung.
Die Bahn hat Verspätung
Mit einem heißen Reifen erreichen die Beamten den Bahnhof in Furth. Der Zug steht am Gleis. „Kannst du noch kurz warten? Wir sind schon da“, sagt Markus Lankes zum Zugführer der Länderbahn am Telefon. Fehlanzeige. Dieser erteilte bereits das Schrankensignal. Trotz Zwischensprint auf die Überführung – keine Chance. Bei der Bahn hat auch die Polizei keine höheren Mächte.
Den Vorfall haken die Beamten unter „Sollte nicht passieren, darf aber mal passieren“ ab. Also Planänderung. Ab auf die B85. Schleierfahndung. Wie früher. Denn heute steht die klassische Schleierfahndung hinten an. „Bahn- und stationäre Straßenkontrollen haben Vorrang“, sagt Lankes. Nach kurzer Wartezeit vor dem Deschlberg-Tunnel sehen die Polizisten einen grauen Ford Focus. „Wir entscheiden da einfach mit ein wenig Gespür und Erfahrung“, sagt Lankes, während der Fahrer die Verfolgung aufnimmt.

Die Kontrolle lässt sich kurz zusammenfassen. Ein Tscheche auf dem Weg zur Arbeit. In der Kontrolle: der Tscheche nervös, die Polizisten ruhig, besonnen, freundlich. Der Mann hat nichts Verbotenes dabei, also darf er nach der fünfminütigen Überprüfung seiner Personalien weiterfahren. „So soll es ja sein. So verstehe ich im Endeffekt auch meinen Job. Wir wollen ja präventiv arbeiten und nicht jemanden drankriegen“, sagt Lankes.
Die Bundespolizei war als Kind nicht sein Traumjob. Jetzt ist er glücklich mit seiner Wahl – vor allem, nachdem er nach 17 Jahren am Flughafen in München zurück in seine Geburtsstadt wechseln konnte. Auch Schoplocher hat früher nicht von einer Polizeikarriere geträumt. Nach den ersten Tagen in Bamberg bei seinem Ausbildungsstart habe er aber schnell Spaß an seinem Job gefunden.
Kleinlaster, LKWs, Autos – alles im Visier
Nach der Schleierfahndung bleibt nicht viel Zeit. Schoplocher und Lankes machen sich auf den Weg zum stationären Grenzübergang. Um die Mittagszeit herrscht ordentlich Betrieb. Autos, LKWs, Kleinlaster. Schlägt das „Gespür“ der Beamten an, zieht Lankes den Fahrer mit der Kelle heraus. „Schönen guten Tag, Grenzkontrolle. Bitte hier rechts zum Zelt fahren.“
Ausnahmslos alle Grenzüberquerer verhalten sich an diesem Donnerstagvormittag sehr kooperativ. Die Klassiker werden gecheckt. Ausweis, Führerschein, Fahrzeugpapiere. In manchen Fällen der Kofferraum. Bei Kleintransportern die Ladefläche. Bilanz: alles tadellos. Manchmal wird es kurios, aber nicht strafbar. Ein Autofahrer fährt beispielsweise ausgeschnittene Pfandetikette von Plastikflaschen spazieren.
Schoplocher und Lankes sind jetzt seit gut sechs Stunden im Dienst. Die Mittagspause muss warten. Um 12.22 Uhr kommt der nächste Zug aus Prag. Bloß nicht nochmal verpassen. Also geht es rechtzeitig vom Grenzposten los. Der Zug fährt ein. Kurzer Gruß an den Lokführer und dann Patrouille durch die Reihen und Abteile. Die Zeit drängt. Furth – Cham: 13 Minuten.

Viel mehr als zwei tschechische Studenten ohne Pass, aber mit Foto vom Ausweisdokument und Studentenausweis, und eine Taschenkontrolle bei einem Herrn mit Wunschziel Schwandorf gibt es nicht. 16 Kontrollen waren es insgesamt. „Jetzt war auch sehr wenig los. Aber auch wenn mehr los ist, schafft man nicht unbedingt mehr Personen“, sagt Lankes. Verständlich, bis zur Haltestelle in Cham sollten die Beamten nämlich durch sein. Dort wartet der Kollege mit dem Einsatzbus.
Leberkassemmeln zum Mittag ganz wie beim Eberhofer
Mittagessen? Mittagessen. Stöberls Frage stößt auf Zustimmung. Also wird auf dem Rückweg zum Container-Revier Halt gemacht. Leberkassemmeln – ganz Eberhofer-like. Im Sozialraum essen die Beamten zusammen, unterhalten sich über kuriose Fälle. Anschließend gibt’s Kaffee. Eins bleibt hängen: Sie alle machen ihren Job gerne. Die Abwechslung sei ausschlaggebend. Um 14.22 Uhr kommt der nächste Zug in Furth an. Dann geht es weiter. Bis dahin steht Papierkram auf der Tagesordnung.
Bis zum Feierabend dauert es noch. Tagschicht heißt 6.30 Uhr bis 18.30 Uhr. Zwölf Stunden. Da hilft das Koffein durchaus. Delikte gebe es fast täglich. Passiert an einem Tag, wie an diesem Donnerstagvormittag, nichts, dann oft am nächsten gleich mehrere, so die Beamten. In Furth scheinen sich die wenigsten an den Dobrindtschen Grenzvorgaben zu stören – zumindest nach außen. An diesem Donnerstagvormittag bleibt es ruhig. Für die Beamten ist das kein schlechtes Zeichen: Es gehe ja um Prävention, und nicht um Zugriffe.