Wirtschaftswissenschaftler Enzo Weber: „Wir müssen Schluss machen mit Abstiegskampf“

Geopolitische Spannungen, überbordende Bürokratie und ein rasanter technologischer Wandel setzen die Wirtschaft unter Druck. Auch in Ostbayern wächst die Verunsicherung – nicht zuletzt wegen zahlreicher Meldungen über Jobstreichungen in der Industrie. Der Wirtschaftswissenschaftler Enzo Weber sieht dennoch keine Arbeitsmarktkrise. „Wir haben kein Zusammenbruchsproblem – wir haben ein Erneuerungsproblem.“
Die Beschäftigung in Deutschland sei insgesamt stabil, sagte der Arbeitsmarktforscher am Mittwoch beim gemeinsamen Jahresempfang der Industrie- und Handelskammer (IHK) Regensburg und der Handwerkskammer (HWK) Niederbayern-Oberpfalz. Zwar gehe die Zahl der Industriejobs zurück. Andere Branchen – beispielsweise im Gesundheitsbereich oder Finanzwesen – würden jedoch deutlich wachsen.
Die Entwicklung in der Industrie kommt laut Weber, Lehrstuhlinhaber an der Universität Regensburg und Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit, aber nicht daher, dass prominente Konzerne Jobs streichen. „Die Beschäftigung schrumpft schon seit Jahren bei den kleineren Firmen.“ Bei den großen Unternehmen sei sie – bis auf Ausnahmen – bis zuletzt gewachsen. „Wir haben eine Krise der Kleinen. Das ist unsere Industriekrise.“
Enzo Weber spricht von einer „Erneuerungskrise“
Diese Entwicklung sieht Weber als Teil eines größeren Problems. Deutschlands Wirtschaft fehle es an Dynamik. Es müssten viel mehr neue Stellen geschaffen werden, erklärte der Wirtschaftswissenschaftler den bei der IHK Regensburg versammelten Unternehmern, Politikern und Verbandsvertretern. „Das ist eine Erneuerungskrise“, so Weber. „Uns bricht nicht gerade der Bestand zusammen, sondern wir haben eine Transformationsphase, in der wir mehr Neues schaffen müssten.“

Wieso das bislang nur schleppend gelingt, hatte zuvor bereits Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger in seinem Grußwort zu erklären versucht: Die Unternehmen würden von der Geschwindigkeit der Transformation mitunter „überrollt“. „Aber Sie haben in den letzten Jahrzehnten bewiesen, dass Sie es können und Sie werden es auch weiterhin können“, richtete der Freie-Wähler-Chef sein Wort direkt an die Firmenvertreter.
Die Potenziale seien vorhanden, sagte auch Arbeitsmarktforscher Weber. „Deindustrialisierung ist kein Automatismus, der einfach die deutsche Industrie wegschwemmt.“ So entstünden beispielsweise durch eine „gut gemachte Energiewende“ viele neue Jobs beispielsweise im Maschinenbau oder der Elektrotechnik. Das Gleiche sei beim Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft der Fall. Mit Blick auf die Verkehrswende würden im Bereich der Verbrennermotoren zwar Stellen abgebaut, gleichzeitig könnten aber viele neue entstehen, sagte Weber.
Keine Angst vor Künstlicher Intelligenz
„Kaum ein Land ist für eine solche industrielle Transformation so gut aufgestellt wie Deutschland.“ Man habe weltweit mit die besten Kompetenzen, zeigte sich der Wissenschaftler überzeugt: „Die Erneuerungsbremse muss gelöst werden. Wir müssen Schluss machen mit Abstiegskampf.“
Auch mit Blick auf den rasanten Fortschritt bei Künstlicher Intelligenz warnte Weber vor überzogenen Sorgen. Neue Technologien hätten in der Vergangenheit zwar immer wieder einzelne Tätigkeiten verdrängt, gleichzeitig aber auch neue geschaffen. „Was wir sehen, ist ein Umbruch – kein Einbruch“, sagte der Ökonom. Entscheidend sei, dass die neu entstehenden Jobs schneller wachsen als die alten verschwinden.
Damit der Wandel gelinge, müsse die Politik allerdings die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, betonte Weber. Dazu gehörten Investitionen in die Infrastruktur der Zukunft – etwa in Energieversorgung, Netze und Digitalisierung. Auch Unternehmensgründungen müssten stärker gefördert werden.
Vorschlag: Abfindungen steuerfrei stellen
Zugleich könne der Staat Innovation gezielt unterstützen, etwa durch Förderprogramme. Wichtig sei außerdem, Beschäftigten den Wechsel in neue Tätigkeiten zu erleichtern. Konkret forderte Weber, Abfindungen steuerfrei zu stellen, wenn die Beschäftigten möglichst schnell wieder in Arbeit kommen. Zudem sollten Investoren in den ersten Jahren auf befristete Arbeitsverträge setzen dürfen – ähnlich wie bei Start-ups. Die Politik müsse darauf drängen, dass das Innovationspotenzial in Deutschland freigesetzt werde, sagte der Arbeitsmarktforscher.
„Trotz aller Herausforderungen sollten wir geschlossen nach vorne schauen“, sagte auch der Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, Georg Haber. „Lamentieren bringt uns nicht weiter, wir müssen den Wandel aktiv gestalten.“ Er schlug in eine ähnliche Kerbe wie Wissenschaftler Weber: „Der Druck ist groß, aber darin liegt auch eine Chance.“ Das hatte auch Christian Volkmer, Präsident der IHK Regensburg für die Oberpfalz und Kelheim, zu Beginn des Jahresempfangs bereits betont: „Wir haben Grund zur Zuversicht.“ Besonders der starke Mittelstand sei ein entscheidender Wettbewerbsvorteil Deutschlands.