Alle zwei Stunden kracht es im Kreis Cham: Fast doppelt so viele Tote auf den Straßen

Von Tanja Fenzl · 5. März 2026 um 19:00

„Jeder Verkehrstote ist einer zu viel“, sagt Christian Hiergeist. Der Sachbearbeiter Verkehr hat bei der Pressekonferenz am Donnerstagvormittag eine 34 Seiten dicke Zusammenfassung der Unfallstatistik für das vergangene Jahr vor sich liegen. Im Kellergewölbe des Chamer Polizeigebäudes in der Ludwigstraße versuchen er und seine Kollegen sich an Erklärungen, warum es 2025 zu einem doch deutlichen Anstieg von Unfällen und besonders von Unfalltoten gekommen ist.

4256-mal mussten Polizeibeamte im Landkreis zu Verkehrsunfällen ausrücken – im Jahr zuvor „nur“ 3968-mal. Der Anstieg von 7,26 Prozent geht konform mit den Zahlen oberpfalzweit, wo ebenfalls fast fünf Prozent mehr Unfälle registriert wurden. Fast verdoppelt hat sich allerdings die Zahl der Verkehrstoten im Landkreis Cham – von fünf im Jahr 2024 auf neun im vergangenen Jahr. Fünf davon waren auf zwei Rädern unterwegs, betont Hiergeist, vier Kraftradfahrer und ein Verkehrsteilnehmer mit einem E-Bike. Das passt ins Bild, denn, wie Hiergeist weiß: „Die Anzahl der Verkehrsunfälle mit beteiligten Krad-Fahrern hat zugenommen. Die Zahl der Verletzten dieser Spezies ist ebenfalls angestiegen.“ Immerhin: Die Zahl der bei Unfällen verletzten Personen ist mit 651 Personen laut Statistik leicht rückläufig (minus 3,9 Prozent).

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Hauptunfallursache war im vergangenen Jahr laut Bericht ein zu geringer Abstand zum Vordermann, gefolgt von Fehlern beim Abbiegen, Wenden oder Rückwärtsfahren und Verstößen gegen das Rechtsfahrgebot – wenn also der Autofahrer auf die Gegenfahrbahn geraten ist. Unfälle mit Schwerverletzten oder Unfälle mit Todesfolge ereigneten sich vor allem aufgrund von Abbiegefehlern, Wenden oder Rückwärtsfahren, weil ein Fahrer vorher Alkohol getrunken oder weil ein Fahrer die Vorfahrt missachtet hatte.

Alkohol am Steuer: deutlicher Anstieg

Hiergeist: „Bei der Unfallursache Alkohol ist ein deutlicher Anstieg zum Jahr 2024 zu verzeichnen, bei der Ursache Geschwindigkeit ist ein erfreulicher Rückgang zu vermelden.“ Alkohol als Unfallursache bei den jungen Erwachsenen wurde in neun Fällen verzeichnet, was einem Anteil von rund 17 Prozent aller alkoholbedingten Unfälle entspricht.

Auffällig sei, dass sich die Hälfte aller alkoholbedingten Unfälle am Wochenende ereignete.

Einen traurigen Höchststand musste Hiergeist bei den Schulwegunfällen vermelden. Neun Unfälle mit zwei schwer und acht leicht verletzten Kindern ereigneten sich im vergangenen Jahr auf dem Weg zur oder von der Schule. In vielen Fällen wurden dabei Schüler beim Überqueren der Straße von einem Auto erfasst.

Zahlreiche Unfälle auf und mit Zweirädern

Ein Höchststand wurde im vergangenen Jahr auch bei den Unfällen mit Fahrrädern oder E-Bikes verzeichnet: 111-mal waren Rad- und Pedelec-Fahrer beteiligt. „Die Freizeitbeschäftigung Radfahren wird eben immer beliebter“, resümiert Hiergeist und bricht eine Lanze für das Tragen eines Helmes: „Dann wird der Radfahrer vermutlich nicht unverletzt bleiben, aber eine schwere Verletzung kann er damit wohl vermeiden.“ Zehn Radfahrer wurden 2025 bei Unfällen schwer verletzt, 34 leicht, ein Pedelec-Fahrer starb bei einem Unfall.

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Keinen neuen Höchststand, aber eine deutliche Zunahme zum Vorjahr legt der Unfallbericht bei Wildunfällen offen. 1797 Wildunfälle ereigneten sich im vergangenen Jahr – eine Zunahme von fast sieben Prozent. „Daran sieht man auch, dass wir in unserem Landkreis einfach viel Wald und Natur haben“, erklärt Hiergeist.

Unfallflüchtige beschäftigen die Polizei

Ein großer Teil des Unfallgeschehens fällt auf das Phänomen Unfallflucht, wie Hiergeist beschreibt. Stephan Gürster, Leiter der Polizeiinspektion Cham, richtet sich an die Bevölkerung: „Bei der Aufklärung sind wir auf Hinweise angewiesen.“ Ein Drittel der 582 Unfallflucht-Ereignisse – ebenfalls ein Allzeit-Höchststand – wurde aufgeklärt. „Ohne Zeugenmitteilung ist die Klärung bei Bagatellschäden sehr schwierig“, so auch Hiergeist.

Neben der Unfallstatistik stellte Hiergeist auch eine Übersicht über Einsätze im Bereich der Verkehrskontrolle zusammen. So leisteten Polizeibeamte im Landkreis im vergangenen Jahr 744 Einsatzstunden mit der Laserpistole. 325 Autofahrer wurden verwarnt, 996 Fahrer wegen einer Tempoüberschreitung von mehr als 15 Stundenkilometern angezeigt. 53 Fahrer mussten anschließend mindestens einen Monat auf ihren Führerschein verzichten.

Bei Kontrollen wurden außerdem 269 Trunkenheits- und 239 Drogenfahrten aufgedeckt. 62-mal verhinderten Polizeibeamte eine Trunkenheitsfahrt.

Hunderte Fahrer mit dem Handy erwischt

Deutlich öfter wurden Autofahrer beanstandet, weil sie elektronische Geräte während der Fahrt bedienten. „Scheinbar ist die Erhöhung des Bußgelds auf 100 Euro und ein Punkt nicht genügend Abschreckung“, so Gürster abgeklärt. 550 (Vorjahr 384) Fahrzeugführer wurden ertappt. Dabei sei die Dunkelziffer vermutlich extrem hoch, „weil man eigentlich nur bis Brusthöhe sieht, ob jemand ein Handy bedient. Wenn jemand weiter unten im Auto textet oder irgendetwas mit dem Handy macht, kann man das von außen eigentlich kaum erkennen“, sagt auch stellvertretender PI-Leiter Marco Müller.

„Insgesamt zeigt das Unfallgeschehen, dass sich auf den Erfolgen der Vorjahre nicht ausgeruht werden kann. Jedes Jahr muss aufs Neue versucht werden, die Straßen sicherer zu machen“, resümiert Hiergeist. Das könne nur durch wiederkehrende Appelle an die Vernunft, ein gutes Vorbild und konsequente Kontrollen gelingen. „Es scheint, dass wir mit diesen konstant hohen Unfallzahlen leben müssen. Dabei müssen getötete oder verletzte Verkehrsteilnehmer jedoch bestmöglich vermieden werden.“