101 Jahre alt und noch immer im Beruf, aber das ist ihm wirklich wichtig

Von Jochen Dannenberg · 5. März 2026 um 11:00

Wenn jemand 80 Jahre alt wird, sagt man, das ist ein schönes Alter. Wenn jemand 90 Jahre alt wird, spricht man gerne von Gnade. Und wenn man noch älter ist? Was denkt jemand mit über 100 über das Leben. Was ist für ihn wichtig? Wir haben bei Dr. Joachim Hess nachgefragt. Er ist vor wenigen Tagen 101 Jahre alt geworden und arbeitet noch immer.

Jeden Mittwoch ist er in seiner Firma IntertecHess in Neustadt a.d. Donau, die seit vielen Jahren sein Sohn Martin führt, tüftelt an technischen Problemen und tauscht sich mit den Mitarbeitern aus. „Ich blicke auf ein erfülltes Leben mit extremen Aufs und Abs zurück“, sagt er. „Ich möchte keinen einzigen Tag vermissen, auch die schlechten nicht. Weil ich daraus gelernt habe, dass man nur mit Optimismus überleben kann.“

Dass nicht immer alles auf Anhieb funktioniert, ist den promovierten Maschinenbauer ein steter Ansporn. Regelmäßig geht es damit um die Frage: Warum? Während das im Beruf zu neuen Erfindungen führt, ist es für den 101-Jährigen auch zu einer Lebenseinstellung geworden, die sich mit dem „Prinzip Hoffnung“ umschreiben lässt. Dr. Joachim Hess beschreibt diese Einstellung so: „Es gibt immer ein Vorwärts. Man darf nie im Zorn zurückblicken, sondern man muss sich an die schönen Momente erinnern.“

Sie waren 70 Jahre miteinander verheiratet

Zu den schönsten Momenten gehört für ihn die Liebe zwischen ihm und seiner bereits verstorbenen Frau. Die beiden hatten sich im Studium kurz nach dem Zweiten Weltkrieg kennengelernt und waren über 70 Jahre miteinander verheiratet. Jahre, die Hess nicht missen möchte. „Sie war der Glücksgriff meines Lebens“, sagt er. Sein Glück war aber auch immer der Beruf. Bevor er sich mit Intertec selbstständig machte, baute er „mit Herzblut“, wie er sagt, die Eriag-Raffinerie in Ingolstadt auf, ehe er nach dem Tod von Konzernchef Einrico Mattei „von heute auf jetzt“ die Spitze der Raffinerie verließ. Der Grund waren die personellen Veränderungen in der Konzernspitze in Italien und deren Auswirkungen bis nach Ingolstadt. „Mir war klar, das ist nicht mehr meine Zukunft. Wenn ich mich jeden Tag ärgere, kriege ich einen Herzinfarkt.“

Die Eriag-Raffinerie in Ingolstadt war sein Werk. Doch dann verließ Dr. Hess das Unternehmen „von heute auf jetzt“ und gründete ein eigenes Unternehmen. - Foto: Familie Hess

Auch deshalb würde der 101-Jährige seinen Enkeln raten: „Man muss nach vorne blicken und immer positiv eingestellt sein.“ Und weiter: „Es geht euch gut. Ihr müsst dafür sorgen, dass es euch auch in Zukunft gut geht.“ Wichtig dafür sei die „richtige Haltung“ und die, erklärt Hess, bedeute, dass man das Positive im Leben sehen müsse. „Es kann etwas noch so schlecht sein, es ist immer auch was Gutes drin.“

Es geht für Hess insoweit nicht nur um das „Prinzip Hoffnung“. „In gewisser Weise bin ich gläubig“, sagt er. „Ich spreche jeden Morgen ein Gebet.“

Dankbarkeit ist ein anderes Stichwort, mit dem er sein Leben beschreibt. Er ist dankbar für den Erfolg im Beruf, seine Familie und die vielen gemeinsamen Jahre mit seiner Frau, sagt er. Dabei geht es ihm jedoch um mehr. Es geht um die Einstellung zum Leben, die er so zusammenfasst:. „Wenn ich eine negative Einstellung habe, wird jeder Tag zum Grauen.“

Schaffensfreude und Humor sind ihm wichtig

Das Mittel des 101-Jährigen gegen das Grauen: „Ich arbeite gern. Ich verspüre Schaffensfreude.“ Wobei sich die auch mit Lebensfreude übersetzen lässt. Und dafür braucht es oft nur Kleinigkeiten, betont Hess. „Ich freue mich beispielsweise, wenn ich auf Menschen zugehe und die mich unwillkürlich freundlich ansehen und wenn sie dann noch lachen. Denn: Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag.“

Und was sollen die Enkel einstmals von ihm in Erinnerung behalten? „Das ist eine schwierige Frage“, sagt der 101-Jährige, denkt kurz nach und antwortet dann: „Dass der Opa gerne Witze erzählt, gerne gelacht und wenig von den schlechten Dingen im Leben erzählt hat.“

Er liebt Oldtimer: Joachim Hess war als 100-Jähriger mit seinem Sohn Felix Hess in einem weißen Peugeot von 1966 bei der Donau Classic am Start. - Foto: Markus Banai, Donau Classic