Fans in Neustadt sind überzeugt: Kesselfleisch ist besser als sein Ruf

Winterzeit ist Kesselfleischzeit. Zumindest war das früher so, doch das Kesselfleisch ist aus der Mode gekommen. Es sei zu fett und habe zu viele Kalorien, heißt es. „Zu Unrecht“, sagt eine Gruppe von Bürgern in Schwaig (Landkreis Kelheim). Hier wird die Ehre des Kesselfleischs verteidigt.
Am Samstag war es wieder so weit. Am Vereinsheim des Sportvereins in Schwaig, rauchte seit früh um sieben der Kessel. Sepp Pilz hatte den 75 Liter fassenden Kessel mit Wasser gefüllt und dann, als das Wasser kochte, mit Schweinefleisch gefüllt. „Ganz unten halbe Köpfe, dann die anderen Sachen und ganz zuletzt, wenn die großen Stücke eigentlich schon fertig sind, kommen die Nieren, Herzen und Zungen hinein“, erklärt Pilz.
Um die Übersicht zu bewahren, hat er diese kleineren Stücke in ein Netz gesteckt. So kann er später die Innereien auch mit einem Griff wieder aus dem Kessel holen.
Soweit die Tradition. Früher musste man sich seinen Anteil am Kesselfleisch verdienen. Kesselfleisch gab es nur im Winter, denn im Winter wurde geschlachtet. In vielen Familien wurde noch eine Sau für den Eigenbedarf gefuttert und wenn es dann so weit war, dass die Sau „reif“ war, kam die ganze Familie zusammen. Am frühen Morgen wurde die Sau gestochen und anschließend zerlegt. Und während die ganze Familie half, um zum Beispiel die Wurst herzustellen, wurde ein Kessel für das Kesselfleisch angeheizt. Der Tod der Sau und ihre Verarbeitung waren nämlich ein Fest. Es gab viel zu essen und auch manchen Schnaps. Und jeder, der half, bekam einen Anteil. Oft wurde auch der Pfarrer im Dorf bedacht, wie Sepp Pilz weiß.
Ein Essen als Saisonauftakt und für die Geselligkeit
Beim Schwaiger Sportverein nimmt man es mit der Tradition nicht ganz so genau, aber dafür liebt man das Kesselfleisch genauso wie früher. Es wird keine Sau mehr geschlachtet, sondern das Fleisch im Schlachthof gekauft. Das Fest konzentriert sich ausschließlich auf den Kessel und das, was darin köchelt. „Wir machen das jetzt seit fünf Jahren“, sagt Mike Hartl, Vorsitzender der Stockschützenabteilung. „Das Kesselfleischessen ist Saisonauftakt, bereits am nächsten Wochenende geht‘s zum ersten Turnier. Und es geht um die Geselligkeit. Der Verein soll mehr als nur der Sport sein. Darum kommen wir hier zusammen.“

Wobei es immer auch um die Frage geht, ob so ein Kesselfleisch denn heutzutage noch „korrekt“ ist. Über die eigene Gesundheit denken auch die überwiegend nicht mehr ganz so jungen Stockschützen in Schwaig nach. „Natürlich kommt es darauf an, wie viel und wie oft man Kesselfleisch isst“, sagt Experte Pilz. „Aber das ganz fette Fleisch wird eh nicht gegessen.“ Beim Kesselfleisch gebe es zudem auch magere Stücke. „Und was übrig bleibt, wird zu Presssack verarbeitet und das Fett, was danach noch übrig ist, bekommen die Hühner.“
Ehrliches Essen ohne Zusatzstoffe
Helga Kiermeyer bestätigt und ergänzt, dass Kesselfleisch genauso wie der Presssack ein äußerst ehrliches Essen ist: „Man sieht, was auf den Teller kommt.“ Und im Gegensatz zu Wurst, die aus dem Supermarkt kommt, würden keine Zusatzstoffe verwendet. So besteht der Presssack der Stockschützen tatsächlich nur aus Fleisch, der Gelatine aus den Schwarten sowie Essig, Salz, Pfeffer und Majoran.

Dennoch, sagen Helga Kiermeyer, Sepp Pilz und Mike Hartl, ist Kesselfleisch kein kalorienarmes Essen. „Aber es hat auch keine Panade, ist nicht in Fett gebacken und es gibt auch keine Soße.“ Stattdessen gibt es beim Essen an den Biertischen vorm Vereinsheim lediglich Brot, Salz, Pfeffer und Zwiebeln.
Als das Kesselfleisch schließlich auf den Tisch kommt, zählen solche Überlegungen nicht mehr. Die Stockschützen freuen sich über das Mahl und ein jeder sucht sofort nach den Stücken, die ihm am besten schmecken – Zunge, Kronfleisch oder Bäckchen. Auch die Drüsen sind begehrt.
Eine Stunde später ist das Traditionsessen beendet. Die Reste des Mahls werden sortiert, die mageren Stücke klein geschnitten, Fettes gewolft und zu Presssack verarbeitet. Noch am Nachmittag ist der fertig. Er soll bei den nächsten Vereinsterminen verspeist werden.
