„Stroh zu Gold“: Regina Hellwig-Schmid bearbeitet in der Minoritenkirche ihr Lebensthema

Die Regensburger Künstlerin, Performerin und Netzwerkerin bespielt ab 29. März das weitläufige Kirchenschiff - und fragt, wer Werte definiert: Der Markt? Die Arbeit? Der Glaube?
Wer dieser Tage am Atelier am Wiedfang, direkt am Donauufer, durchs Fenster schaut, sieht vermutlich Regina Hellwig-Schmid, versunken in kontemplatives Tun. Sie vergoldet Strohhalme, überzieht sie mit einer leicht klebrigen Emulsion, wickelt sie in dünne Goldblättchen und fixiert den Überzug mit Lack. Die Arbeit geht langsam voran und fordert Konzentration. „An einem Abend“, hat die Künstlerin, Performerin und Netzwerkerin mal nachgezählt, „schaffe ich vielleicht zwölf Stück.“
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Nur zwölf! Am Ende werden viele viele Goldhalme Teil ihrer Installation in der Minoritenkirche sein. Regina Hellwig-Schmid bespielt für sieben Wochen das weite Kirchenschiff – ein Privileg an die Regensburger Kulturpreisträgerin 2024. Der Titel ihres Projekts: „Stroh zu Gold“. „Mein Lebensthema“, sagt die Künstlerin beim Besuch im Atelier.
Es riecht nach Stroh, es raschelt leise beim Greifen nach dem nächsten Halm und vor den Augen der Besucherin vollzieht sich die Wandlung eines banalen Dings in eine wunderherrliche Sache. Das Gold glänzt matt, lässt den fragilen Stängel stabil aussehen, gibt dem leichten Röhrchen eine gewisse philosophische Schwere, versendet Schönheit und verheißt Freude.

Beharrliches Arbeiten, serielle Projekte und die Gabe, das Unscheinbare, Greifbare aufzuladen mit tieferen Botschaften, vor allem: tieferen Fragen, ziehen sich durch das Werk von Regina Hellwig-Schmid von Anfang an. Die Brache der abgewrackten Wurstfabrik am Donaumarkt überzog sie 2008 mit 3000 Quadratmetern Rollrasen, um den „PerspektivWechsel“einzuläuten. Für das Projekt „Verletzte Zeit“ pinnte sie für jeden Tag ab Hitlers Machtergreifung 1933 bis zu Kriegsende 1945 ein Kärtchen; jedes rief bei Besuchern andere Erinnerungen und Assoziationen wach.

Für „Pandoras Vorratskammer“ beklebt sie seit Jahrzehnten Infusionsflaschen mit Schlagzeilen aus der Zeitung wie etwa: „Alles, nur kein Sex“ oder „Die fröhliche Katastrophe“, die den Gedankentransfer in Fluss bringen. An On Kawaras „Today Series“ erinnern die Arbeiten oder an „Balkan Baroque“ und die Knochen bürstende Marina Abramovic. „Ich liebe Sisyphos-Arbeiten“, sagt Regina Hellwig-Schmid, während sie einem Halm das Finish gibt. „Der größte Luxus ist, sich zu verschwenden.“
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Stroh zu Gold – das Thema hat Hellwig-Schmid immer wieder neu bearbeitet. „Mein ganzes Leben steckt da drin“, sagt sie, die ganze Existenz einer freischaffenden Künstlerin, die Gedanken Gestalt gibt, gegen Trends, Widerstände und Widrigkeiten, die aus Ideen überzeitliche Werte schafft – und aus der Summe all ihrer Erfahrungen hinterfragt, was Werte überhaupt sind. Im Folder zur Ausstellung heißt es: „Stroh zu Gold steht sinnbildlich für den menschlichen Drang, dem scheinbar Wertlosen Bedeutung zu verleihen – und stellt die Frage, wer diesen Wert definiert: Markt, Arbeit, Glaube – oder ein Märchen?“
Ist es also das 24-karätige Gold, das den Halm wertvoll macht? Oder die Zeit, die investiert wird? Oder der Impuls, den er im Betrachter auslöst, und das Bewusstsein, das er verändert? Die Zahl an Stunden, die Hellwig-Schmid aufwendet, ist es jedenfalls nicht. „Und wenn mich in der Ausstellung jemand fragt: Wie lange haben sie für einen Halm gebraucht?, ist die Antwort: mein Leben lang.“

„Stroh zu Gold“ tippt viele Felder an: Es geht um falschen Glanz und Täuschung, die im Märchen vom „Rumpelstilzchen“ eine Rolle spielen. Um den Glauben respektive die Angst, die Dinge erst kostbar machen, wie aktuell am Kurs für Goldpreis schön zu sehen ist. Um den Gehalt als ein Symbol für Liebe, das wir uns als Ring an den Finger stecken. Und auch um den Wunsch, sich mit Gold Ansehen zu verschaffen, von dem eine ganze Branche lebt.
Jedes Kunst-Projekt macht Hellwig-Schmid reicher
Stroh steht für Ernte, Nahrung und Überleben, für Arbeit und Kreisläufe. Gold symbolisiert Macht, Transzendenz, Reichtum. „In der Begegnung beider Materialien wird sichtbar, dass Wert keine feste Größe ist, sondern eine Zuschreibung – ein kultureller, sozialer und ökonomischer Akt“, heißt es im Folder. Die Künstlerin selbst fühlt sich durch ihre Arbeit beschenkt: „Ich werde dabei reicher, auch wenn ich nichts verkaufe.“ Sie holt sich sieben Frauen und Männer in die Minoritenkirche, von der Biobäuerin bis zum Journalisten, um jeden Sonntag ein paar Minuten lang die Facetten von Gold anzureißen. Dann folgt eine Performance und man kommt ins Gespräch.
Die Menschen, die zur Zeit durchs Fenster ins Atelier schauen, reagieren übrigens alle gleich, sagt Hellwig-Schmid: „Die freuen sich und lächeln.“
Info: Installation, Gespräche, Performance und Film
„Stroh zu Gold“ eröffnet am 29. März (11 Uhr) in der Regensburger Minoritenkirche. Kulturwissenschaftlerin Christian Heibach gibt eine Einführung. Die Ausstellung läuft bis 17. Mai. An sieben Sonntagen (ab 5. April, immer um 11 Uhr) geben geladene Gäste Impulse rund um Gold, im Anschluss zeigt Regina Hellwig-Schmid die Performance „Stroh zu Gold – zwischen Begehren und Erfüllung“. Zur Installation läuft in der Minoritenkirche ein Film über den Schaffensprozess. Die Ausstellung veranstaltet das Kulturamt in Kooperation mit den Museen der Stadt. Jeden ersten Sonntag im Monat ist der Eintritt frei. Alle Details bei: regensburg.de/strohzugold